Biografie von Elfriede Maria Scholz
Bergstraße 42, Nähe Treppe
Elfriede Scholz wurde als fünftes und jüngstes Kind eines Buchbinders geboren, sie ging in Osnabrück zur Schule. Aufgrund gesundheitlicher Probleme erlernte sie zuerst keinen Beruf und wechselte ab Herbst 1917 mehrfach Wohnort und Arbeit. So war sie im Dezember 1917 als Dienstmädchen in Duisburg tätig, wo ihr Bruder Erich Paul Remark – der Autor des 1928/29 veröffentlichten Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“, der sich seit 1922 Erich Maria Remarque nannte – verwundet in einem Lazarett lag. Nach ihrer Rückkehr nach Osnabrück erlernte sie den Beruf der Schneiderin, im November 1922 legte sie die Gesellenprüfung ab. Hier wurde im Sommer 1923 auch ihre Tochter Ingeborg geboren, die allerdings kurz darauf starb. Nach 1926 wechselte sie dann erneut mehrfach den Wohn- und Arbeitsort: Sie arbeitete zuerst als Hausschneiderin in Leipzig, 1927 ging sie nach Berlin; 1929 zog sie nach Dresden, wo sie zuerst bei einem Schneidermeister in der Bautzner Straße arbeitete. In der Elbestadt bewegte sie sich in den Künstlerkreisen des Cafe Zuntz in der Prager Straße und lernte den Maler Max Rosenlöcher kennen, mit dem sie bis 1933 befreundet war.
Seit Mitte der 1930er Jahre betrieb Elfriede Scholz eine eigene Damenschneiderei in der Langemarckstraße 42 (heute Bergstraße), wo sie zuerst zur Untermiete wohnte. Um diese Zeit heiratete sie den Kaufmann Paul Wilke, wohl 1935 wurde die Ehe geschieden. Später lebte sie mit dem Cellisten Heinz Scholz zusammen, den sie im Mai 1941 auch heiratete. Im September 1941 reichte dieser allerdings – bereits zum Kriegsdienst einberufen – die Scheidung ein. Die Ehe wurde erst nach der Hinrichtung geschieden.
Die Damenschneiderei von Elfriede Scholz erfreute sich vor allem mit dem zunehmenden Mangel des Krieges großen Zulaufs. Und jener Publikumsverkehr wurde der gerade 40jährigen im August 1943 auch zum Verhängnis, als sie von einer Kundin bzw. deren Mann denunziert wurde. Mehrere Personen erinnerten sich nach 1945, dass Elfriede Scholz von „ihrer Einstellung zu den Nazis […] vor nichts und niemandem ein Geheimnis“ machte. Und die ihr zur Last gelegten Äußerungen deuten in eben jene Richtung: Elfriede Scholz äußerte im Sommer 1943 offen ihre Zweifel an einem deutschen Sieg – die „Soldaten seien Schlachtvieh, der Führer habe sie auf dem Gewissen“, auch wünschte sie den „sieggläubigen Frauen, daß ihre Männer draußen fallen.“ Hitler war für Elfriede Scholz ein „Idiot“, dem sie gern auch „selbst eine Kugel durch den Kopf jagen“ wollte. Ungeklärt muss bleiben, ob Elfriede Scholz in jener Zeit auch Kontakt zum Dresdner Widerstand – etwa zum Kreis um Rainer Fetscher – hatte. Dagegen deutet vieles darauf hin, dass zumindest in ihrem Umfeld ihre nahe Verwandtschaft zu Erich Maria Remarque bekannt war, dessen Bücher die Nationalsozialisten 1933 verbrannten und verboten. Zumindest wurde Elfriede Scholz in dieser Hinsicht mehrfach gewarnt. Im „Prozess“ gegen sie sollte dies ebenfalls eine Rolle spielen, auch wenn sie zu ihrem Bruder wohl um 1929 letztmalig engeren Kontakt hatte.
Nach den ersten Vernehmungen in Dresden wurde Elfriede Scholz Anfang September 1943 in das Untersuchungsgefängnis Berlin Alt-Moabit verlegt, Mitte Oktober 1943 wurde die Anklageschrift wegen „Wehrkraftzersetzung“ und „Feindbegünstigung“ vor dem Volksgerichtshof vorbereitet. Der Prozess fand dann am 29. Oktober 1943 in Berlin unter dem Vorsitz von Roland Freisler gegen die hier als „fanatische Zersetzungspropagandistin unserer Kriegsfeinde“ und als „schamlose Verräterin an ihrem eigenen, unserem deutschen Blut, an unserer Front, an unserem Leben als Volk“ bezeichnete Dresdner Schneiderin statt. Zudem soll der Erinnerung einer Zeitzeugin nach Freisler in jenem Prozess auch geäußert haben: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen.“ Insofern hatte das Todesurteil gegen Elfriede Scholz einen doppelten Hintergrund, der in ihrem Fall nicht lediglich durch die Rahmenbedingungen des Kriegstotalitarismus bedingt wurde. Elfriede Scholz wurde nach dem Urteilsspruch in das Frauengefängnis Berlin Barnimstraße verlegt, zwei Gnadengesuche der Verteidigerin und einer Berliner Rechtsanwältin wurden abgelehnt. Am 16. Dezember 1943 wurde Elfriede Scholz, die mittlerweile nach Berlin-Plötzensee verlegt worden war, enthauptet.
Ihr Bruder Erich Maria Remarque, der sich zu diesem Zeitpunkt im Exil in den USA befand, wusste nichts vom Schicksal seiner Schwester, im September 1944 gab er sie noch als lebend an. Erst im Juni 1946 erfuhr er von Prozess und Hinrichtung. Ende Februar 1950 fand in Dresden ein Prozess gegen die ehemalige Vermieterin von Elfriede Scholz statt – die eigentliche Denunziantin war bei den Bombenangriffen auf die Stadt im Februar 1945 ums Leben gekommen. Die Vermieterin, die die Aussagen der Denunziantin bestätigt und damit zum Todesurteil beigetragen hatte, wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Remarque selbst widmete seinen 1952 auf Deutsch und Englisch erschienenen Roman „Der Funke Leben“ (Spark of Life) der „Erinnerung an meine Schwester Elfriede“. Zudem trägt seit 1968 eine Straße in Osnabrück den Namen von Elfriede Scholz.
Die Patenschaft für den Stolperstein hat der Dresdner Historiker Dr. Swen Steinberg übernommen.
Dokumentation bei Dresden-Fernsehen
Quellen:
Claudia Glunz/Thomas F. Schneider (Hg.): Elfriede Scholz, geb. Remark. Im Namen des Deutschen Volkes: Dokumente einer justitiellen Ermordung (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs 1), Osnabrück 1997.
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