Biografie von Salomon Falkenstein, Bertha Falkenstein und 3 weitere
Familie Falkenstein lebte in der Hagenstraße 17 in unmittelbarer Nähe zur Synagoge, die während des Novemberpogroms 1938 völlig zerstört wurde.
Die Familie bestand aus fünf Personen:
Salomon Falkenstein stammte aus dem benachbarten Gescher, wo er als drittes von zehn Kindern am 12. August 1882 geboren wurde.
Er wurde Metzgermeister und Viehhändler, und zwar in Stadtlohn, wo auch Verwandte von ihm wohnten. Salomon Falkenstein nahm am Ersten Weltkrieg teil und trug bei den Kämpfen eine schwere Beinverletzung davon, die zeitlebens nicht heilte.
Am 13. Dezember 1921 - da war er 39 Jahre alt - heiratete Salomon Falkenstein in Stadtlohn die sechs Jahre jüngere Bertha Versteeg, die gebürtig aus dem niederländischen Haaksbergen stammte, aber damals schon in Stadtlohn im Haushalt des Metzgers Samuel Goldschmidt in der Eschstraße 68 tätig war und wohnte.
An der Eschstraße 96 wohnten dann zunächst auch Salomon und Bertha Falkenstein. Ihr erstes Kind, die Tochter Julia, kam ím Oktober 1922 in Stadtlohn zur Welt. Drei Jahre später, 1925, erwarben Falkensteins ein Haus in der Hagenstraße. Sie ließen das Wohnhaus Hagenstraße 17 anschließend so umbauen, dass aus einem zur Straße hin gelegenen Zimmer ein Ladenraum entstand. Dafür wurde auch ein bestehendes Fenster zum Schaufenster erweitert. Der Metzger Salomon Falkenstein trug seine Fleischwaren - in einer Molle und mit einem Tuch abgedeckt - auch zu den Kunden hin, wie sich Zeitzeugen erinnern. 1927 wurde Falkensteins zweites Kind geboren, nämlich ihre Tochter Hedwig, 1930 dann ihr Sohn Kurt.
Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus nahmen antisemitische Ressentiments zu. Auch in Stadtlohn, wo es früh zur Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP kam, begannen die jüdischen Familien am Ort unter der judenfeindlichen Propaganda und antisemitischen Übergriffen zu leiden. Die Bevölkerung wurde angehalten, nicht mehr bei jüdischen Geschäftsleuten einzukaufen, die daraufhin empfindliche Einbußen erlitten. So sah sich Salomon Falkenstein - der 1933 noch den Bau einer Wurstküche geplant hatte - 1937 gezwungen, seinen Metzgerladen zu schließen. Der Lebensunterhalt der Familie wurde nun durch Näh- und Flickarbeiten von Bertha und ihrer ältesten Tochter Julia bestritten, Vater Salomon kaufte für das erlöste Geld heimlich Nahrungsmittel bei Bauern. Einen vorläufigen Höhepunkt der gegen Juden gerichteten Übergriffe stellte die Reichspogromnacht dar, in deren Verlauf die Häuser der jüdischen Familien in Stadtlohn verwüstet und die Familienmitglieder inhaftiert wurden.
Diese Gewalterfahrung bewog Salomon und Bertha Falkenstein, ihre drei Kinder im Februar 1939 mit einem Kindertransport, den niederländische Juden organisiert hatten, in die nahen Niederlande zu schicken - sie sahen sich nie wieder.
Die Eltern Falkenstein mussten aus ihrem eigenen Haus umziehen in das Haus Rezepterstraße 10, das als Ghettohaus fungierte. Salomon wurde zu Straßenreinigungsarbeiten herangezogen und musste später auch den gelben Stern tragen.
Salomon gehörte mit seiner Frau Bertha zu den zehn Stadtlohner Juden, die mit der ersten Deportation aus Westfalen im Dezember 1941 nach Riga in Lettland mussten. Am 10. Dezember 1941 wurden sie in Stadtlohn erst noch fotografiert, dann mit einem LKW nach Münster transportiert. Von dort ging es am 13. Dezember 1941 mit dem Zug ins Rigaer Ghetto. Den mörderischen Bedingungen dort erlag Salomon zu einem unbekannten Zeitpunkt.
Bertha Versteeg wurde am 26. Juni 1888 in Haaksbergen (Niederlande) geboren. Sie wohnte aber später - wie auch ihre Schwester Lena - in Stadtlohn. Bertha war im Haushalt Goldschmidt (Eschstraße 68) tätig, als sie 1921 den Metzger Salomon Falkenstein heiratete und sich zusammen mit ihm zunächst in der Nachbarschaft, und zwar in der Eschstraße 96, niederließ. Nebenan (Eschstraße 96 c) wohnte damals auch Berthas Schwester Lena, die mit Nisen Sturmlaufer verheiratet war.
Bertha brachte zwischen 1922 und 1930 drei Kinder auf die Welt: Julia, Hedwig und Kurt.
Sie war 53 Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem Mann und acht weiteren jüdischen Stadtlohnern ihre Deportation nach Riga antreten musste. Am 13. Dezember 1941 - es war genau ihr 20. Hochzeitstag - fuhren Falkensteins vom Güterbahnhof Münster in der Gruppe der 390 Juden aus dem Münsterland mit dem Deportationszug nach Riga in Lettland ab. Die Ankunft im Ghetto Riga fiel in den bitterkalten Winter. Die wenigen Überlebenden des Ghettos berichteten nach ihrer Befreiung von den grausamen Lebensumständen dort und den vernichtenden Arbeitsbedingungen. Während ihr Mann Salomon auf unbekannte Art schon in Riga zu Tode kam, erlebte Bertha noch ihre Verlegung erst ins Ghetto Kowno (Kauen in Litauen) und am 19. Juli 1944 dann ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig, wo sie am 30. Oktober 1944 um ihr Leben gebracht wurde.
Julia Falkenstein war die älteste Tochter von Bertha und Salomon Falkenstein. Sie wurde fast ein Jahr nach der Hochzeit ihrer Eltern am 14. Oktober 1922 in Stadtlohn geboren, als ihre Eltern noch in der Eschstraße wohnten.
Julias Jugend wurde vom aufkommenden Nationalsozialismus überschattet, der auch in Stadtlohn seine Gefolgsleute fand. Nach ihrer Schulzeit verzog sie im Sommer 1938 nach Borken: Seit dem 18. Juni 1938 war sie nämlich als Hausgehilfin in der Villa des Fabrikanten und Holz- und Furnierhändlers Haas (Bahnhofstraße 9) tätig. Dort erlebte sie auch die Pogromnacht des 9. Novembers 1938 und anschließend ihre Inhaftierung im Borkener Gefängnis. Im Gefangenenbuch erscheint Julias Name genauso wie der einer anderen Stadtlohnerin, der etwas älteren Erika Lebenstein, die in der benachbarten Villa Haas, Bahnhofstraße 11 gemeldet war. Beide jungen Mädchen kehrten nach diesen dramatischen Erlebnissen am 24. November 1938 nach Stadtlohn zurück.
Rund ein Vierteljahr später wurde Julia mit ihren jüngeren Geschwistern Hedwig und Kurt von ihren Eltern am 16. Februar 1939 in Bentheim in den Zug nach Holland gesetzt, um sie vor weiteren antisemitischen Übergriffen zu bewahren. Die drei Kinder kamen zunächst in ein Kinderheim in Rotterdam, das jedoch im Dezember 1939 aufgelöst wurde.
Julia und später auch ihre Schwester Hedwig kamen dann im Haushalt ihres Onkels Eli Nathan Versteeg (einem jüngeren Bruder ihrer Mutter) unter, der mit seiner Familie in Amsterdam, Eerste Boerhaavestraat 11, wohnte. Das Ehepaar Eli Nathan und Keetje Versteeg hatte selbst vier Kinder und nun zusätzlich noch die beiden Nichten unterzubringen und zu versorgen. Alle acht Mitglieder des Haushalts wurden nach Auschwitz deportiert. Kurz vor ihrem 20. Geburtstag wurde Julia am 27. September 1942 in Auschwitz ermordet.
Hedwig Falkenstein kam am 11. Juli 1927 in Stadtlohn zur Welt. Eine Stadtlohner Zeitzeugin von der Hagenstraße erinnerte sich noch gut daran, mit der etwas jüngeren Nachbarstochter "Heti" gespielt zu haben.
Nach den Schrecken der Pogromnacht wurde Hedwig zusammen mit ihren Geschwistern von den Eltern in die Niederlande geschickt - um sie in Sicherheit zu bringen, aber vielleicht auch, um ihnen weiter den Schulbesuch zu ermöglichen, denn jüdische Kinder waren ab dem 15. November 1938 in Deutschland vom Besuch öffentlicher Schulen ausgeschlossen. Hedwig gehörte in den Niederlanden zu den besten Schülerinnen der Klasse, wie sich ihr Bruder erinnerte.
Hedwig war wie ihre Geschwister zunächst bis Ende 1939 in einem Kinderheim in Rotterdam untergekommen, nach einer Zwischenstation in einer Familie in Zaltbommel lebte sie dann später gemeinsam mit ihrer Schwester in Amsterdam im Haushalt ihres Onkels Eli Nathan Versteeg. Wie dessen gesamte Familie, so wurde auch Hedwig nach Auschwitz geschickt. Im Alter von 15 Jahren wurde sie dort am 8. Oktober 1942 ermordet.
Kurt Falkenstein wurde als jüngstes Kind und einziger Sohn seiner Eltern am 27. Mai 1930 in Stadtlohn geboren. Er besuchte den Kindergarten der Ordensschwestern im Annastift.
Aus seiner Kindheit unter dem Regime der Nationalsozialisten haben sich ihm die judenfeindlichen Lieder und unfreundlichen Gesten mancher Stadtlohner eingeprägt. Die Schrecken der Pogromnacht, als die nahe Synagoge geschändet und zerstört wurde und auch sein Elternhaus heimgesucht wurde, waren ihm sein Leben lang präsent. Er suchte in jener Nacht mit seiner Schwester Zuflucht bei den Eltern im Schlafzimmer. In jener Nacht wurde auch er - als Achtjähriger! - im Stadtlohner Gefängnis inhaftiert.
Am 16. Februar 1939 musste er sich wie seine beiden Schwestern von den Eltern trennen. Die Kinder bestiegen in Bentheim den Zug, der sie in die Sicherheit der Niederlande bringen sollte. Erste Aufnahmestation war ein Kinderheim in Rotterdam, wo sofort Jungen und Mädchen getrennt wurden und Kurt somit von seinen Schwestern isoliert wurde.
Als das Kinderheim im Dezember 1939 aufgelöst wurde und die Kinder in einzelne Familien verteilt wurden, kam Kurt zunächst zu einer Familie Joosten in Zaltbommel. 1941 nahmen ihn dann Verwandte in Haaksbergen auf, nämlich seine Tante Johanna Frankenhuis-Falkenstein (sie war die jüngere Schwester von Kurts Vater) und ihr Mann Salomon Jonas Frankenhuis, die selbst fünf Kinder hatten und in der Blankenburgerstraat wohnten.
Als diese Familie Anfang Oktober 1942 abgeholt und in das Internierungslager Westerbork gebracht wurde, verhinderte die couragierte Haaksbergener Nachbarin Lida Kempkes, dass Kurt - der nicht auf der Verhaftungsliste stand - mitgenommen wurde. Sie nahm ihn zu sich und sorgte für wechselnde Verstecke. So konnte Kurt überleben. Seine Verwandten hingegen wurden nach einer Woche Aufenthalt in Westerbork am 9. Oktober 1942 nach Auschwitz geschickt und dort ermordet.
Nach Kriegsende, das er als 15-Jähriger erlebte, musste Kurt Falkenstein feststellen, dass seine Eltern und seine beiden Schwestern ermordet worden waren und er selbst der einzige Überlebende seiner Familie war.
Kurt Falkenstein absolvierte eine qualifizierte Berufsausbildung - zeitweise auch in den USA - und hatte später eine eigene Firma in den Niederlanden. Er wohnt seit langem in der Nähe von Amsterdam; mit seiner Frau ist er schon über 50 Jahre verheiratet, sie haben zwei Kinder und vier Enkelkinder.
Die Stolpersteine für die Familie Falkenstein wurden am 21. September 2011 in Anwesenheit von Kurt Falkenstein und seiner Familie verlegt.
Medien
Fotos
Kostenlos dank Ihrer Hilfe
Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.
Stolpersteine in der Nähe
Elisabeth Kaiser80 m
Ilse Stein110 m
Johannes Klumpe110 m
Edith Meyers150 m
Rosa Oppenheimer150 m
Erika Abramowicz, geb. Lebenstein170 m
Quellen & Impressum
VHS-Arbeitskreis "Stadtlohner Geschichte 1933-45"
Stadtarchiv Stadtlohn
48703 Stadtlohn
Tel: 02563 - 97797
Webmaster: Josef Balke
Haftung für Inhalte
Die Inhalte unserer Seiten wurden mit größter Sorgfalt erstellt. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte können wir jedoch keine Gewähr übernehmen. Als Diensteanbieter sind wir gemäß § B Abs. 1 MDStV und § 8 Abs. 1 TDG für eigene Inhalte auf diesen Seiten nach den allgemeinen Gesetzen verantwortlich. Diensteanbieter sind jedoch nicht verpflichtet, die von ihnen übermittelten oder gespeicherten fremden Informationen zu überwachen oder nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen. Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen bleiben hiervon unberührt. Eine diesbezügliche Haftung ist jedoch erst ab dem Zeitpunkt der Kenntnis einer konkreten Rechtsverletzung möglich. Bei bekannt werden von entsprechenden Rechtsverletzungen werden wir diese Inhalte umgehend entfernen.
Haftung für Links
Unser Angebot enthält Links zu externen Webseiten Dritter, auf deren Inhalte wir keinen Einfluss haben. Deshalb können wir für diese fremden Inhalte auch keine Gewähr übernehmen, Für die Inhalte der verlinkten Seiten ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber der Seiten verantwortlich. Die verlinkten Seiten wurden zum Zeitpunkt der Verlinkung auf mögliche Rechtsverstöße überprüft. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten ist jedoch ohne konkrete Anhaltspunkte einer Rechtsverletzung nicht zumutbar. Bei bekannt werden von Rechtsverletzungen werden wir derartige Links umgehend entfernen.
Urheberrecht
Die Betreiber der Seiten sind bemüht, stets die Urheberrechte anderer zu beachten bzw. auf selbst erstellte sowie lizenzfreie Werke zurückzugreifen.
Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Beiträge Dritter sind als solche gekennzeichnet. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. Erstellers. Downloads und Kopien dieser Seite sind nur für den privaten, nicht kommerziellen Gebrauch gestattet.
Datenschutz
Soweit auf unseren Seiten personenbezogene Daten [beispielsweise Name, Anschrift oder E-Mail-Adressen) erhoben werden, erfolgt dies soweit möglich stets auf freiwilliger Basis. Die Nutzung der Angebote und Dienste ist, soweit möglich, stets ohne Angabe personenbezogener Daten möglich.
Der Nutzung von im Rahmen der Impressumspflicht veröffentlichten Kontaktdaten durch Dritte zur Übersendung von nicht ausdrücklich angeforderter Werbung und Informationsmaterialien wird hiermit ausdrücklich widersprochen. Die Betreiber der Seiten behalten sich ausdrücklich rechtliche Schritte im Falle der unverlangten Zusendung von Werbeinformationen, etwa durch Spam-Mails, vor.