Biografie von Alfred Grünhut
Alfred Grünhut
Gelegentlich taucht auch als zweiter Vorname von Alfred Grünhut „Shmuel“ auf , aber nicht durchgehend, auch nicht auf dem elterlichen Familienbogen, so dass er hier erwähnt, nicht aber definitiv übernommen wird. Alfred Grünhut kam am 29. Oktober 1910 in Regensburg zur Welt, als Sohn von Laura (geb. 1886 in Ichenhausen) und Siegfried Grünhut (geb. 1878 in Regensburg).
Der Beruf des Vaters wird häufig als „Großhändler“ angegeben, aber auch als Prokurist, Teilhaber einer Rauchwarenhandlung (Rauchwaren = Pelze, nicht Tabakwaren) bzw. Geschäftsmann „Häute und Felle“.
Die Mutter dürfte, den Mustern dieser Zeit folgend, wohl zu Hause tätig gewesen sein. Die Familie lebte Anfang der 30er Jahre am Wittelsbacherplatz 1 (später umbenannt in Hans-Schemm-Platz, nach 1945 dann Platz der Einheit) und zog 1939 in die Greflingerstraße 5, einer etwas weniger bevorzugten Gegend. Die Eltern hatten zwei Kinder: Alfred und seine Schwester Theresa (Thea), geboren am 17.9.1913.
Alfred Grünhut, dessen Beruf als Kürschner angegeben wird, war längere Zeit im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. So wurde er ein erstes Mal im Januar 1938 entlassen, dann aber vom 10. November bis 9.März 1939 erneut dort festgehalten.
Am Ende dieser Haftzeit stand für ihn der Entschluss fest, nach Palästina auszuwandern. Um sich darauf vorzubereiten, vermutlich aber auch um tiefer in seine Religion einzudringen, verließ er Regensburg Ende Mai 1939 und lebte ab da auf dem Gut Gehringshof – Hattenhof nahe Fulda.
Gehringshof war ein alter, verlassener Hof, der 1929 von der Kibbuz – Haddati – Bewegung erworben worden war, Teil einer zionistischen Jugendorganisation. Er diente als landwirtschaftliche Ausbildungsstätte zur Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina und das Leben in einem Kibbuz. Dabei spielte die religiöse Vermittlung eine wichtige Rolle. Weil der Hof bald überbelegt war, wurde er mit dem benachbarten Hattenhof erweitert. In Hessen existierten drei weitere solche Ausbildungsstätten der Kibbuzbewegung. Sie waren auch deswegen für junge Auswanderungswillige so wichtig, weil mit dem Nachweis einer abgeschlossenen landwirtschaftlichen Ausbildung von den britischen Behörden die Erlaubnis zur Einwanderung nach Palästina zu erhalten war. Damit wurde eine legale Einwanderung möglich, die nicht den damaligen, oft auch tödlichen, Gefahren einer illegalen ausgesetzt war.
Im Herbst 1941, mit der Verschärfung der Politik des Antisemitismus nach dem Angriff auf die Sowjetunion und dem Verbot einer Auswanderung für Juden, wurden diese Ausbildungsstätten von den NS-Behörden geschlossen, die meisten der jungen Leute nach Riga de-portiert und dort ermordet.
Alfred Grünhut traf diese Deportation in den Tod jedoch nicht. Ein erster Hinweis auf sein weiteres Schicksal fand sich in einem Schreiben seiner Schwester Theresa an das Amtsgericht Regensburg vom 19. März 1957, in dem sie einen Totenschein für ihre ermordeten Eltern beantragte. Theresa Grünhut war es gelungen, deutlich vor 1942 (eine genauere Datierung ist nicht möglich) über England nach Palästina auszuwandern, ohne wie ihr Bruder eine entsprechende Ausbildung angestrebt zu haben. Sie lebte zum Zeitpunkt dieses Schreibens als Esther Peer im Kibbuz Kfar Blum Hagalil. In diesem Restitutionsverfahren wurde sie von dem überaus engagierten Rechtsanwalt Fritz Oettinger vertreten. Das erwähnte Schreiben nennt eher nebenbei das ungeklärte Schicksal ihres Bruders, während sie in einem zweiten Antrag auf Ausstellung eines Erbscheins etwas genauer darauf hinwies.
Danach habe man ihren Bruder zuletzt im Kaisermühl – Forsteins – Lager festgehalten, dann 1942 in das Generalgouvernement „abgeschoben“. Mehr als diese beiden Daten sind nicht enthalten. Weitere Recherchen ergaben, dass im Forstgebiet Kaisermühl, heute zu Müllrose gehörig, ca. 15 km südwestlich von Frankfurt / Oder, ein Zwangsarbeiterlage für junge Juden existierte, ein „Forsteinsatzlager“, wie es genannt wurde.
Es handelte sich um ein sehr kleines Lager, die jungen Leute waren alle im Keller des Gutshauses untergebracht. Diese „ca. 20 Juden im Alter von 17 bis 25 Jahren [...] mussten Bäume pflanzen, bei Kleinbauern u. Hausbesitzern in Kaisermühl u.a. Gartenarbeiten verrichten.“ Der Besitzer des Gutshauses, Baron von Massenheim - Salleschen („Verbindungsoffizier zum bulgarischen Generalstab“) „hatte sie [...] entsprechend seinen Möglichkeiten in Schutz genommen“, wie ein ehemaliger Geschichtslehrer in Müllrose im Jahr 2017 schrieb.
Wie in zahllosen anderen Fällen im Deutschen Reich musste die jungen Zwangsarbeiter andere Arbeiter, hier die Forstarbeiter, ersetzen, die zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Allerdings sollten auch sie, weil Juden, durch Zwangsarbeiter aus Polen ersetzt werden. Das gelang allerdings im Allgemeinen erst 1943, weil viel zu viele Arbeiter aus Polen benötigt wurden.
Daher blieb das „Forsteinsatzlager“ Kaisermühl bis etwa März 1943 weiter bestehen. „Im Winter 1943 wurden alle mit einem LKW abtransportiert“, wie auch der Geschichtslehrer in Müllrose festhielt. Alfred Grünhut dagegen wurde bereits Ende März oder Anfang April 1942 ins nahe Frankfurt / Oder gebracht und am 3. April 1942 „in das Generalgouvernement abgeschoben“. Ein konkretes Ziel wird dabei nicht benannt. Allerdings war am 2. April in Berlin ein Transport (Nr. 12) mit 643 Menschen gestartet, dem am folgenden Tag in Frankfurt / Oder weitere 367 Menschen zusteigen mussten. Während für die Deportierten aus Berlin eine Namensliste existiert, ist für die Zusteigenden aus Frankfurt eine solche nicht bekannt.
Doch kann davon ausgegangen werden, dass Alfred Grünhut einer von ihnen gewesen ist, da das im Archiv aufgeführte Datum der Verschleppung, der 3. April, mit dem des Zuges übereinstimmt. Welche Gründe es dafür gegeben hatte, dass Alfred Grünhut zu diesem Zeitpunkt endgültig deportiert wurde, während das „Forsteinsatzlager“ weiterhin bestand, sind nicht bekannt.
Mit dann insgesamt 1010 Menschen erreichte der Zug am 5.4. das Warschauer Ghetto. Dass dieses Ghetto Ziel eines Transportes mit Menschen jüdischen Glaubens aus Deutschland wurde, ist außergewöhnlich und auch kaum im allgemeinen Bewusstsein. Tatsächlich gab es auch nur vier solcher Transporte in das Ghetto, das zu diesem Zeitpunkt bereits überfüllt war. Alle vier fallen in den April 1942. „Die Gründe dafür sind nicht bekannt“, ursprünglich war beabsichtigt worden, diese Transporte nach Trawniki nahe Lublin zu leiten.
Die Menschen aus diesen Transporten, unter ihnen mit Sicherheit Alfred Grünhut, zwang man in die nördlichen Abschnitte des Warschauer Ghettos, u.a. in die „Quarantäne“, die ehemalige Synagoge, die Bibliothek usw. Sie wurden dadurch mit die ersten Opfer bei den Liquidierungsmaßnahmen, die am 22. Juli 1942 einsetzten. Unmittelbar zuvor war das Vernichtungslager Treblinka fertiggestellt worden, es sollte nun den Massenmord an den Juden aus dem Warschauer Ghetto übernehmen.
Da es weder für diese Transporte noch für die Ermordeten in Treblinka Namenslisten gibt, die Individualität dieser Menschen schon vor ihrem Tod zerstört worden war, bleibt das genaue Datum, wann Alfred Grünhut ermordet wurde, offen. Man muss es wohl für den Sommer 1942 ansetzen.
Es ist aber auch nicht ausgeschlossen, dass Alfred Grünhut noch etwas länger lebte: zahlreiche Betriebe im Ghetto mussten für die Wehrmacht, dann auch für die SS arbeiten, über längere Zeit waren in ihnen um die 30 000, vielfach junge Menschen beschäftigt. Sie wurden von den Deportationen des Sommers 1942 ausgenommen
Ab Februar bis Mitte April 1943 begannen die Deutschen, erste Betriebe nach Trawniki nahe Lublin zu verlegen, 16 weitere mit dann insgesamt 30 000 Beschäftigten sollten folgen.
Doch brach am 19. April 1943 der Aufstand im Ghetto aus, der nicht nur den Tod fast aller Menschen, die hier noch lebten, nach sich zog, sondern damit auch diese Pläne verhinderte. Der dann in Trawniki verbleibende Betrieb Schultz und Co., Textil- und Pelzwaren, hatte etwa 6 000 Beschäftigte, einschließlich der Familienangehörigen, die alle aus dem Warschauer Ghetto stammten. Sie alle wurden am 3. November 1943 ermordet, überraschend auch für die Betriebsleitung („Die neuen Opfer mussten sich jeweils auf die bereits im Graben liegenden Toten legen und wurden dann vom Grabenrand aus mit MPs erschossen.“
Welches konkret das Schicksal des jungen Alfred Grünhut in diesem Inferno des Warschauer Ghettos war, lässt sich nicht ermitteln, wie auch das der meisten anderen Menschen dort, wenn man nach ihrem Namen forscht. Die Zerstörung der Individualität seiner Opfer war im Nationalsozialismus immer ein Ziel, das ihrer Ermordung vorausging.
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