Biografie von Alfred, Eugenie und Rudolf Metzger
Zur Familie Metzger
Alfred Metzger war das dritte Kind des Metzgermeisters Abraham Metzger, geboren am 8. August1844 in Gauersheim, gestorben am 13.Februar 1935 in Kirchheimbolanden, und dessen Ehefrau Maria Seeh, geboren am 29. August 1849 in Hochspeyer, gestorben im Jahr 1923 in Kirchheimbolanden. Alfred Metzger betrieb in Kirchheimbolanden zuerst ein Manufakturwarengeschäft, war dann von 1914 bis 1918 Kriegsteilnehmer, wofür er ein Ehrenkreuz erhielt, und eröffnete am 15. Februar 1919 in seiner Heimatstadt eine Zigarrenhandlung en gros. Am 11. März 1921 heiratete er in Rodalben Eugenie Baer, das vierte von elf Kindern des bereits genannten Ehepaars Josef und Henriette Baer und übernahm dann das Geschäft seines Schwiegervaters in der Rodalber Hauptstraße 103. In einem Inserat aus dem Jahr 1930 wird aufgezählt, was man bei ihm so alles kaufen konnte: „Herren-Anzugstoffe, Kleider- und Seidenstoffe, Baumwollwaren, Leib-, Tisch- u. Bettwäsche, Badeanzüge, Bademäntel, Frottierwäsche, Gardinen, abgepaßt und am Stück, Herren-, Damen- und Kinder-Konfektion, Herrenhüte, Klapphüte u. Mützen in großer Auswahl, Alle Kurz- u. Wollwaren, Herren- u. Damenschirme, Stets Neuheiten in Krawatten“.
Am 29. April 1922 wurde der Sohn Rudolf Julius, genannt Rudi, geboren. Und am 4. Dezember 1923 kam die Tochter Henriette Maria, genannt Henny, auf die Welt. Das Geschäft lief gut, die Kinder wuchsen heran, alles schien in bester Ordnung.
Bis die Nazis an die Macht kamen.
In der NS -Zeit
Edmund Heringer, der einzige Rodalber Bürger, der sich mit dem Schicksal der jüdischen Einwohner des Ortes auseinandergesetzt hat, schrieb u.a.:
„Die offenen Angriffe gegen die jüdischen Mitbürger auch in Rodalben hatten bereits begonnen mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. In keiner Rede fehlten mehr die Angriffe auf die Juden. Am 1. April 1933 war auch in Rodalben der Boykott-Tag, an dem die Bürger aufgefordert wurden, nicht bei Juden zu kaufen. An den jüdischen Geschäften in Rodalben hingen Plakate mit der Aufschrift ‚Kauft nicht bei Juden!‘, so am Textilgeschäft Bloch (…), an der Metzgerei Katz (..), an dem Eisenwarengeschäft Katz (…) und an dem Wäschegeschäft Bär-Metzger [sic], dem Geschäft der in Rodalben bekannten ‚Bäre Eichene‘. SA patrouillierte auf den Bürgersteigen vor diesen Geschäften, dass sich nur ja niemand unterstehe, da hinein zu gehen. Wer es dennoch wagte, wurde fotografiert und bekam Schwierigkeiten.“
Eugenie Metzger (die besagte ‚Bäre Eichene‘) aber war eine resolute Frau, die sich nichts gefallen ließ. Immer wieder wurde mir von älteren Bürgern mitgeteilt, dass sie sich gegen die Machenschaften der Nazis zur Wehr gesetzt hätte.
So hat mir der bereits mehrfach erwähnte Fred Samuel vor Jahren lachend erzählt, wie Frau Baer, nachdem die SA das Fenster ihres Geschäfts verschmiert hatte und Herr Walter Cronauer bereitstand, um die ein- und ausgehenden Käufer zu fotografieren, ihr Hauptbuch genommen hat und zu Herrn Cronauer auf die Straße hinausgelaufen ist, um ihm zu zeigen, was er ihr noch schuldig sei. Am 24. und am 26. April 1933 wurden in der Rodalber Zeitung „Gräfensteinbote“, der katholisch und alles andere als antisemitisch eingestellt war, zwei Anzeigen lanciert, die ebenfalls von Eugenie Metzgers Mut sprechen:
Am 24. Oktober 1935 rückte Alfred Metzger zu einem der drei Rodalber Synagogenräte auf. „1937: Ich erlebe, wie eine Meute Kinder den Sohn des Textilhauses Metzger/Bär [sic!] mit Spucke und Steinen und den skandierenden Rufen ‚Jud-Jud, stinkiger Jud‘ durch die Straßen hetzt. Die Eltern stören ihre Kinder nicht“, lautet ein weiteres Zitat aus der Feder von Herrn Heringer. Bei dem Sohn, der da durch Rodalben gehetzt wurde, handelte es sich um Rudi Metzger.
Pogromnacht in Rodalben Und dann kam die Reichspogromnacht, die Herr Heringer folgendermaßen geschildert hat: „Laut einer amtlichen Notiz war es (…) der ‚SA-Sturm Rodalben‘, der in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 die Schaufenster von Metzger/Bär [sic!] und Bloch zerstörte. Es waren die SA-Leute, die hier besonders am Werk waren. Ein SA-Mann musste dabei die erste Hilfe des Roten Kreuzes in Anspruch nehmen, da er sich an der Schaufensteranlage Bär [sic!] eine schwere Armverletzung zugezogen hatte. Die beiden Rot-Kreuz-Helfer nahmen dann auch die Tochter Henny der Eugenie Metzger/Bär [sic!] in Schutz und mit nach Hause. So war sie vor den NS-Rabauken sicher. Henny traf eine schnelle Entscheidung und reiste über Holland ins Ausland.“ Und weiter: „Die Schaufenster wurden mit Brettern vernagelt. (…) Der Jude Metzger, der sich gewehrt hatte, wurde in den Volksgarten nach Pirmasens verbracht.“ Alfred und Eugenie Metzger mussten unter Zwang am 11. November 1938 dem „Kreiswirtschaftsberater der NSDAP (…) in Pirmasens Vollmacht zum Zwecke der treuhänderischen Verwaltung ihres Vermögens“, wie es so schön heißt, erteilen. Ihren Laden mussten sie schließen. Alfred Metzger kam am Tag darauf ins KZ Dachau, von wo aus er am 16.12.1938 wieder entlassen wurde. „In das Haus des ehemaligen Textilgeschäftes Eugene Bär sic! wurden mehrere jüdische Familien eingewiesen. Man hatte damit ein kleines Ghetto errichtet, aus dem die jüdischen Mitmenschen nur gegen Abend zu den Einkäufen ausbrechen durften.“ Wieder zitiere ich Edmund Heringer. Das Haus der Familie Metzger wurde also im April 1939 zum Rodalber Ghetto, in dem insgesamt vier Parteien wohnten, wovon eine aber nichtjüdisch war. Zuletzt wurden die Metzgers sogar in ihrem eigenen Haus gefangen gehalten und mussten dann aus Rodalben verschwinden. Die stets wiederholte Behauptung des Rodalber Nazibürgermeister Eugen Willenbacher in seinen an den Bürgermeister von Süßen, Fritz Saalmüller, gerichteten Briefen, die Metzgers und die Baers hätten Rodalben freiwillig verlassen, ist das nichts anderes als eine glatte Lüge. Auch sie zogen zu Louis Lazarus Lang in der Hindenburgstraße 45.
Die kurze Zeit in Süßen „Frau Metzger hat im Haushalt mitgeholfen, Kochen, Waschen usw. Sie war immer sehr traurig und zurückgezogen, was wir verstehen konnten“, schrieb mir Hugo Lang 2008. Sie, die einst so stark und resolut war, war eine gebrochene Frau. Ihr Mann Alfred und ihr Sohn Rudi mussten – wie bereits erwähnt – Zwangsarbeit in Eislingen leisten. „Die Firma hat allerhand Holz für die Wehrmacht geschnitten, natürlich auch für die Bunker. Nur Alfred Metzger und mein Onkel Louis durften mit einer Sondergenehmigung vom Bürgermeisteramt mit dem Zug fahren.“ Ein weiteres Zitat aus einem Brief von Hugo Lang. Alle drei wurden sie – wie die anderen Süßener Juden auch – nach Riga deportiert und dort dann ermordet.
Die Geflüchteten Henriette Metzger kam 1939 in Schweden an, wo sie anfangs – von ihren Eltern, so gut es ging, finanziell unterstützt – Schülerin an der Internationalen Schule in Västerby war. Im Januar 1942 zog sie nach Helsingborg, um sich zur Näherin ausbilden zu lassen und sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. In Helsingborg wohnten damals übrigens der aus Rodalben stammende Ludwig Samuel (er war der Onkel von Fred Samuels Vater, der ebenfalls Ludwig Samuel hieß), der von 1909 bis 1913 Rodalbens jüdischer Lehrer war und seine Tochter Betty Bergstein, die Henriette Metzger beide sehr gut kannten. Im April 1943 ging Henriette nach Hässleholm, um kurz darauf, im September nach Mölndal zu ziehen, wo sie dann als Kuvertiererin arbeitete. Am 24. Juni 1945 heiratete sie dort den am 10. Januar 1917 in Koblenz geborenen und im März 1980 verstorbenen Harald Schloss, mit dem sie zwei Kinder hatte. Ende Oktober 1950 verließ die kleine Familie Schweden, um nach Israel zu gehen. 1951 war Henriette Schloss, wie sie inzwischen hieß, noch einmal kurz in Rodalben, da sie sich mit dem Gedanken trug, das elterliche Geschäft wiederzueröffnen. Ein Gedanke, den sie aber schnell wieder verwarf. Später lebte sie in Haifa und schirmte sich – bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren – sowohl gegenüber ihren Cousins als auch ihre ehemaligen Freundinnen aus Rodalben völlig ab.
Im Oktober 1956 hat auf den Blättern von Yad Vashem die folgenden Todeszeitpunkte für ihre Familienangehörigen angegeben: Für ihren Vater den 15.01.1942. Für ihre Mutter den 23.03.1942. Für ihren Bruder den 28.10.1942. Sicherlich hat sie diese Daten von ihrem Cousin Kurt Lang, der ja die KZ‘s überlebt hat, in Erfahrung gebracht.
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Die „Initiative Stolpersteine Göppingen e.V.“ ist eine Gruppe von lokalgeschichtlich Interessierten, die ehrenamtlich tätig ist.
Wir recherchieren die Lebensschicksale von Bürgerinnen und Bürgern im Landkreis Göppingen, die von den Nazis vertrieben oder ermordet wurden. Dabei handelt es sich um rassistisch Verfolgte, um politische GegnerInnen, um sozial Geächtete, um Euthanasie-Opfer sowie um Männer, die wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden.
Nach Abschluss der Recherche bitten wir den Kölner Künstler Gunter Demnig, Stolpersteine herzustellen und am ehemaligen Wohnort zu verlegen. Für die Verlege – Zeremonien suchen wir den Kontakt mit Schülerinnen und Schülern. Die Initiative kümmert sich auch um die Finanzierung der Stolpersteine und freut sich über Steine – Patenschaften. Nach der Verlegung eines Stolpersteins auf öffentlichem Grund, geht der Stein in das Eigentum der jeweiligen Gemeinde über.
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