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Familie Mühlfelder

Biografie von Minna Mühlfelder, geb. Frank, Julius Mühlfelder, Ludwig Mühlfelder und Ellen Mühlfelder

Ludwig Mühlfelder wurde am 13. 6. 1924 in Suhl geboren. Seine Mutter, Minna Mühlfelder geb. Frank, war als Kindermädchen beschäftigt und sein Vater Julius Mühlfelder war Kaufmann. 1928 wurde den Mühlfelders eine Tochter, Ellen, geboren. 1930 wurde Ludwig in die Hohelohschule eingeschult und wechselte dann 1934 in die Mittelschule. Am 22. 5. 1937 feierte Ludwig „Bar Mizwa“ in der Suhler Synagoge. 1938 verließ er die Mittelschule, war er dort doch Repressalien seiner Mitschüler ausgesetzt. So bezog er einmal Prügel, nachdem der Lehrer über den Absturz des Luftschiffes „Hindenburg“ berichtete, weil er als Jude selbstverständlich mitschuldig am Absturz war. 1930 hatte der Vater eine Ledergroßhandlung in Suhl übernommen.
Nachdem Adolf Hitler im Januar 1933 an die Macht gekommen war, brach auch für die Familie Mühlfelder eine schreckliche Zeit an. Der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 machte vor dem Geschäft von Julius Mühlfelder nicht halt. SA-Leute standen davor und verboten den Kunden, das Geschäft zu betreten. 1936 verhaftete die Gestapo den Bruder von Julius Mühlfelder, Lothar Mühlfelder, wegen staatskritischer Äußerungen. Nach Entlassung aus der „Schutzhaft“ kam dieser ins Konzentrationslager Dachau und kam nach sechs Monaten abgemagert und kahl geschoren wieder. Lothar emigrierte drei Tage nach seiner Entlassung nach Palästina.

In der Nacht vom 9. zum 10. 11. 1938 brannte wie in vielen deutschen Städten auch die Suhler Synagoge. Die Reichspogromnacht forderte ihre Opfer. Die jüdischen Männer in Suhl wurden in der Nacht verhaftet und ins Konzentrationslager nach Buchenwald gebracht. Julius Mühlfelder hatten die Nazis auf einer Dienstreise in seinem Hotel verhaftet und ebenfalls in dieses Lager gebracht. Im Dezember 1938 wurde er entlassen und konnte im Januar in die USA emigrieren. Dem Rest der Familie wurde die Einreise vom US-Konsulat in Berlin aufgrund der Behinderung von Ellen Mühlfelder verweigert. Minna Mühlfelder, ihr Sohn Ludwig und die Tochter Ellen zogen zu Lilly Goldmann und ihrer Mutter.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatten die Mühlfelders kaum noch Hoffnung auf eine Emigration. Doch am 12. 9. 1939 erhielten Minna, Ellen und Ludwig Mühlfelder die Visa zur Ausreise in die USA. Julius Mühlfelder und Carl Lämmle, ebenfalls Jude, hatten für die beiden gebürgt. Ab Sommer 1939 wurde jüdischen Bürgern befohlen, in „Judenhäuser“ zu ziehen. In Suhl war das die Kellerstraße 4. Die Familie Mühlfelder, die Familie Mannheimer und andere waren davon betroffen. Jede hatte ein Zimmer bekommen. Am 9. 11. 1939, dem ersten Jahrestag der Reichspogromnacht, wurden jüdische Männer von SA und SS grausam misshandelt. In der Kellerstraße 4 wurde Herr Brylewski so brutal zusammengeschlagen, dass seine Schreie weit zu hören waren. Aufs Schwerste verletzt, wünschte er vollkommen einbandagiert der Familie Mühlfelder „Alles Gute“ für Amerika, denn am 21. 11. 1939 konnten die drei endlich Deutschland verlassen, und am 24. 11. 1939 von Rotterdam nach New York übersetzen. Am 5. 12. 1939 lag sich die Familie in New York in den Armen.

Ludwig wurde in die Weequahic Highschool in Newark, New Jersey eingeschult. Der Vater arbeitete in einer Ledergroßhandlung und die Mutter als Haushaltshilfe. Ihr Vermögen jedoch war in Deutschland geblieben. 1942 schloss Ludwig die Highschool ab und wurde in der Bedienung von Werkzeugmaschinen ausgebildet. Während des Tages arbeitete er als Maschinist und abends besuchte er das Newark College of Engenieering, eine Technische Universität. Ein Jahr später ließ sich Ludwig freiwillig in die US-Army einziehen und wurde mit dem 288. Field Artillery Observation Battalion nach Frankreich transportiert. Im Winter 1944/45 nahm er an der Ardennenschlacht teil und wurde zum Feldwebel befördert. Das Kriegsende erlebte Ludwig Mühlfelder südlich von München. Im März 1946 kehrte er in die USA zurück und nahm sein Ingenieurstudium wieder auf. Vier Jahre später schloss er es als Elektroingenieur ab und bekam eine Anstellung bei der Firma „Curtis-Wright-Corporation“. 1951 verlobte er sich mit Beatrice Bravmann, die wie er aus einer deutschen Flüchtlingsfamilie stammte. Die beiden heirateten am 6. 8. 1952 im „Temple Bnei Jeshurun“ in Newark und wohnten in Irvington, New Jersey. 1954 wurde Ludwig Abteilungsleiter bei Curtis-Wright und am 7. 3. 1955 wurde sein Sohn Daniel James geboren. Am 6. 11. 1956 folgten der Sohn Barry Frank und am 19. 8. 1959 die Tochter Leslie Flora.

Ab 1962 arbeitete Ludwig Mühlfelder als „Senior Ingenieur“ bei der Firma „Astro Elektronic Division, RCA“ in Princeton für den Entwurf und die Entwicklung der Stabilisierung und Richtungskontrolle von Satelliten. Im Jahr 1964 wurde er in den Vorstand der jüdischen Gemeinde Emanu-El gewählt, war später Vizepräsident und schließlich Präsident der Gemeinde. 1970 wurde er Gruppenleiter der Satellitenkontrolle und Stabilisierung im RCA Raumfahrt-Zentrum, um 1980 zum Abteilungsleiter von Satelliten Prepulsion, Raumführung, Kontrolle und Stabilisierung ernannt zu werden. 1972 begann auch seine Tätigkeit in der New Jersey Abteilung der „Union of American Hebrew Congregations“ (UAHC) des liberalen Judentums, gleichzeitig war er Mitglied der Katholisch-Jüdischen Dialog-Gruppe von New Jersey. 1988 und 1989 heirateten die Söhne Danny und Barry und 1991 wurde er Großvater, seine Enkelin Joanna Esther, und seine Enkel Joshua Jacob und Jeremy Micah wurden geboren. 1994 feierte Ludwig Mühlfelder seinen 70. Geburtstag. Zu seiner großen Freude wurde genau an diesem Tag in der „Suhler Zeitung“ sein Vorwort zum Buch „Juden in Suhl“ veröffentlicht, und er erhielt Gratulationsbriefe von Dr. Martin Kummer und Hans Nothnagel.

Am letzten Oktoberwochenende 1994 besuchte Erhard Roy Wiehn, Professor der Geschichte und Soziologie in Konstanz und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Geschichte der Juden in Europa, die Stadt Suhl. Die Abschlussbesprechung zum Buch „Juden in Suhl“ fand statt. Getagt wurde in der geschichtsträchtigen Simson-Villa. Roy Wiehn konnte von seinem Fenster aus auf die Innenstadt von Suhl blicken, auf all die Straßen und Orte der Erinnerung. Die Synagoge, in der die Thora-Rollen, Mühlfelders Bar-Mitzwa-Tallit und sein Gebetbuch verbrannt waren, konnte er nicht mehr sehen. Im März 1995 folgte Wiehns zweiter Besuch in Suhl. Diesmal wurde das Buch „Juden in Suhl – Ein historischer Überblick“ vorgestellt. Er entdeckte diesmal das Haus Nr. 4 in der Rimbachstraße, in dem die Mühlfelders 1938 wohnten, das schöne Rokoko-Haus der Sanders im Steinweg, die Hohelohschule und was vom Herrenteich noch übrig geblieben ist. Am 19. 3. 1995 fand schließlich die Buchvorstellung statt. Insgesamt rund 100 Bürger aus Suhl waren gekommen und die Präsentation wurde zu einer Art Gedenkveranstaltung für jüdische Opfer und Überlebende der Stadt Suhl. Am 10. April übergab Wiehn das Buch „Juden in Suhl“ Ludwig und Beatrice Mühlfelder sowie ihren Kindern in Livingston/New Jersey. (Schüler des Leistungskurses Geschichte)

Vermittelt durch den Konstanzer Professor Erhard Roy Wiehn konnte also ein Kontakt zwischen der Stadt Suhl und der Familie Mühlfelder in Amerika entstehen. Ihm ist es maßgeblich zu verdanken, was in den nächsten Jahren an persönlicher Aussöhnung erreicht werden konnte. Nachdem Ludwig Mühlfelder im Jahr 1994 Geburtstagsglückwünsche aus der Stadt Suhl übermittelt worden waren, erhielt er im Frühjahr 1995 erneut einen Brief aus seiner einstigen Heimatstadt: Diesmal mit einer Einladung. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Martin Kummer bat Ludwig Mühlfelder darin „zu einer erneuten Begegnung mit Ihrer Stadt“, die eine andere geworden sei wie auch deren Menschen. Mühlfelder, der sich einst geschworen hatte, nie mehr nach Deutschland und seiner Heimat zurückzukehren, kündigte sich für August 1996 in Suhl an. Ein Entschluss, dem Jahrzehnte mit quälenden Erinnerungen an Nazi-Deutschland vorausgingen.

Der erste Besuch Mühlfelders vom 12. bis 15. August 1996 wird für beide Seiten, den ehemaligen Suhler Bürger und die Stadt selbst, zu einem überwältigenden Erlebnis. Ludwig Mühlfelder konnte nun selbst vor einem Suhler Publikum aus seiner Autobiographie „Weil ich übrig geblieben bin“ lesen. Die Resonanz: riesig. Das Suhler Buchhaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Mit dieser Autobiographie geht Mühlfelder durch die vielen lokalen Einzelheiten zur Suhler Geschichte auf eine ganz besondere Weise gegen das Vergessen an. Neben der Lesung aus seiner Autobiographie hatte Ludwig Mühlfelder, der in Begleitung seiner Frau und seiner Tochter gereist war, ein ausfüllendes Programm in den drei Tagen seines ersten Besuches: Im Haus Philharmonie wurden die Ausstellungen „Suhler Zeitzeugnisse 1933 bis ‘45“ und „Juden in Thüringen“ eröffnet. Die Ausstellungen zeigten Original-Dokumente, die Suhler Schüler im Rahmen eines Forschungsprojektes nach zahlreichen Stunden im Stadtarchiv zusammengetragen haben. Darunter war auch der Brandbericht der Suhler Synagoge vom 10. November 1938, in dem es unter anderem heißt, dass „lediglich nur noch zur Verteidigung der anliegenden Grundstücke [...] übergegangen werden“ konnte. Auch diese Ausstellungen, eröffnet von Ludwig Mühlfelder selbst, erfuhren große Resonanz. Mit den Schülern trat der wieder gewonnene „Sohn“ der Stadt ebenfalls in Kontakt. Er berichtete vor einer Klasse des Herder-Gymnasiums von seinen Erlebnissen und der Flucht aus der Stadt und antwortete in der anschließenden Diskussionsrunde auf die Frage einer Schülerin: „Ich wäre nicht gekommen, wenn ich Hass auf die Deutschen hätte.“ In seiner neuen Heimat in Amerika berichtete Ludwig Mühlfelder nach seiner Heimreise vom herzlichen Empfang in Suhl und initiierte sogar eine von der Stadt Suhl bereit gestellte Ausstellung zur lokalen Geschichte seiner Geburtsstadt. Die Welt war wieder ein wenig näher zusammengerückt.

Der zweite Besuch in Suhl im Juli 1999 fand auf Wunsch Ludwig Mühlfelders mit weniger offiziellen Programmpunkten statt. Begleitet wurde er diesmal von seiner Frau und seinen beiden Söhnen, die nun ebenfalls die einstige Heimatstadt des Vaters kennen lernen sollten. In einer Veranstaltung mit Schülern der beiden Gymnasien stellte er sich erneut den neugierigen Fragen der Jugendlichen und bekannte, wie viele Emotionen ein Gang durch die Straßen seiner ehemaligen Heimatstadt auslöst. Weiterhin nahm Mühlfelder während seines Besuches zum ersten Mal nach fast 60 Jahren an einem Klassentreffen teil, zu dem Klassenkameraden aus ganz Deutschland zusammen gekommen waren.

Dies war Ludwig Mühlfelders letzter Besuch in Suhl. Am 9. Januar 2004 verstarb er 79-jährig in Livingston/USA. Der Stadt Suhl wird er in mahnender, aber auch dankbarer Erinnerung bleiben. Seine Witwe Beatrice Mühlfelder fand im Sommer 2008 erneut den Weg nach Suhl, um gemeinsam mit ihren Kindern auch den Enkelkindern die Geburtsstadt des Großvaters näher zu bringen. Dabei besuchte die Familie auch das ehemalige Wohnhaus der Mühlfelders in der Rimbachstraße, auf dessen Gehweg inzwischen „Stolpersteine“ an die Familie erinnern. (Theresa Weibrecht)

Quelle: "Kleine Suhler Reihe" (25) - Jüdisches Leben in Suhl, S. 38-42

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