Biografie von Wilhelm Nemann, Johanna Nemann und 3 weitere
Christianstr. 15
Familie Nemann
Wilhelm Nemann (geb. 22.05.1886 in Lissa) und Johanna geb. Jacob (geb. 9.5.1895 in Gnesen) hatten sich in Gnesen kennengelernt, wo der studierte Jurist nach ersten beruflichen Gehversuchen beim Landgericht Berlin als junger Anwalt arbeitete. 1920 zogen die Jungvermählten nach Halle/Saale, wo 1921 Mirjam, 1924 Gideon und 1928 der jüngste Sohn Joachim zur Welt kam, genannt Jochen. Wilhelm Nemann hatte in Halle eine eigene Kanzlei als Anwalt und seit 1926 auch als Notar. Die Familie war sehr sportlich und engagierte sich in zahlreichen Vereinen und Organisationen, so beim Turnverein Bar Kochba oder in der Synagogengemeinde. 1924 wurde Wilhelm u.a. Nachfolger von Rechtsanwalt Georg Felixbrodt als Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung Halle.
Wilhelm Nemann war ein progressiver, der Sozialdemokratie nahestehender Jurist. Er verteidigte Angeklagte in Abtreibungsprozessen – schon damals nach §218 – und wurde als Anwalt der sogenannten Roten Hilfe gelistet. Unter anderem wegen dieser politischen Ausrichtung war er im Juni 1933 als einer der ersten vom Berufsverbot der Nationalsozialisten betroffen. Auch das Notariat wurde ihm entzogen. Er durfte sich nur noch juristischer „Konsulent“ nennen und hielt sich mit der Vermittlung von Schiffsreisen über Wasser.
Im Mai 1936 zog die Familie nach Leipzig, wo Willy Nemann bei der jüdischen Gemeinde zu arbeiten begann. Fortan verhandelte der findige Jurist mit den Behörden für die Gemeinde, das Palästina-Amt und zahlreiche jüdische Vereine und Organisationen. Er war Vorstandsmitglied der Israelitischen Religionsgemeinde und Leiter der Auswanderungsabteilung. Von 1937 bis Anfang Oktober 1939 war er auch Vorsitzender des Israelitischen Schulvereins zu Leipzig, Vorstandsmitglied im jüdischen Sozialamt und Geschäftsführer der jüdischen Schulbaugesellschaft. Nemann musste so beispielsweise im März 1939 bei der letzten Mitgliederversammlung im Beisein der Gestapo den Jüdischen Sportverein (JSV) Bar Kochba Leipzig auflösen. Daneben fungierte er als sogenannter „Auswanderungsberater“ der Gemeinde, nach der erzwungenen Auflösung der lokalen Gemeinden am 4. Juni 1939 auch für die „Reichsvereinigung der Juden“.
Johanna (Hanna) Nemann war ebenfalls beim jüdischen Sozialamt aktiv und Mitglied des Vorstands des Leipziger „Verbands jüdischer Frauen für Palästina-Arbeit“. Sie war auch Vorsitzende der jüdischen Kleiderkammer zu Leipzig, die sich in der Höheren Israelitischen Schule befand, der sogenannten „Carlebachschule“, Gustav-Adolf-Straße 7, heute Deutsche Zentralbücherei für Blinde.
Martin Alterthum, der damalige Vorsitzende des Sozialamts, beschreibt in seinen Erinnerungen, wie Hanna Nemann bei der sogenannten „Polenaktion“ am 28.10.1938 den von Abschiebung Bedrohten beistand:
„28. Oktober. Ich war gerade im Begriff, mich am frühen Morgen in das Sozialamt zu begeben, als mir Herr Rimalower in grösster Aufregung mit der Nachricht entgegensetzte, dass alle Juden polnischer Staatsangehörigkeit im Morgengrauen verhaftet, in der jüdischen Schule in der Humboldtstrasse von der Gestapo zusammengetrieben seien und jetzt zum Abtransport nach dem Bahnhof gebracht würden. Sofort fuhren wir [...] zum Hauptbahnhof, forderten und erhielten Erlaubnis zur Einrichtung eines Hilfsdienstes. Unterwegs begegneten wir schon den Polizeiautos, die in ununterbrochener Folge zum Bahnhof fuhren. Bei unserer Ankunft war der erste Transportzug bereits abgefahren, der nächste war schon zur Abfahrt bereit, vollgestopft mit verzweifelten Menschen, von denen wir ja fast einen jeden kannten, nur mit dem allernotwendigsten Gepäck ausgestattet, ein herzzerreissender Anblick. Allmählich kamen weitere Menschen aus der Gemeinde, jeder wollte helfen. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein waren unsere Frauen beschäftigt, Suppen und Sandwiches zubereiten, die Kinder zu betreuen und jede nur mögliche Hilfe zu leisten. [...] Dabei spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Zwei „Damen“, offenbar Parteifunktionärinnen und den „besseren“ Ständen angehörig, gaben ihrer Begeisterung besonderen Ausdruck: sie umfassten sich und tanzten mitten auf dem Bahnsteig, wobei sie antisemitische Schlager sangen. Mutig und mit allen Anzeichen tiefer Erregung herrschte Frau Nemann den Schupo-Oberst an: „Werfen Sie doch diese Frauenzimmer aus dem Bahnhof heraus.“ Wir zitterten vor den Folgen, aber der Offizier, der sich offenbar noch ein Gefühl für Ehre und Menschlichkeit bewahrt hatte, sah sie nur sprachlos an und kommandierte, zu den Tänzerinnen gewandt, mit einer keinen Widerspruch duldenden Stimme: ‚Meine Damen, verlassen Sie sofort den Bahnsteig!’.“
Als Martin Alterthum mit seiner Frau am 6. März 1939 Leipzig verließ, verabschiedeten Freunde aus dem Sozialamt sie am Bahnsteig, von denen die meisten nicht überlebten. Darunter wird auch die Familie Nemann gewesen sein. Alterthum starb 1976 in Israel.
Da jüdische Kinder ab November 1938 keine öffentlichen Schulen mehr besuchen durften, wurde die Carlebachschule zum wichtigen sozialen Ort und Schutzraum vor antisemitischen Übergriffen. Der Oberschulzweig wurde im Februar 1939 geschlossen, so dass man kein Abitur mehr ablegen konnte. Mirjam, die älteste Tochter der Familie Nemann, verließ daher die Schule im März 1937 mit der mittleren Reise und absolvierte in der Nähe von München eine Landwirtschaftsschule für Mädchen, die mit praktischem Wissen auf die Auswanderung nach Palästina vorbereiten sollte. Die „Frauenschule auf dem Lande“ in Wolfratshausen wurde jedoch 1938 von den Nazis geschlossen. So lernte Mirjam noch ein Jahr im Kindergärtnerinnen-Seminar der Reichsvertretung der Juden in Berlin-Grunewald weiter.
Alle drei Nemann-Kinder waren aktiv in jüdischen Sportvereinen, erst in Halle, dann ab 1936 in Leipzig. Mirjam beim Weitsprung, Gideon beim Fußball und in der Leichtathletik. Ein Foto aus dem Jahr 1937, abgedruckt in Barbara Kowalziks Buch „Wir waren Eure Nachbarn“, zeigt Gideon Nemann mit der Fußballmannschaft des SV Bar Kochba Leipzig. Einige seiner Mitschüler und Sportkameraden sollten später mit ihm in Israel den Kibbuz Gezer gründen.
Im März und April 1939 gelang es der Familie, Mirjam (17) und Gideon (15) nach Palästina zu schicken. Der jüngste Sohn Jochen (geb. 1928) war jedoch für die sogenannte Jugend-Aliyah zu klein und trotz aller Bemühungen gelang es den Eltern nicht, auch für ihn eine Ausreisemöglichkeit zu organisieren. Die Familie hielt mit den Kindern in der Ferne engen brieflichen Kontakt, bis der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Postverkehr abschnitt.
Hanna und Willy Nemann waren schon viele Jahre in zionistischen Organisationen aktiv, halfen und begleiteten andere bei der Auswanderung. Am 27. Juni brachte Hanna Nemann eine Kindergruppe zum Schiff nach Hamburg, von wo sie mit einem sogenannten Kindertransport außer Landes gebracht wurden. Die eigene Auswanderung hatte Willy Nemann dagegen zurückgestellt, weil er sich seinen jüdischen Mitmenschen und der Gemeinde verpflichtet fühlte, wie er den Kindern am 13. Mai 1939 nach Palästina schrieb: „Ich habe hier noch eine Aufgabe für die sonst keiner mehr da ist. Drüben wartet außer Euch beiden keiner auf uns.“ Auch hatte ihn die Gestapo im April 1939 zumindest vorübergehend mit einem „Passverbot“ belegt, wie man seiner Meldekarte im Sächsischen Staatsarchiv entnehmen kann. Ende August 1939 schließlich bekam die Familie endlich die benötigten Auswanderungszertifikate für Palästina. Doch wenige Tage später machte der Krieg ihre Pläne zunichte.
Am 3. Septemer 1939, zwei Tage nach Kriegsausbruch, schrieb Willy Nemann das letzte Mal nach Palästina, bevor der Postverkehr mit dem „feindlichen“ britischen Mandatsgebiet verboten wurde: „Das Zertifikat haben wir, aber ob und wann wir herauskommen weiß ich nicht. Ich habe die Gemeindearbeit über alles gestellt und mein und unser Bekannten Sache vernachlässigt.“ Es war die letzte Postkarte, die Mirjam und Gideon Nemann von ihrer Familie erreichte. Danach waren nur noch vereinzelt stark reglementierte Nachrichten über das Rote Kreuz möglich, die auf 25 Wörter und „private“ Inhalte beschränkt waren.
Am 20. Oktober 1939 wurde Willy Nemann „aus politischen Gründen“ verhaftet und kam erst am 6. November wieder frei. Am 1. November 1940 musste die Familie die Wohnung in der Christianstraße zwangsweise verlassen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ am Nordplatz 7 umziehen, wo mehrere jüdische Familien unter beengten Bedingungen gemeinsam in eine Wohnung gepfercht wurden. Am 24. März 1942 mussten sie abermals umziehen, diesmal in die Jakobstraße 7. Am 14. April 1942 wurde Willy Nemann erneut verhaftet, weil er „Anweisungen der Gestapo nicht befolgt“ habe, wie im Gefangenentagebuch des Polizeigefängnisses vermerkt ist. Erst drei Wochen später, am 5. Mai 1942 wurde er entlassen, nur fünf Tage später wurde die Familie nach Bełżyce bei Lublin deportiert. Ein Zusammenhang mit der Gestapohaft liegt nahe. Vermutlich war Willy Nemann als geschickter Vertreter der jüdischen Gemeinschaft den NS-Behörden lästig geworden.
Die Koffer der Familie für die Reise gen Osten wurden noch in Leipzig durch die Gestapo beschlagnahmt und vom Auktionshaus Klemm Stück für Stück versteigert. Die Versteigerungsprotokolle im Sächsischen Staatsarchiv zeugen nicht nur vom Inhalt der Koffer, sondern auch von den Namen der Käufer, die die geraubten Kleidungsstücke ihrer ehemaligen Nachbarn erstanden. Der jüngste Sohn Jochen wird auf der Deportationsliste als „Hilfsarbeiter“ geführt. In seinem Gepäck, das den Bestimmungsort nie erreichte, befand sich die Arbeitskleidung eines Schlossers. Er war gerade 14 Jahre alt.
Die 79jährige Mutter von Hanna Nemann, Martha Jacob geb. Michaelis, die seit 1938 ebenfalls in der Christianstr. 15 gewohnt hatte, starb am 2.4.1942, wenige Tage vor der Deportation ihrer Familie, in einem Heim für ältere jüdische Menschen in Berlin, wohin sie nach der Exmittierung der Familie aus der Christianstraße umgezogen war. Sie liegt auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee in Berlin begraben.
Zuletzt schickte Mirjam aus Palästina den Eltern am 26.11.1941 einen letzten Brief über das Rote Kreuz, der in den Entschädigungsakten überliefert ist und einen Zustellungsvermerk vom 7. Februar 1942 trägt. Erst nach Kriegsende erfuhren Mirjam und Gideon von einem überlebenden Gemeindemitglied, Helmut Salo Looser, vom Schicksal ihrer Eltern und ihres kleinen Bruders. Die genauen Todesumstände konnten nie geklärt werden. Vom Transport „Da 27“ am 10.5.1942 von Weimar über Leipzig und Chemnitz nach Bełżyce im Distrikt Lublin kehrte niemand nach Leipzig zurück.
Mirjam und Gideon gründeten in Israel eigene Familien. Mirjam arbeitete als Lehrerin, Gideon gründete mit anderen den Kibbuz Gezer, darunter seine Leipziger Schulfreunde Josef Sade (Rosenfeld), David Mohar (Franz Mohr) und Arieh (Poldie) Buchsbaum. Später war er Vertreter der israelischen Gewerkschaftsbewegung in London und Verlagsdirektor sowie Redaktionsmitglied der Gewerkschaftszeitung Davar. Die Nachkommen von Mirjam und Gideon leben heute in Israel.
Recherchen: Dr. Jutta Faehndrich (Leipzig), mit Material von Yuval Rubovitch und Georg Prick
Patenschaft: Ein Projekt des Erich-Zeigner-Haus e.V. und dem Johannes-Kepler-Gymnasium
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