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Clara Faude

Biografie von Clara Frida Faude

Das Glück war Clara Frida Faude wenig hold. Sie wuchs ohne Mutter auf, wurde ungewollt schwanger, kam in die Fürsorgeanstalt Reutlingen-Rappertshofen und wurde wie weitere 72 Personen aus dieser Einrichtung mit den grauen Bussen nach Grafeneck gebracht, so sie mit Kohlenmonoxid-Gas ermordet wurde.

Clara Frida Faude wurde am 09. August 1893 in Tuttlingen als Tochter des Tagelöhners Heinrich Faude (1852-1922) und dessen Ehefrau Maria Agate geb. Martin (1860-1894) geboren. Sie erhielt dieselben Namen wie ihre vier Monate zuvor im Alter von fünf Jahren gestorbene Schwester. Bereits im Jahr nach ihrer Geburt starb ihre Mutter im Alter von 34 Jahren. Ihr Vater war mit den Kindern überfordert. Im Arztbericht in den Fürsorgeakten ist zum Vater vermerkt: “Der Vater scheint ein roher Mann zu sein, trinkt ziemlich viel.“ Clara wurde zu ihrer Tante, der Schwester ihrer Mutter, Regina Gentele und deren Mann, dem Schuhmacher Jakob Gentele, in Pflege gegeben. Die beiden hatten keine eigenen Kinder und sorgten gerne für Clara. Sie erhielten vom städtischen Fürsorgeamt dafür ein Kostgeld, das sie 1905 freiwillig reduzierten. Während ihr Vater, Heinrich Faude, seinen Wohnsitz häufiger wechselte und noch einmal heiratete, erwarb das Ehepaar Gentele eine Wohnung in der Gartenstraße 34.

Gartenstraße 34 - bei Hochwasser 1958
Elternhaus in der Gartenstraße 34 (bei Hochwasser 1958)

Clara ging zur Schule, kam allerdings schlecht mit und war schwach im Rechnen. Sie hatte in der Kindheit eine Erkrankung der Drüsen am Hals, litt zudem unter Blutarmut und Bleichheit. Nach Ende der Schulpflicht erhielt sie eine Anstellung in der Schuhfabrik Bernhard Stehle in der Schützenstraße 14-16, wo sie 7,94 Mark wöchentlich verdiente. Als sie 22 Jahre alt war, wurde sie schwanger. Im Juni wurde sie bei der Ortsarmenbehörde vorstellig. „Ich sehe in etwa 6 Wochen meiner Niederkunft entgegen. Da ich weder bei meinen Eltern, noch bei meinen Verwandten bleiben kann, bitte ich, mich im Versorgungshaus in Kirchheim u. T. unterbringen zu wollen“, bat sie. Inzwischen hatte sie auch ihre Arbeit verloren. Der Vater des Kindes war Eugen Mohr (1888-1960), der mittlerweile zum Militär eingezogen worden war und im Ersten Weltkrieg an der Front kämpfte.

Der Fürsorgeausschuss der Stadt erkannte die Notlage von Clara an und war bereit, sie zu unterstützen. Dem Ansinnen, sie in das Versorgungshaus, dem so genannten Wächterheim, zu schicken, wurde zugestimmt. Der Arzt attestierte ihr in diesem Zusammenhang „Schwachsinn leichten Grades“ und gab diese Einschätzung an den Fürsorgeausschuss weiter, der nach der Entbindung eine Unterbringung in einer Fürsorgeeinrichtung empfahl. Der Arzt notierte bei der Untersuchung: „...ist willig, arbeitet gern, aber langsam, ist geordnet ohne besondere Leidenschaften oder Laster.“6 Der Fürsorgeausschuss fragte im Versorgungshaus in Kirchheim u. Teck nach. Dort war man bereit der Stadt entgegen zukommen und Clara für eine Mark pro Tag aufzunehmen, „wenn sie willig und fleißig ist.“

In Kirchheim Teck entband am 28. August einen Knaben, dem sie den Namen Karl gab. Sechs Wochen waren ihr mit ihrem Kind gegönnt, dann forderte die Hausmutter des Wächterheims eine Entscheidung von der Stadt, was mit Clara geschehen sollte. Das Kind konnte in dem dort angeschlossenen Kinderheim bleiben, Clara sollte in einer Anstalt untergebracht werden. Am 20. Oktober hatte sie abgestillt und wurde von ihrem Kind getrennt. Karl blieb im angeschlossenen Kinderheim zurück, wo er ein Jahr später starb. Bereits im August hatte die Ortsarmenbehörde beschlossen Clara nach ihrer Entbindung und nach der Stillzeit in einer Kreispflegeanstalt unterzubringen. So wurde sie am 20. Oktober 1916 in die Kreispflegeanstalt in Reutlingen-Rappertshofen eingeliefert. Die Armenbeschäftigungs- und Bewahranstalt Rappertshofen ging am 1. August 1894 in Betrieb, war seit 1909 Kreispflegeanstalt und seit 1924 Landesfürsorgeanstalt. Die Landarmenverbände gründeten so genannte „Armenbeschäftigungs- und Bewahranstalten“, in die relativ wahllos obdachlose, alte, kranke und behinderte Menschen gebracht wurden. Eine von ihnen war Clara Faude.

Eigentlich wollte das Ehepaar Gentele Clara nur zur Entbindung wegschicken, eine verbreitete Maßnahme, um ungewollt Schwangere dem Gerede zu entziehen. Ablesen lässt sich das daran, dass ihre Pflegeeltern schon vor Claras Einweisung nach Reutlingen-Rappertshofen, den Antrag stellten, sie wieder zu ihnen in Pflege zu geben. Der Fürsorgeausschuss stellte sich aber quer. Der Ausschuss, der sich aus dem evangelischen Dekan, aus Stadträten und Verwaltungsbeamten zusammensetzte befürchtete, dass Clara „wieder der sittlichen Verführung anheim fallen“ würde und lehnte den Antrag ab. Mit zahlreichen Eingaben bombardierten die Genteles auch nach der Einlieferung von Clara in das Heim in Rappertshofen den Fürsorgeausschuss. Dieser blieb unnachgiebig. Im März 1917 heißt es im Fürsorgeprotokoll: „Nach der Äußerung der Landesarmenbehörde ist die Entlassung des Mädchens aus der Anstalt bei ihrem ausgesprochenen Hang zum männlichen Geschlecht nicht ratsam.“

Jetzt schaltete das Ehepaar den Rechtsanwalt Dr. Schäfer ein. Am 5. Dezember verhandelte der Ausschuss das Ansuchen erneut. Diesmal wurde auch der Vater befragt, der sich für einen Verbleib von Clara in der Anstalt aussprach. „Nach Äußerung der Landesarmenbehörde bedarf die Faude noch einer sehr sorgfältigen Beaufsichtigung, um sie vor dem Verkehr mit dem männlichen Geschlecht zu bewahren.“ Hinzu kam jetzt, dass Jakob Gentele zum Militär eingezogen wurde und Regina Gentele Unterstützung für ihren Lebensunterhalt bezog. Man war der Ansicht, dass sie keine Mittel besitze, um Clara zu versorgen, sie zudem leidend sei und damit „sicher außer Stande die Faude genügend zu beaufsichtigen.“ Mit dieser Begründung wurde der Antrag erneut abgelehnt. Zwar versuchte Regina Gentele immer wieder, Clara in ihre Obhut überstellt zu erhalten, es wurde aber stets negativ beschieden. Hinzu kam, dass ihr Ehemann, Jakob Gentele, im Ersten Weltkrieg sein Leben lassen musste.

Clara war nachweislich noch zwei Mal in Tuttlingen bei ihrer Tante. 1921 ließ Regina Gentele sie ohne Erlaubnis nach Tuttlingen holen und musste sie dann auf eigene Kosten nach Reutlingen zurückbringen lassen. 1928 war sie mehrere Monate in Tuttlingen und wurde im Februar 1929 nach einem Krankenhausaufenthalt mit der Begründung sie sei schwachsinnig wieder in die Anstalt Rappertshofen zurückgeschickt.

Die Landesfürsorgeanstalt Rappertshofen verfügte über 350 Plätze und beherbergte Ende Dezember 1939 in ihren beiden „Schwachsinnigen-Abteilungen“ 65 Frauen und 61 Männer. Von diesen 126 Menschen wurden 73 Männer und Frauen in Sammeltransporten nach Grafeneck „verlegt“ und dort im Rahmen des „Euthanasie-Programms“ ermordet – eine von ihnen war Clara Faude. Am 27. September 1940 brachten die grauen Busse Clara zusammen mit 60 weiteren Insassen nach Grafeneck, wo sie im Alter von 47 Jahren getötet wurde.

Laut Rechnungsbuch der städtischen Fürsorge starb Clara am 16. Oktober 1940 in Brandenburg. Diese sicher verfälschten Angaben waren wie in vielen anderen Fällen ein Versuch, den Massenmord in Grafeneck zu verschleiern und das wahre Todesdatum, den 27. September 1940, zu verbergen.

Ihre Tante, Regina Gentele, starb 1950 in Tuttlingen im Alter von 85 Jahren. Ihre zweite Ziehtochter, Maria Barbara Faude, bekam 1922 ebenfalls unverheiratet ein Kind. Jetzt wurde nicht um Unterstützung bei der Fürsorge nachgesucht.

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Quellen & Impressum

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