Biografie von Alois Bauer
Erinnerungen an ALOIS BAUER (1876-1941)
„Wirrer Halluzinant. – Zu Hausarbeiten, Essenholen etc. heranzuziehen.“
Von Mitte November bis Anfang Dezember 1940 trafen in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in dichter Folge kleine und große Transporte mit Insassen aus bayerischen Pflegeanstalten und -heimen ein. Insgesamt mussten mehr als 400 Patienten und Patientinnen in der Hauptanstalt Kaufbeuren und der Nebenstelle Irsee untergebracht werden. Einer der neu aufgenommenen war der 54 Jahre alte Alois Bauer aus der Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder in Straubing. Seine Lebensgeschichte lässt sich nur bruchstückhaft nachzeichnen. Die wenigen sicheren Erkenntnisse sind schnell genannt.
Biografische Bruchstücke
Alois Bauer wurde am 23. April 1876 als Sohn eines Zimmerers im oberpfälzischen Bodenstein (heute Teil der Kleinstadt Nittenau, Landkreis Schwandorf) geboren; er war katholischer Konfession und ledig. Die Oberpfalz, seinerzeit eine arme Region, bot ihm kaum Entwicklungschancen. Die Krankenakte nennt als Beruf „Taglöhner“. Bauer wird also bestenfalls die Volksschule absolviert haben und musste vielleicht schon als Kind zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Möglicherweise verhinderten auch erste Anzeichen der später diagnostizierten Erkrankung eine Berufsausbildung. Mit geringer Schulbildung und ohne erlernten Beruf konnte er nur auf schlecht bezahlte Gelegenheitsarbeiten hoffen.
Gelegentlich muss Alois Bauer auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein, denn bei seiner Aufnahme in der Pflegeanstalt Straubing, am 16. Juni 1934, wurde das Zuchthaus Straubing als letzter Aufenthaltsort angegeben. Ohne Familie und ohne festen Wohnsitz galt Bauer als „landhilfsbedürftig“, weshalb der Landesfürsorge verband Schwaben die Kosten des Aufenthaltes bei den Barmherzigen Brüdern zu tragen hatte. Über die sechs Lebensjahre in der Pflegeanstalt gibt es keinerlei Aufzeichnungen. Entweder verblieb das Krankenblatt in verloren. Im Herbst 1940 muss sich sein gesundheitlicher Zustand jedoch derart verschlechtert haben, dass die umgehende Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee unabdingbar schien. Nur so ist seine alleinige Überführung am 20. November 1940 zu erklären, während für den 1. Dezember bereits ein Sammeltransport von Straubing nach Kaufbeuren in Vorbereitung war.
In Kaufbeuren
Das Kaufbeurer Krankenblatt bietet für diese Vermutung allerdings keinen Anhaltspunkt. Nachdem zunächst nur kurz die Aufnahme verzeichnet wurde, folgte am 21. November eine längere Einschätzung des Alois Bauer „ruhig und unauffällig“ verhielt und über Zeit und Ort „einigermaßen“ orientiert sei. Ansonsten wäre der Patient aber „ganz verworren“. Laut Akteneintrag vom 17. Dezember bot Bauer „die ganze Zeit hier nichts Besonderes“. Positiv wurde seine Reinlichkeit registriert, negativ, dass es nicht möglich war, ihn zu Arbeiten innerhalb der Heilanstalt heranzuziehen. Als Pflegefall wurde er deswegen in die Nebenstelle Irsee weiterverlegt.
In Irsee
Während die Kaufbeurer Ärzte die positiven Eigenschaften und Verhaltensweisen Alois Bauers hervorhoben, betonte der Irseer Arzt Dr. Lothar Gärtner die negativen Seiten. Er notierte am 3. Januar 1941: „Verworrener Halluzinant. Spricht von Gedankenabzeichnen, vom Gedankenmerker Helofon, … es werde freilich nichts zugegeben und es dürfe nichts zugegeben werden. Spricht viel von seinen verworrenen Gedanken, voll von Wahnideen. Rein, besorgt sich. Schizophrenie.“ Und am 25. März: „Wirrer Halluzinant. – Zu Hausarbeiten, Essenholen etc. heranzuziehen.“
Am 4. Juni 1941 endet die Krankengeschichte mit dem lapidaren Eintrag „verlegt“. Alois Bauer, mittlerweile 65 Jahre alt, wurde an diesem Tag in die „Euthanasie“- Anstalt Hartheim überstellt und unmittelbar nach seiner Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet.
Autor: Dietmar Schulze
Abbildung
Krankenaktendeckel von Alois Bauer, Bundesarchiv Berlin, Bestand R 179
https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer_alois_bauer.pdf
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