[{"data":1,"prerenderedAt":-1},["ShallowReactive",2],{"place-5481":3,"supporters":48,"nearby-5481":51},{"id":4,"title":5,"text":6,"photos":7,"videos":24,"audio":25,"coords":26,"stones":29,"town":39},"5481","Reddigan, Christian","Erinnerungen an CHRISTIAN REDDIGAN (1926 –1942) \r\n\r\n„… denn ich als Mutter mache mir Sorgen und hab das kranke Kind ebenso lieb wie meine gesunden Kinder …“ \r\n\r\nDas in Hameln lebende Ehepaar Henriette und Otto Reddigan hatte vier Kinder. Christian, ihr erster, noch vor der Eheschließung geborener Sohn, war bereits im Kleinkindalter in seiner Entwicklung zurückgeblieben. Er konnte nur wenig sprechen und war halbseitig gelähmt. Mit dem 7. Lebensjahr verschlimmerte sich sein körperlicher und geistiger Zustand zusehends. Seitdem traten auch epileptische Anfälle auf. \r\n\r\nTrotz aller Beschwernisse gaben die Eltern Christian nicht in Obhut eines Heimes, sondern pflegten ihr Kind zu Hause. Am 21. Mai 1941, zwei Tage vor Christians 15. Geburtstag , sah sich Henriette Reddigan dann doch gezwungen, ihren Sohn in außerhäusliche Pflege in die nahe Bremen gelegenen Rotenburger Anstalten der Inneren Mission (seit 1996 Rotenburger Werke) zu geben. In einem Brief schrieb sie, dass der Ehemann und Vater einen Einberufungsbefehl erhalten hatte. Ohne die Unterstützung ihres Mannes war sie nicht in der Lage, mit Christian die Wohnung in der dritten Etage zu verlassen. Weniger als fünf Monate nach der Einlieferung in Rotenburg wurde Christian ohne Wissen, geschweige denn Zustimmung seiner Eltern, in eine andere, weit entfernte Heil- und Pflegeanstalt verlegt. Der zuständige Reichsverteidigungskommissar – ein mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geschaffenes Amt zur Koordination der zivilen Reichsverteidigung mit unbegrenztem Anweisungsrecht gegenüber zivilen Verwaltungsstellen, in das ausschließlich Gauleiter berufen wurden – hatte die weitgehende Räumung der Rotenburger Anstalten befohlen. Der Gebäudekomplex sollte im Fall von Luftkriegsschäden in norddeutschen Großstädten als Ausweichkrankenhaus bereitstehen. \r\n\r\nDie den Rotenburger Anstalten zugestandene Vorbereitungszeit für den Abtransport ihrer Schutzbefohlenen war knapp bemessen. Die schriftliche Mitteilung, dass die Einrichtung zu räumen sei, datiert auf den 24. September 1941. Innerhalb von zwei Wochen, im Zeitraum vom 30. September bis zum 12. Oktober, wurden daraufhin 676 kranke und behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Frauen und Männer in andere, teils weit entfernte Heil- und Pflegeanstalt geschafft. \r\nZwei Transporte führten in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Am 7. Oktober 1941 wurden 42 Frauen und 23 Männer, darunter auch Christian Reddigan, und am 8. Oktober weitere 23 Frauen und drei Männer in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee verlegt. Die Deutsche Reichsbahn stellte jeweils einen Waggon bereit und legte die Abfahrtszeit auf 14.35 Uhr fest. Die Eisenbahnfahrt quer durch das Deutsche Reich dauerte über 24 Stunden. Erst am Folgetag gegen 21.30 Uhr trafen die Rotenburger Patientinnen und Patienten am Zielort im Allgäu ein. \r\n\r\nHenriette Reddigan wandte sich, unmittelbar nachdem sie den neuen Aufenthaltsort ihres Sohnes in Erfahrung gebracht hatte, an die Anstaltsleitung: „Ich fragte vor einiger Zeit schon mal bei Ihnen an, ob sich … mein Kind Christel bei Ihnen in der Anstalt befindet, erhielt aber keine Antwort. … [I]ch bitte … mir doch umgehend Bericht über das Befinden meines Kindes zu geben, denn ich als Mutter mache mir Sorgen und hab das kranke Kind ebenso lieb wie meine gesunden Kinder…“ Der Irseer Anstaltsarzt, Lothar Gärtner, antwortete um gehend: „Ihr Sohn Christian zeigte von dem Zeitpunkt der Überstellung in die hiesige Anstalt am 8.10.41 bis zum 18.11.41 keinerlei Veränderung in seinem Befinden. Er war ausser Bett, lebte still seinen Tag. Seit dem 18.11. konnten bei ihm Veränderungen bemerkt werden. Er zeigte anfallsartige Zustände, wurde bettlägerig und konnte nicht mehr stehen und gehen. Auch musste ihm das Essen eingegeben werden. … Wir wollen hoffen, dass sich der Zustand wieder bessert. Ich kann Ihnen aber angesichts der Schwere des Leidens dies nicht sicher in Aussicht stellen.“ \r\nDie verständlicherweise besorgte Mutter teilte Gärtner postwendend mit, dass sie auf Besserung hoffe, schließlich wäre sie am 6. Oktober noch mit ihrem Sohn in Rotenburg spazieren gegangen. Auch informierte sie den Anstaltsarzt, dass es „mit dem Essen … zu Haus auch schon schlecht“ war, weil Christian den Bissen in seinem Mund vergessen würde. Auch Otto Reddigan wandte sich schriftlich an die Heil- und Pflegeanstalt. Am 11. Dezember 1941 bat er den Anstaltsarzt um „einen Bericht über den Zustand [s]eines Sohnes“. Er wolle „den Jungen noch einmal besuchen“. Um Urlaub erwirken zu können, würde er aber ein Schreiben der Anstalt benötigen. Gärtner antwortete, dass „zwar im Augenblick keine Lebensgefahr“ bestünde, „aber bei der Schwierigkeit der Nahrungsaufnahme“ stets mit einer „ernsten Wendung“ gerechnet werden müsse. „Sie können Ihr Kind jederzeit hier besuchen“, beschloss er seine unverbindliche Antwort. \r\n\r\nBei der ersten Kontrolle des Körpergewichts in Irsee noch im Oktober 1941 wog der 15-jährige Junge lediglich 37 kg. Aus dem Brief der Mutter, Gärtners Hinweis zur Nahrungsaufnahme und der Gewichtsliste in der Patientenakte geht hervor, dass Christian intensiver Pflege und Zuwendung bedurft hätte – insbesondere bei den Mahlzeiten. An solch zeit- und personalintensive Betreuung hatten jedoch weder der Anstaltsdirektor Valentin Faltlhauser noch sein Irseer Abteilungsarzt Lothar Gärtner Interesse. In ihren Augen galten schwer pflegebedürftige und ohne Aussicht auf Besserung in den Anstalten lebende Menschen wie Christian Reddigan als „unnütze Esser“, die nichts zum Wohle der „Volksgemeinschaft“ beigetragen haben bzw. nie etwas beitragen würden. \r\nChristian Reddigan verstarb am 2. Februar 1942 im Alter von nur 15 Jahren. Bei der letzten Gewichtskontrolle im Januar wog er noch 25 kg. In der Krankenakte fehlen Hinweise auf einen Besuch von Mutter und Vater. Unbekannt ist auch, ob es den Eltern möglich war, zur Beerdigung am 4. Februar 1942 auf dem Ortsfriedhof von Irsee zu kommen. \r\n\r\nAutor: Dietmar Schulze \r\n\r\nAbbildungen \r\nTitelfoto: Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Christian Reddigan \r\nAbb. 1: Brief des Vaters, Otto Reddigan, an die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Christian Reddigan\r\nAbb. 2: Gewichtsliste aus der Krankenakte, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Christian Reddigan\r\n\r\nhttps:\u002F\u002Fanstalt-irsee.de\u002Fwp-content\u002Fuploads\u002F2025\u002F06\u002Fchristian-reddigan.pdf",[8,14,19],{"original":9,"thumb":10,"caption":11,"width":12,"height":13},"https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002Fd729213fadde3714967b0bffee5f7fa9.jpg","https:\u002F\u002Fstolpersteine-guide.de:443\u002Fuploads\u002Fmedien\u002Fd729213fadde3714967b0bffee5f7fa9_thumb.jpg","Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Christian 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