Biografie von Sophie und Gustav Rosenthal
Dr. Gustav und Sophie Rosenthal - Merseburger Str. 94
Sophie Bär wurde am 15.3.1889 in Billigheim bei Heilbronn und Gustav Rosenthal am 25. Juli 1872 in Burgdorf bei Hannover geboren. Er entstammte einer Kaufmannsfamilie. Von 1892 an studierte Gustav Rosenthal in Leipzig Medizin. 1898 reichte er eine Dissertation über Hautkrebs bei Kindern an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig ein. In der Merseburger Str. 94 praktizierte Gustav Rosenthal nach dem 1. Weltkrieg als Arzt. Er war Mitglied in der jüdischen Vereinigung Gesellschaft der Freunde zu Leipzig und im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Im Sommer 1914 heirateten Sophie und Gustav Rosenthal. Ein Jahr darauf, 1915, wurde ihre Tochter Margarete geboren. Aus einer früheren Ehe hatte Gustav Rosenthal zu diesem Zeitpunkt bereits eine Tochter, Lotte, die 1906 zur Welt gekommen war.
Im Nationalsozialismus war Gustav Rosenthal als Arzt zusätzlich zur allgemeinen antisemitischen Hetze weiteren Diskriminierungen ausgesetzt, die sich speziell gegen jüdische Ärzt*innen richteten. Seit 1933 schränkten die Nazis zunehmend deren Kassenzulassung ein. Im September 1938 entzogen sie den jüdischen Ärzt*innen schließlich die Approbation. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verlor Gustav Rosenthal die Möglichkeit, seinem Beruf nachzugehen.
Nach den Novemberpogromen 1938 wurden viele jüdische Männer verhaftet und kamen in die Konzentrationslager. Auch Gustav Rosenthal wurde festgenommen und man brachte ihn nach Buchenwald oder Dachau, was nicht genau feststellbar ist. Einen Monat später wurde er, wie auch viele andere, unter der Maßgabe, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen, entlassen. Doch bevor die jüdischen Menschen fliehen konnten, wurden sie noch gnadenlos enteignet. So erhob der nationalsozialistische Staat von den Juden u.a. eine „Sühneleistung“ über die entstandenen Schäden während der Pogrome. Gustav Rosenthal musste dafür mindestens 8.000 RM abgeben. Weitere 11.000 RM „Reichsfluchtsteuer“ kamen hinzu. Weiterhin mussten er im März 1939 Edelmetalle und Schmuck an kommunale Pfandhäuser abgegeben.
Im Verlauf des Jahres 1939 entschied sich das Ehepaar Rosenthal schließlich, Deutschland zu verlassen. Ihr Ziel war Brasilien. Um die Einreisegenehmigung zu erhalten, mussten sie etliche Dokumente und Belege vorlegen. Im Oktober 1939 erteilte ihnen das brasilianische Konsulat in Berlin endlich die Erlaubnis, einzureisen. Am 9. Dezember 1939 brachen Sophie und Gustav Rosenthal nach Brasilien auf. Sie erreichten São Paulo rund drei Wochen später am 29. Dezember 1939. Im September 1942 entzog die Universität Leipzig Gustav Rosenthal seinen akademischen Doktorgrad.
Gustav Rosenthal starb 1944 in São Paulo. Seine Frau kehrte nach dem Krieg in die Bundesrepublik Deutschland zurück. Lotte, die erste Tochter von Gustav Rosenthal überlebte die Shoa in Palästina. Margarete, ihre gemeinsame Tochter, fand dort ebenfalls Zuflucht. Ihren Vater haben sie nach ihrer Flucht nicht wieder.
In den 1950er und -60er Jahren forderten sie die Bundesrepublik auf, das geraubte Vermögen rückzuerstatten. Ein über zehn Jahre währender Kampf blieb ohne Erfolg.
Recherchen: Till Goßmann
Patenschaft: Hausgemeinschaft Merseburger Str. 94
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