Biografie von Alice Fleischel
Höllstraße 1: Alice Fleischel (1873–1941)
Alice Fleischel, geb. Rossin, wurde am 04.06.1873 als Tochter jüdischer Eltern in Hamburg geboren. Sie konvertierte im Jahr 1897 zum Christentum und heiratete Egon Fleischel aus Hamburg. Ihr Mann verstarb 1936 in Berlin. Alice Fleischel lebte vor Kriegsbeginn 1939 lange in Berlin, dann in München und zuletzt in Radolfzell und hatte zwei Söhne.
Alice Fleischel, die, aus München über Baden-Baden kommend, seit April 1940 im „Bahnhofhotel Schiff“ am Bahnhofplatz 1 / Ecke Seetorstr. 2 in Radolfzell wohnte, wurde dort am 22. Oktober 1940 von der Gestapo Konstanz im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ verhaftet. Noch am selben Tag wurde sie per Zug von Radolfzell ins KZ Gurs deportiert, wo sie am 26. April 1941 ums Leben kam.
In ihrer Unterkunft in Radolfzell war sie möglicherweise bereits auf der Flucht und beabsichtigte, von dort die nahe Grenze zur Schweiz zu überqueren oder nach Italien zu gelangen, wo eine Schwägerin lebte. In Radolfzell habe sie zunächst keine offizielle Meldeadresse gehabt, sondern sei der Polizei nur aufgrund einer Denunziation bekannt gewesen. Die überlieferte Meldekarte im Stadtarchiv Radolfzell belegt hingegen eine zum 1. Juli 1940 vorgenommene, reguläre Anmeldung und verzeichnet akribisch: „Jahr und Tag der Anmeldung: 1.7.40; Wohnung: Bahnhofplatz 1, Hotel Schiff. Jahr und Tag der Abmeldung: 22.10.40. Von Gestapo Konstanz abtransportiert“.
Die nur in Teilen überlieferte Korrespondenz zwischen Alice Fleischel in München beziehungsweise Radolfzell und ihrem Sohn Günther im Zuchthaus Hameln macht deutlich, dass Günther Fleischel noch im Jahr 1940 plante, zusammen mit seiner Mutter nach Brasilien zu emigrieren. In einem Brief vom 18. Februar 1940 aus München äußerte Alice Fleischel zwar noch grundsätzlichen Zweifel an dem gemeinsamen Vorhaben, „denn was sollen alle Staaten mit all den Juden anfangen!“ Schließlich erhielt Günther aber doch die Mitteilung aus Radolfzell, dass seine Mutter mit ihm auswandern wolle. Im September 1940 schickte Alice Fleischel aus Radolfzell - wie auch zuvor schon bei verschiedenen Anlässen - letztmals vor der Deportation einen kleinen Geldbetrag zur Unterstützung ihres Sohnes ins Zuchthaus nach Hameln.
Anfang Februar 1941 äußerte Günther Fleischel in einem Brief an Kurt [Israel] Kaliski die Hoffnung, im Laufe des Monats noch Post von seiner Mutter zu bekommen, doch eine Mitteilung seiner in Berlin wohnenden Tante Charlotte Asten vom 21. Mai 1941 informierte ihn ohne nähere Angaben vom Tod Alice Fleischels. Auch ihre beiden Söhne überlebten die NS-Zeit nicht. Erich Fleischel (geb. am 16.07.1897 in Berlin) wurde nach 04.03.1943 im KZ Majdanek ermordet. Günther Rolf Egon Fleischel (geb. am 01.06.1903 in Berlin) starb am 05.09.1943 an einer Krebserkrankung im Ghetto Riga.
Heute noch lebender Angehöriger der Familie ist Gilbert Fleischel, Köln, Großneffe von Egon und Alice Fleischel und Enkel von Bruno Fleischel, eines Bruders von Egon Fleischel.
Recherche: Markus Wolter
Die Patenschaft für den Stolperstein hat Ute Müller übernommen.
Quellen
Meldekarteikarte Alice Fleischel, Stadtarchiv Radolfzell. Zu Günther und Alice Fleischel vgl.: Herbert Obenaus: Vom SA-Mann zum jüdischen Ghettoältesten in Riga. Zur Biographie von Günther Fleischel. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Bd. 8 (1999), S. 278–299. Überlieferte Korrespondenz von Alice und Günther Fleischel in der Häftlingsakte Günther Fleischel, Zuchthaus Hameln, Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann.86 Hameln Acc 143/90 Nr. 3613. Badische Landesbibibliothek Karlsruhe, Digitalisat der Transportlisten aller am 22. Oktober 1940 aus Baden nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden, Alice Sara Fleischel hier unter „Radolfzell“, Bl. 59.
Dokumentation zum Aufenthalt Alice Fleischels in Radolfzell und zu ihrer Deportation nach Gurs: Markus Wolter: Juden in Radofzell, 2013.
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