Biography of Ludwig Schlorch
Ludwig Schlorch: Rettung in letzter Sekunde
Als er erfährt, dass die Synagoge brennt, sitzt er in der Schulbank. Und bricht in Tränen aus. Es soll sein letzter Schultag sein, denn als Jude darf Ludwig Schlorch die Volksschule nicht mehr besuchen.
Zu fünft waren sie in der Familie Schlorch. Vater Semi, Mutter Rosa und die drei Kinder Günther, Ilse, und Ludwig, der Jüngste.
Der Vater hatte einen Eisenwarenhandel. Als die Nazis kamen, musste er das Geschäft verkaufen. Max Franke übernahm den Laden. Seine Tochter Marie Luise Schumann erzählt, ihr Vater habe dieses Geschäft zwar übernommen. "Er hat aber einen Brief an die damalige Verwaltung geschrieben, er müsse sich da erst einarbeiten und bitte, den Semi Schlorch als Angestellten behalten zu dürfen."
Im eigenen Laden nur geduldet
Zunächst wurde das auch genehmigt. Semi Schlorch durfte in seinem ehemaligen Geschäft weiterarbeiten, wurde dafür von Max Franke auch bezahlt. Doch dann wurde die Genehmigung wieder zurückgenommen.
Die Schlorchs hatten versäumt, ihrer Heimat rechtzeitig den Rücken zu kehren. Die meisten der Kuppenheimer Juden waren nach dem Machtantritt der Nazis ins Ausland gegangen. Die Situation der Familie Schlorch, die geblieben war, wurde immer aussichtsloser. Was das für die Kinder bedeutete, zeigt das Schicksal des jüngsten Sohnes Ludwig.
Schulverbot
Bis zum November 1938 konnte er wenigstens noch in die Volksschule gehen. Aber dann kam der Tag nach der Pogromnacht. Drei der damaligen Klassenkameraden leben noch heute in Kuppenheim: Regula Burkhard, Maria Walz und Heinrich Westermann. Zehn Jahre alt waren sie damals, als plötzlich einer der Lehrer kam und rief: Die Synagoge brennt!
Die drei erinnern sich, dass Ludwig Schlorch in diesem Moment angefangen habe zu weinen. Die meisten Schüler rennen zur brennenden Synagoge. Es gibt ein Foto davon. Währenddessen sitzt Ludwig Schlorch schluchzend im Klassenzimmer – und wird von seinem Lehrer getröstet. Er schickt den Jungen nach Hause. Und Heinrich Westermann sagt heute: "Ich habe mich schon oft gefragt, warum wir den Ludwig nicht begleitet haben. Aber wir waren Kinder von zehn Jahren."
Ludwig darf fortan nicht mehr in die Schule. Das verstehen die Mitschüler nicht. Einer von ihnen geht heimlich zu Ludwig und bringt ihm die Hausaufgaben. Bis das schließlich einer der örtlichen NS-Funktionäre spitzkriegt und dem Schüler verbietet, den Judenjungen künftig zu besuchen.
Deportation nach Gurs
Dann kam der 22. Oktober 1940. Damals lebten in Kuppenheim nur noch 16 Juden, darunter die fünfköpfige Familie Schlorch. Man gab ihr eine Stunde Zeit zum Packen. Was sollte man auf solch eine Reise ins Ungewisse mitnehmen? Das Meiste musste ohnehin zu Hause bleiben. Sie wurden gezwungen, zum Platz vor der Turnhalle zu gehen. Dann mussten alle auf einen Lastwagen klettern, der sie zur nächsten Bahnstation brachte. Von dort ging es nach Gurs, in das berüchtigte Lager am Fuße der Pyrenäen. Mehr als 6.000 pfälzische und badische Juden wurden an diesem Tag abtransportiert.
Viele starben in den ersten Wochen an den schrecklichen Entbehrungen, viele wurden später nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.
"Kind, bleib' lieber da"
Als die Familie Schlorch in Kuppenheim auf den Lastwagen klettern musste, war die kleine Nachbarstochter Marie Luise dabei. Das hatte ihr jedenfalls ihre Mutter später erzählt. Marie Luise, die später lange Jahre Lehrerin in Kuppenheim war, hatte die Familie Schlorch offenbar gemeinsam mit ihrer Mutter zum Sammelplatz begleitet. Rosa Schlorch hatte ihr eine Puppe geschenkt, das Kind mochte sie. Deshalb stand sie vor dem Lastwagen und rief: "Ich will mit, ich will mit!" Und Rosa Schlorch habe geantwortet: "Kind, bleib' lieber da."
Schnäppchenjagd
Nachdem alle Juden weg waren, sammelte man ihr Hab und Gut und brachte es in die Turnhalle. Die Kuppenheimer waren aufgefordert, die Sachen zu ersteigern. Ein Angebot, das mancher nur allzu bereitwillig annahm. Es kam zu haarsträubenden Szenen. Kurz nach dem Abtransport der Juden sah man eine junge Frau in einem Kleid von Ilse Schlorch durch die Stadt spazieren. "Man sah das genau", sagt Maria Walz, "denn man kannte ja das Kleid und wusste, wem es vorher gehört hatte."
Ein Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde breitete die Arme aus
Die Eltern Schlorch, Semi und Rosa, wurden später in Auschwitz ermordet. Ebenso ihr Sohn Günther. Nur Ilse und Ludwig Schlorch überlebten. Ilse Schlorch gelang es in Frankreich, von einem Lastwagen zu springen und sich in Sicherheit zu bringen. "Das hat sie später bei Besuchen in Kuppenheim selbst erzählt", berichtet Marie Luise Schumann, geborene Franke.
Dass auch Ludwig Schlorch überlebte, war einer wundersamen Begebenheit zu verdanken. Längere Zeit war er in der Obhut des jüdischen Kinderhilfswerks OSE gewesen und wurde in einem von der Organisation unterhaltenem Kinderheim, im Château de Montintin, südlich von Limoges, untergebracht. Dann sollte er doch, zusammen mit seinen Eltern, nach Auschwitz deportiert werden. Bei seiner Rückkehr ins Lager Rivesaltes im August 1942 erkannte er sie kaum wieder, so elend und abgemagert sahen sie aus.
Als er vor dem langen Zug in der Schlange wartete, sah er plötzlich einen Mann mit einer Rot-Kreuz-Armbinde. Der Mann breitete die Arme aus und bedeutete ihm, zu ihm zu kommen. Ludwig lief los. Das war seine Rettung. Die französische Miliz wollte ihn noch aufhalten. Doch der Rot-Kreuz-Mitarbeiter machte ganz klar: Das Kind gehört zu mir.
Jahrelange Prozesse
Ludwig Schlorch ging später in die USA, wo er erst im Rentenalter starb.
Er und seine Schwester Ilse zogen nach dem Krieg vor Gericht und erstritten in jahrelangen Prozessen finanzielle Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht. Ilse klapperte die Häuser in Kuppenheim ab, um die Räume nach Gegenständen zu durchsuchen, die einst ihrer Familie gestohlen worden waren.
Ludwig hatte allerdings noch einen anderen Grund, nach Kuppenheim zurück zu kehren. Heinrich Westermann erzählt: "Er ist gekommen, um sich bei dem Schulkameraden zu bedanken, der ihm damals heimlich die Schularbeiten gebracht hat."
von Johannes Weiß
Audio
Media
Photos
Free thanks to your help
This biography is free to read. If you like the Stolpersteine Guide, we would be glad of a small contribution.
Stolpersteine nearby
Ludwig Kahn (Kuppenheim)90 m
Karl Kahn (Baden-Baden)6.5 km
Albert Niedermann (Karlsruhe)6.8 km
Rudolf Tonello (Baden-Baden)6.8 km
Franz Birnbräuer (Baden-Baden)7.1 km
Auguste Köhler (Baden-Baden)7.3 km
Sources & Imprint
Südwestrundfunk
Anstalt des öffentlichen Rechts
Neckarstraße 230
70190 Stuttgart
Telefon: 0711/929-0
Fax: 0711/929-11300
Klicken Sie hier, um das Mailformular zu öffnen.
Gesetzlicher Vertreter: Peter Boudgoust (Intendant)
Umsatzsteuer-Identifikationsnummer: DE 812481116
--------------------------------------------
SWR.de
ist das Internetangebot des Südwestrundfunks
Klicken Sie hier, um das Mailformular zu öffnen.
Gesamtverantwortlich: Peter Boudgoust (Intendant);
Hauptabteilung SWR.Online: Jürgen Ebenau
Internet-Inhalte zu Hörfunk- und Fernsehsendungen des SWR und die SWR.de-Nachrichten werden von den zuständigen Programmdirektionen verantwortet:
Fernsehen: Christoph Hauser
Hörfunk: Gerold Hug
Landessender Baden-Württemberg: Ingrid Felgenträger
Landessender Rheinland-Pfalz: Dr. Simone Schelberg
Leiter der Online-Nachrichtenkoordination: Markus Geyer
--------------------------------------------
Nachrichtenagenturen: AFP, AP, DPA, Reuters, SID