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Eugen Gustav Birkle

Biography of Eugen Gustav Birkle

Eigentlich war Eugen Birkle ein froher Mensch. Er wurde am 31. August 1884 in Tuttlingen als Sohn des Schuhmachers Karl Birkle und dessen Ehefrau Katharina geb. Sailer geboren. Er war ein guter Schüler, lernte das maschinelle Schuhmacherhandwerk und arbeitete in Kreuzlingen, Winterthur und in Ungarn. 1909 heiratete er Eugenie Birkle geb. Häfele und hatte mit ihr vier Kinder, von denen zwei jung starben.

Von 1903 bis 1905 leistete er seinen Militärdienst im Infanterieregiment 125. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde er einberufen und kam u.a. mit dem Infanterieregiment 120 als Sergeant an die Westfront, wo er mehrmals schwer verwundet wurde. Seine erste Verletzung zog er sich 1914 bei einem Sturz in einen sechs Meter tiefen Graben zu, bei dem er sich das linke Kniegelenk brach und das andere verletzte. Drei Monate Lazarettbehandlung folgten. 1916 wurde er durch Granatsplitter am Rücken verletzt. 1917 wurde er mehrmals in die Höhe geschleudert und schwer verschüttet, erlitt eine Granatsplitterverletzung am Kopf, so dass er sein Bewusstsein verlor. Diese Verletzung belastete ihn später schwer. Aber 1918 kam er erneut an die Front und sollte ein Maschinengewehr bedienen. Dabei fiel er um und zog sich Schrapnellverletzungen am linken Unterschenkel zu. Für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg erhielt er das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
Leben musste er mit einem Schaden an den Beinen, der ihm das Leben erschwerte.

Er wohnte mit seiner Familie im eigenen Haus Am Schafrain 10, das die Familie erbaut und sich deshalb verschuldet hatte. Er arbeitete bis Mitte 1928 bei den Firmen J.G. Martin Söhne und in der Schuhfabrik Henke & Co. als Maschinenzwicker. Die Kriegsereignisse ließen ihn aber nicht mehr los, die Gräuel, die er an der Westfront gesehen hatte, holten ihn ein und raubten ihm den Schlaf. Ab 28. August 1928 konnte er nicht mehr arbeiten und verbrachte die meiste Zeit im Bett. Er klagte über Kopfschmerzen, die er auf seine Kopfverletzung zurückführte, über ein Ausbrennen des Magens, das er mit dem im Ersten Weltkrieg eingesetztn Gas in Verbindung brachte und über seine schwachen Nerven, die aus der Verschüttung resultieren würden. Für sein Bein, das er nicht voll gebrauchen konnte, baute er sich selbst eine Schiene, die ihm das Stehen erleichterte. Zudem nahm er Morphiumtabletten, um schlafen zu können. Er selber äußerte im August 1929 gegenüber dem Amtsarzt Dr. Graner, dass er sich gegen das Nachlassen seiner Nerven gewehrt, den Kampf aber verloren habe.

Jetzt versuchte er eine Kriegerrente zu erhalten. Tübinger Ärzte untersuchten ihn und konnten nur eine teilweise Beeinträchtigung feststellen, da sie kaum organische Ursachen für seine Beschwerden finden konnten. Schnell war klar, dass seine Erkrankung auch psychische Ursachen hatte. Inzwischen verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Seine Frau meinte im November 1929, dass er nachts Stimmen hören würde. Ein ablehnender Bescheid über eine Invalidenrente verschlimmerte die Situation zusätzlich. Am 16. Dezember 1929 kam der Amtsarzt dann in seine Wohnung. Eugen schilderte ihm, dass er durch ein Mikrophon im Kopf Anweisungen erhalten würde. Er trug stets eine Pistole mit sich, um sich und seine Familie zu verteidigen. Der Amtsarzt ordnete die Unterbringung in der Psychiatrie an. Da in Rottenmünster keine Betten frei waren, brachte ein Wärter ihn am 21. Dezember 1929 in die Heilanstalt Zwiefalten. Dort untersuchten ihn die Ärzte gründlich, sahen aber wenig Potential für eine Heilung. Da seine Mutter der Heimunterbringung nicht zustimmen wollte, wurde immer wieder diskutiert, ob es möglich wäre, ihn nach Hause zu entlassen. Die Mutter wandte sich auch an die Vereinigten Gewerkschaften, und Gewerkschaftssekretär Fritz Fleck fragte in der Klinik um Rat, da er die Situation schlecht einschätzen konnte. Die Klinik lehnte eine Entlassung aber immer wieder ab. Seine Frau konnte nicht begreifen, dass aus dem eifrigen Sportler, der vor dem Krieg ein „gutes Gemüt“ hatte, ein Kranker geworden war.
Zunehmend lebte er in Phantasiewelten, die den Bezug zur Realität verloren hatten. Im Juni floh er, als er freien Ausgang hatte, um seine Frau zu treffen und wurde in Uttenweiler aufgegriffen, nachdem er sich mit Zaunlatten gegen eine Festsetzung gewehrt hatte.

Zwischenzeitlich war seine Kriegerrente bewilligt worden, und er erhielt mit Pflegezulage und Invalidenrente 216 Mark, die die Ökonomieverwaltung der Heilanstalt voll beanspruchte. Der eingesetzte Betreuer wollte aber einen Teil für den Unterhalt der Familie und für die Abzahlung der Hypothek, die auf dem Haus lastete, verwenden. Die finanzielle Situation der Familie war mit der Krankheit des Hauptverdienenden schwierig. Am 21. Februar 1931 holte ihn seine Frau dann auf eigenes Risiko aus der Heilanstalt Zwiefalten ab.

Anfang des kommenden Jahres lief er von zuhause weg, wurde im Schwarzwald aufgegriffen, am 13. Februar 1932 ins Krankenhaus in Säckingen gebracht und von dort in die psychiatrische Klinik nach Freiburg überwiesen (Diagnose: Dementia paranoide). Nachdem seiner Frau mitgeteilt wurde, dass er anstaltsbedürftig sei und es nicht möglich sei, ihn zuhause in erforderlicher Weise zu bewachen, da er den Wunsch geäußert hatte, sich nach Indien zu begeben, wurde er am 7. Oktober desselben Jahres in die Heilanstalt Rottenmünster überführt.
Er hatte außer einer Taschenuhr auch eine Wäschegarnitur, einen Mantel, Schuhe und Strümpfe dabei, als er in die Heilanstalt eingeliefert wurde. Von Rottenmünster brachte ihn ein grauer Bus nach Grafeneck, wo er am 3. Februar 1940 ermordet wurde. Seine Urne wurde nach Tuttlingen überstellt und dort sofort auf dem Ehrenfriedhof im Grab 105 beigesetzt.

Seine Ehefrau machte seine links orientierte politische Gesinnung für die Einlieferung in die Psychiatrie verantwortlich. Sie sah ihn als politisch Verfolgten und stellte nach dem Krieg einen Wiedergutmachungsantrag, der allerdings abgelehnt wurde. Seine Enkelin Ingrid Storz-Popp verarbeitete das Leben ihres Großvaters in einem Theaterstück mit dem Namen „Gnadentod“, das u.a. 2014 von der Theater-Schmiede Bobingen aufgeführt wurde.

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