Biography of Kamill Delfosse
Kamill Delfosse, Friedensheim 99 (ehem. Gaststätte Kühler Krug)
In der Ludwig-Frank-Straße 14 (damals Friedensheim 99) wohnte lange Jahre der Lahrer Sozialdemokrat Kamill Delfosse mit seiner Frau Hedwig und seinen neun Kindern. Er wurde 1899 als Sohn des Journalisten Jean Baptiste Delfosse, der aus dem elsässischen Sundgauort Elbach nach Lahr gezogen war, und seiner Frau Ida, geborene Hummel, geboren. Nach dem Abschluss seiner Lehre in der Kartonagenfabrik Koch wurde er als 18-Jähriger zum Feldartillerieregiment nach Freiburg eingezogen und in der Endphase des Ersten Weltkrieges noch im Baltikum eingesetzt. Aufgrund einer Verwundung wurde er als Kriegsgeschädigter eingestuft.
Wieder zuhause, fand er Arbeit in einer Druckerei; aus den Jahren 1925 bis 1929 ist bekannt, dass er in den graphischen Betrieben Kaufmann beschäftigt war. Nach dem Ersten Weltkrieg legte Kamill Delfosse die Grundsteine für seine politische Laufbahn: 1920 organisiert im Buchbinderverband, 1926 Mitglied in der SPD, 1930 Wahl in den Gemeinderat und im Januar 1933 Aufstieg zum Vorsitzenden der Lahrer SPD. Ob ihm die SPD-Mitgliedschaft zum Verhängnis wurde, als er 1929 arbeitslos wurde, ist nicht belegt. Ab der Machtübernahme der Nationalsozialisten lag es auf der Hand, dass seine Parteizugehörigkeit zu seiner beruflichen Ausgrenzung führte, denn bis zu seiner ersten Verhaftung im Juli 1936 blieb er arbeitslos.
Die ersten Repressalien erlitt Kamill Delfosse bereits im Mai 1933. Als einziger SPD-Gemeinderat nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er in Schutzhaft genommen, weil die Lahrer NS-Anhänger lautstark gegen seine Teilnahme an der Gemeinderatssitzung demonstrierten. Mit einigen Tagen Schutzhaft kam er noch glimpflich davon.
In den folgenden Jahren vollzog sich der SPD-Widerstand im Untergrund.
Daran beteiligte sich auch Kamill Delfosse, der mit anderen Parteigenossen die illegal gedruckten SPD-Zeitungen aus der Schweiz einschmuggelte und in Lahr unter der Hand verteilte. Aufgrund von Denunziationen wurden Kamill Delfosse, Fritz Dreher und Karl Kern im Juli 1936 festgenommen und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu Haftstrafen verurteilt. Kamill Delfosse büßte seine Strafe von einem Jahr und sechs Monaten im Ulmer Gefängnis ab. Nach seiner Freilassung fand er Arbeit in einer Gärtnerei, wurde bei den Westwallarbeiten eingesetzt und konnte ab 1939 wieder als Kartonager bei der Firma Pfaff beschäftigt werden.
Immer wieder äußerte er sich abfällig gegenüber der NS-Regierung. Letztendlich wurde er wegen „staatsgefährdender Hetzreden“ ein zweites Mal verhaftet und im April 1944 zu einem weiteren Jahr Gefängnis verurteilt, das er in Mannheim abzusitzen hatte. Ein Gnadengesuch seiner Frau wurde abgewiesen. Erst als bei einem Fliegerangriff am 19. Februar 1945 auf das Militärkrankenhaus in der heutigen Malerfachschule seine vier kleinsten Kinder ums Leben kamen, wurde er neun Tage vor Haftende freigelassen.
Nach Kriegsende wurde Kamill Delfosse als NS-Verfolgter anerkannt. Vom Entschädigungsgeld für seine Haftstrafen als politisch Verfolger konnte er für seine Familie ein Eigenheim erwerben. Gemeinsam mit Hans Dürr gelang es ihm, die SPD wiederaufzubauen. Er war kurzfristig SPD-Vorsitzender, saß für seine Partei wieder mehrere Jahre im Gemeinderat und leitete außerdem deren Kreisverwaltung. Auch beruflich ging es wieder aufwärts, der neue Landrat Georg Wimmer nahm ihn in sein Verwaltungsteam auf. 1981 wurde Kamill Delfosse die Lahrer Bürgermedaille verliehen, drei Jahre später starb er am 26. November 1983 im Alter von 84 Jahren.
verschiedene Quellen:
- Lahrer Zeitung vom 23.06.2013, in einem Bericht von Marion Haid zum 135jährigen Jubiläum der Lahrer SPD erwähnt sie auch die Gefängnisstrafen des Mitglieds Kamill Delfosse während der NS-Zeit. Bei dieser Veranstal-tung wird Kamills Tochter Erna Schramm für ihre 60jährige Mitgliedschaft geehrt.
- Geschichte der Stadt Lahr, Band III, Verlag E. Kaufmann, 1993, Seiten 130, 191,194, 292
- Lahrer Anzeiger vom 24.06.2013, Bericht von Jürgen Haberer „Erbe der Überzeugungstäter“
- Lahrer Zeitung vom 23.06.2013
Verlegung des Steins am 18.10.2021
Inschrift:
HIER WOHNTE
KAMILL DELFOSSE
JG. 1899
IM WIDERSTAND / SPD
„SCHUTZHAFT“ 1933
GEFÄNGNIS LAHR
SEIT 1936 IN MEHREREN
GEFÄNGNISSEN
BEFREIT
Media
Photos
Free thanks to your help
This biography is free to read. If you like the Stolpersteine Guide, we would be glad of a small contribution.
Thanks to Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein and 6 more.Stolpersteine nearby
Karl Unger150 m
Bertha Weil200 m
Daniela Feist340 m
Eleonore Krause380 m
Karoline Gross, geb. Haberer390 m
Alfred Frank420 m
Sources & Imprint
Stolpersteininitiativen Lahr, Friesenheim, Schuttern, Nonnenweier, Kippenheim
Als kurze Vorabinfo: Grundlagen für die Stolpersteine in Lahr wurden gelegt durch intensive Recherchen und Veröffentlichungen von Hildegard Kattermann. Weiterhin durch intensive Recherchen und Bearbeitung von Gardy Ruder.
Die hier dargestellten Inhalte und Quellenmaterial werden recherchiert, vorbereitet, gesammelt und bereitgestellt durch den Historischen Verein Mitelbaden, Ortsgruppe Geroldsecker Land Projektgruppe Stolpersteine. Intensiv in die Arbeit mit eingebunden sind insbesondere Doris Gerteis, Bertram Bliss sowie durch städtische Unterstützung Elise Voerkel und Thorsten Mietzner vom Stadtarchiv Lahr.
Im Schuljahr 2013/2013 wurde in Zusammenarbeit mit der Schulklasse 10a der Friedrichschule unter Leitung ihrer Lehrerin gemeinsam mit dem Herausgeber Historischer Verein Mittelbaden, Regionalgruppe Geroldsecker Land mit vielen hier Unerwähnten ein kleines Buch als Anfang der öffentlich zugänglichen Dokumentation der Verfolgung und Ermordung von Lahrer Bürgern während des nazionalsozialistischen Terrorregimes erstellt.
ISBN978-3-89735-865-2.
Aktuell wird an einer erweiterten Neuauflage gearbeitet.
Inzwischen werden hier neben den Stolpersteinen in Lahr auch die der Nachbargemeinden Friesenheim, Schuttern dargestellt und eingepflegt.
Auch die Steine in Schwanau und Kippenheim werden inzwischen mit verortet.
Recht herzlichen Dank für die Zurverfügungstellung der externen Informationen an
- Ekkehard Klem, Friesenheim
- Martin Buttenmüller, Schuttern
- Stolpersteininitiative um Dagmar Frenk sowie Martin Frenk mit Norbert Klein sowie
Pfadfindergruppe Regenbogen, Nonnenweier.
- Jürgen Stude als Vertreter des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim.
Die Stolpersteine in Lahr werden regelmässig in Zusammenarbeit mit Lahrer Schülern gereinigt, seit 2023 führt der Projekttag mit Gruppenarbeit schulübergreifend in die Geschichte ein.
Neben Stolpersteinen sind auch Orte der Erinnerung mit dargestellt, welche im Zusammenhang mit den Stolpersteinen und der Geschichte der Verfolgung relevant sind.
Geschlechts- und Alterszuordnung ist bei Orten der Erinnerung programmbedingt nicht vermeidbar und nicht relevant.
Die Inhalte des Stolpersteine-Guide für Lahr und die oben genannten Umlandgemeinden werden administrativ verwaltet von Bertram Bliss, Fichtestr. 58 in Lahr.
Lahr, den 27.01.2025