Biography of Abram Mittelmann, Alma Goliner and 3 more
Petersteinweg 15 / Ecke Härtelstr.
Familie Mittelmann
Im Petersteinweg 15 betrieb der aus Russland stammende Abram Mittelmann ein Foto-Atelier (Ladeneingang Härtelstraße). Zugleich wohnte er in dem Haus. Im Jahr 1988 wurde unter dem Dach des Hauses zufällig sein fotografischer Nachlass entdeckt. Der Leipziger Fotografin Gudrun Vogel ist es zu verdanken, dass die Fotoplatten (Glasnegative) sofort gesichert wurden. Erste Bilder aus dem Atelier Mittelmann konnten in der sehr beachteten Ausstellung zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung 1988 gezeigt werden.
Abram Mittelmann wurde am 2. Mai 1876 in Mohilev geboren. Im Jahr 1904 heiratete er Rosa Mordchin, geb. am 5.3.1882 in Ekaterinoslaw. Über Paris kamen die jüdischen Eheleute im gleichen Jahr nach Leipzig. Seit 1909 wohnte und arbeitete Abram Mittelmann im Petersteinweg 15. Die drei Kinder der Mittelmanns wurden alle in Leipzig geboren: Leon am 20.8.1906, Nadja am 18.6.1909 und Siegfried am 22.6.1917.
Rosa Mittelmann starb bereits 1932 und fand ihre Ruhestätte auf dem Neuen Israelitischen Friedhof. Der älteste Sohn Leon verließ bereits kurz nach dem Machtantritt der Nazis Leipzig und ging im März 1933 nach Paris. Abram Mittelmann wurde nach 1935 mehrmals verhaftet und inhaftiert. In dieser Zeit wurde die geschiedene Alma Goliner (geb. Samter) seine Lebensgefährtin. Sie wurde am 7. Januar 1890 in Buk geboren.
Im Dezember 1938 versuchten beide illegal nach Dänemark zu fliehen. Für die Fluchthelfer mussten sie über 2.500 Mark aufbringen. Doch kaum in Kopenhagen angekommen wurden beide mittels Schiff im Januar 1939 wieder nach Deutschland abgeschoben. Die mitgeführten Wertgegenstände und die teure Fotoausrüstung gab Abram Mittelmann auf gut Glück einem Matrosen mit, der die Sachen zurück nach Dänemark zu einer befreundeten Familie brachte. „Wir sind nach ca. 12stündiger Fahrt in Lübeck angelangt, erschlägt, müde, durch die Kreuz-und-Quer-Gedanken, was mit uns noch geschieht ganz verwirrt, von der Gestapo in Empfang genommen worden. Das Verhör hat Stunden in Anspruch genommen, zärtliche Ausdrücke wie die Gestapo in Gebrauch hat haben wir genügend bei der Vernehmung gehört. Und zu guter Letzt hat man mich ins Gefängnis geschickt auch Alma.“*
Alma wurde in Leipzig zu sechs Wochen Haft verurteilt. Abram Mittelmann wurde erst am 4.4.1939 wieder entlassen und ihm gelang Ende Juni 1939 die Flucht nach Belgien.
Anfang August folgte ihm Alma Samter – wieder illegal. „Wir sind ungefähr 7 Stunden zu Fuß gegangen und zwar durch deutsche und belgische Wälder. […] Mit Gottes Hilfe haben wir dann die Hauptlandstraße erreicht, doch mußten wir 2 mal auf Winken des Führers, der belgische Polizei gesichtet hatte, in den Wald hineinlaufen und uns unter Bäumen langlegen und verstecken. […] Wir haben gefroren wie die Schloßhunde, als dann kam das für uns bestimmte Auto, wo wir bis nach Brüssel fuhren.“*
Mit Hilfe von Freunden gelang es ihnen, ihre Sachen aus Dänemark nach Belgien bringen zu lassen.
Zu dieser Zeit befand sich Siegfried Mittelmann in Italien, der am 11. August 1939 Leipzig verließ. Ihm oblag es, bis dahin das Fotoatelier aufzulösen. Diverse Fototechnik konnte Siegfried noch zu seinem Vater nach Brüssel schicken. Als er Anfang September 1939 nach Brüssel fahren wollte, blieb er in Frankreich stecken und wohnte bei seinem Bruder Leon in Paris. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht ab Mai 1940 floh er weiter in die unbesetzte Zone nach Nizza. 1942/43 konnte er sich in einer Ziegelei verstecken. Im Dezember 1943 wurde Siegfried verhaftet und sollte für die Organisation Todt arbeiten. Ihm gelang die Flucht. Er konnte sich mit fremder Hilfe erneut verstecken und schloss sich 1944 bis zur Befreiung dem französischen Widerstand an.
Seiner Schwester Nadja gelang erst im Februar 1940 die illegale Einreise nach Belgien. Dafür wurde sie am 5. April 1940 in Brüssel verhaftet, aber in Erwartung eines Visums nach England wieder freigelassen. Doch dazu kam es nicht mehr, denn am 10. Mai 1940 begann der deutsche Überfall. Nadia konnte im Mai/Juni 1940 nach Toulouse in Frankreich fliehen.
Nadja Mittelmann (33 Jahre) wurde über die Sammellager Noé in Südfrankreich und Drancy nahe Paris am 4. September 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Abram Mittelmann und Alma Goliner heirateten am 3. April 1940 in Brüssel. Nach dem deutschen Überfall auf Belgien versuchten sie am 24. Mai 1940, ebenfalls nach Frankreich zu fliehen. Doch diesmal wurden sie an der Grenze aufgegriffen, es wurde die gesamte Fotoausrüstung beschlagnahmt und beide wurden zurückgeschickt.
Der bereits von Krankheit gezeichnete Abram Mittelmann (66 Jahre) starb in der Nacht vom 3. auf den 4. September 1942, als vor ihrem Haus in Brüssel die jüdische Bevölkerung für den Transport nach Auschwitz zusammengetrieben wurde. Alma Mittelmann (52 Jahre) kam in das SS-Sammellager Mechelen und wurde am 10. Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert.
*Briefe von Abram Mittelmann und Alma Samter, Archiv Nadia Vergne (Enkelin)
Patenschaft: Apollonia-von-Wiedebach-Schule, Ev.-Luth. Kirchgemeinde Liebertwolkwitz, Andrea Lorz, Judith Hornbogen, Florian Röther
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