Biography of Hermann Wertheimer
Verlegung des Stolpersteins am 13.10.2005
Hermann Wertheimer kam am 12. April 1885 als Sohn von Löb Wertheimer (1845-1928) und Karoline (Sophia), geb. Wertheimer (1857-1928) aus Kippenheim zur Welt. 1912 ehelichte er Zerline, geb. Durlacher (1892-1963). Das Paar hatte vier Kinder, die alle die Verfolgung überlebten: Heinrich Heinz (1914-1982), Rita (1916-2010), Ilse, verh. Gutmann (1919-2014) und Kurt (1921-1982). 1921 bezog die Familie ihr neu gebautes Haus an der Ecke Hauptstraße/Bahnhofsstraße, gegenüber dem Rathaus. Im Alter von 24 Jahren machte sich Hermann Wertheimer als Eisenwarenhändler selbstständig. Die Kartei seiner Eisenwarenhandlung enthielt in den 1930er Jahren fast 4.000 Kunden in Südbaden. Der Jahresumsatz betrug um 1936 noch 500.000 RM. Er beschäftigte über zwanzig Arbeitskräfte, darunter vier Vertreter mit firmeneigenen Autos.
Pia Gilbert, geb. Wertheimer (1921-2018), eine Verwandte von Hermann Wertheimer, beschrieb die Wertheimers als ältesten und wohlhabendsten jüdische Familienverband Kippenheims. Um ihre herausragende Position innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu unterstreichen, pflegten ihre Angehörige einen gehobenen Lebensstil. Beim Gottesdienstbesuch an den hohen Feiertagen pflegten sie weiße Handschuhe und Schleifen zu tragen, passend zu ihren Anzügen und Zylinder. „Das englische comme il faut [wie es sich gehört] war unsere Erziehung“ (Pia Wertheimer). Dieser Lebensweise sah sich auch Hermann Wertheimer verpflichtet.
So ist es kein Wunder, dass die Kippenheimer Judenschaft Hermann Wertheimer zu ihrem Vorsteher (Parnass) wählten. Auch in der Kommunalpolitik war er aktiv, 1930 führte er die Liste der „Deutschen Demokratische Partei“ bei der Gemeindeverordnetenwahl an. Den Respekt, den er als erfolgreicher Kaufmann auch bei den christlichen Bürgern Kippenheims genoss, verlor er jedoch rasch nach der Machtergreifung der Nazionalsozialisten. Während des Novemberpogroms 1938, als die Nazionalsozialisten die jüdischen Männer in ein KZ verschleppten und dort für Wochen und Monate festhielten, war Hermann Wertheimer der erste in Kippenheim, den sie verhafteten. Seine Tochter Ilse erinnerte sich: „In der Nacht des 10. November 1938 um 2 Uhr bekamen wir einen Telefonanruf: ‚Hier ist die Gestapo, machen Sie die Türe auf!‘ Sie nahmen meinen Vater im Nachthemd mit in die Synagoge, um den Kassenschrank aufzumachen. Was sie suchten, weiß niemand. Sie brachten meinen Vater wieder zurück. Um 6 Uhr morgens klopfte die SA wie verrückt an die Haustür und verhaftete meinen Vater - er konnte unter Aufsicht wenigstens eine Hose anziehen - und sperrten ihn ins Rathaus wie einen Verbrecher.“ Auch Hermann Wertheimers Söhne Heinrich und Kurt befanden sich unter den Festgenommenen. Während die jüdischen Männer bis zu ihrem Marsch zum Lahr-Dinglinger Bahnhof im Rathaus festgehalten wurden, plünderten Auswärtige aber auch Einwohner Kippenheims deren Geschäfte, darunter auch die Eisenwarenhandlung Wertheimer. Die Nazionalsozialisten betrieben während der Abwesenheit von Hermann Wertheimer die Arisierung seines Betriebes, für den sich wegen seine großen Warenlagers und seines großen Kundenstamms etliche Investoren interessierten. Die für einen Verkauf notwendige, von Hermann Wertheimer im KZ-Dachau unterschriebene Vollmacht, ließ sich Zerline Wertheimer durch einen Rechtsanwalt von Dachau nach Kippenheim bringen. Am 17. November 1938 unterzeichnete Zerline Wertheimer den Kaufvertrag.
Nach der Rückkehr Hermann Wertheimers aus dem KZ Dachau am 2. Dezember 1938 musste er, als Vorsteher der jüdischen Gemeinde, den Verkauf des Synagogengebäudes abwickeln. Auch wegen der permanenten Versuche der Käufer Paul Miller und Fritz Eckert, den vereinbarten Kaufpreis für seinen Metallwarenhandel im Nachhinein zu drücken, verzögerte sich die geplante Auswanderung des Ehepaars Wertheimer. Am 15. April 1940 schließlich, konnte sie Deutschland in Richtung USA verlassen. Durch die ihnen auferlegten Zwangsabgaben waren sie mittellos geworden, so dass ein jüdisches Hilfskomitee die Kosten für ihre Überfahrt übernahm. Der „arische“ Kippenheimer Arzt Dr. Bernhard Weber aus der Nachbarschaft versorgte das Ehepaar mit Medikamenten für die Reise nach Amerika.
In New York fand Zerline Wertheimer Arbeit in einer Fabrik, ihrem Mann hingegen war es nicht gelungen, beruflich Fuß zu fassen.
Zwei Jahre nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten ist der letzte Kippenheimer Parnass am 8. Mai 1942 im Alter von nur 57 Jahren an einer Nierenerkrankung verstorben, seine Frau Zerline starb am 5. Januar 1963.
Quelle Text: Jürgen Stude
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Ella Wachenheimer geb. Eichel40 m
40 m
Sophie Wertheimer geb. Günzburger40 m
Leonie Durlacher geb. Weil50 m
Oskar Wachenheimer50 m
80 m
Sources & Imprint
Stolpersteininitiativen Lahr, Friesenheim, Schuttern, Nonnenweier, Kippenheim
Als kurze Vorabinfo: Grundlagen für die Stolpersteine in Lahr wurden gelegt durch intensive Recherchen und Veröffentlichungen von Hildegard Kattermann. Weiterhin durch intensive Recherchen und Bearbeitung von Gardy Ruder.
Die hier dargestellten Inhalte und Quellenmaterial werden recherchiert, vorbereitet, gesammelt und bereitgestellt durch den Historischen Verein Mitelbaden, Ortsgruppe Geroldsecker Land Projektgruppe Stolpersteine. Intensiv in die Arbeit mit eingebunden sind insbesondere Doris Gerteis, Bertram Bliss sowie durch städtische Unterstützung Elise Voerkel und Thorsten Mietzner vom Stadtarchiv Lahr.
Im Schuljahr 2013/2013 wurde in Zusammenarbeit mit der Schulklasse 10a der Friedrichschule unter Leitung ihrer Lehrerin gemeinsam mit dem Herausgeber Historischer Verein Mittelbaden, Regionalgruppe Geroldsecker Land mit vielen hier Unerwähnten ein kleines Buch als Anfang der öffentlich zugänglichen Dokumentation der Verfolgung und Ermordung von Lahrer Bürgern während des nazionalsozialistischen Terrorregimes erstellt.
ISBN978-3-89735-865-2.
Aktuell wird an einer erweiterten Neuauflage gearbeitet.
Inzwischen werden hier neben den Stolpersteinen in Lahr auch die der Nachbargemeinden Friesenheim, Schuttern dargestellt und eingepflegt.
Auch die Steine in Schwanau und Kippenheim werden inzwischen mit verortet.
Recht herzlichen Dank für die Zurverfügungstellung der externen Informationen an
- Ekkehard Klem, Friesenheim
- Martin Buttenmüller, Schuttern
- Stolpersteininitiative um Dagmar Frenk sowie Martin Frenk mit Norbert Klein sowie
Pfadfindergruppe Regenbogen, Nonnenweier.
- Jürgen Stude als Vertreter des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim.
Die Stolpersteine in Lahr werden regelmässig in Zusammenarbeit mit Lahrer Schülern gereinigt, seit 2023 führt der Projekttag mit Gruppenarbeit schulübergreifend in die Geschichte ein.
Neben Stolpersteinen sind auch Orte der Erinnerung mit dargestellt, welche im Zusammenhang mit den Stolpersteinen und der Geschichte der Verfolgung relevant sind.
Geschlechts- und Alterszuordnung ist bei Orten der Erinnerung programmbedingt nicht vermeidbar und nicht relevant.
Die Inhalte des Stolpersteine-Guide für Lahr und die oben genannten Umlandgemeinden werden administrativ verwaltet von Bertram Bliss, Fichtestr. 58 in Lahr.
Lahr, den 27.01.2025