Biography of Lore Akulewitsch
Heutige Adresse: Mülbergerstraße 146
Das israelitische Waisenhaus Wilhelmspflege
Seit dem Jahr 1841 existierte in Esslingen ein Waisenhaus, das durch den “Verein zur Versorgung armer israelitischer Waisen und verwahrloster Kinder“ betrieben wurde. Die erste Einrichtung befand sich demnach in einem Gebäude im Entengraben (heutige Adresse Entengrabenstraße 10). Esslingen war damit die fünfte Stadt in Deutschland, in der sich ein jüdisches Waisenhaus befand. Zuvor gab es bereits Gründungen in Fürth, Hamburg, Berlin und Breslau.
Bis ca. 1900 waren in dem Haus 40 und mehr Kinder jüdischen Glaubens aus ganz Württemberg untergebracht.
Im Jahr 1900 übernahm Theodor Rothschild als Hausvater und erster Lehrer die Leitung des Israelitischen Waisenhauses. Durch Rothschild erhielt die Erziehung der Kinder ein eigenes Gepräge. Er war bestrebt, die Kinder in weitgehender Freiheit zu erziehen. Die Idee der Großfamilie spielte unter Theodor Rothschild eine große Rolle.
Das Waisenhaus in der Entengrabenstraße entsprach um 1910 längst nicht mehr den damaligen Anforderungen und die hygienischen Verhältnisse wurden von den Behörden gerügt. Der Vorstand sah sich deshalb zum Neubau eines Waisenhauses gezwungen und rief die württembergische israelitische Gemeinde zum Spenden auf. Das gute Spendenergebnis ermöglichte die schnelle Realisierung des Bauvorhabens oben an der Burg. Bereits am 11. November 1913 erfolgte die feierliche Einweihung des neuen Waisenhauses in Anwesenheit des württembergischen Königspaars.
Im Jahr 1938 lebten 53 Knaben und 25 Mädchen im Waisenhaus. Am 10 November 1938 wurde in der Folge der Reichspogromnacht auch das israelitische Waisenhaus angegriffen.
In einem Bericht von Ina Rothschild wird der Angriff wie folgt beschrieben: „10. November 1938 zwischen 12:00 und 01:00 Uhr marschieren im Speisesaal mit Äxten und schweren Hämmern bewaffnete Zivilisten und SA- Leute und zwangen uns unter den Rufen „raus mit euch“ das Haus zu verlassen und uns hinter dem Gebäude am Komposthaufen zu versammeln. Ein Teil der Kinder floh, die übrigen wurden mit uns von der SA bewacht. Aus den Zimmern der Lehrer und aus unserer Wohnung warf man Bücher, aus dem Betsaal Gebetbücher, Thorarollen und Gedenktafeln auf einen brennenden Scheiterhaufen. Den weinenden Kindern drohte einer dieser Rohlinge, man werde auch sie dort verbrennen. Uhren, Wecker, Ringe und andere Wertgegenstände wurden gestohlen....“ (Aus: Joachim Hahn: Jüdisches Leben in Esslingen)
Im Zusammenhang mit dem Stolpersteinprojekt des Vereins DENK-ZEICHEN wurden über die Bewohner des israelitischen Waisenhauses bisher folgende Biografien recherchiert:
Lore Akulewitsch
Geboren am 22. August 1921 als uneheliche Tochter einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters. Ihre Mutter lebte in den 1920-er Jahren in Stuttgart, während Lore zunächst in Baltmannsweiler und dann in Lichtenwald (Thomashardt) als Pflegekind bei der Familie Heinrich und Katharina Roos aufwuchs. Von 1928 bis 1936 kam sie in die Wilhelmspflege nach Esslingen, nach Abschluss der Schulzeit war sie Haustochter in einer nicht-jüdischen Familie in Urbach. 1938/39 (?) lebte sie in Neu-Isenburg und wurde von dort über Berlin nach Polen (Radom) „zum Arbeitseinsatz“ verschleppt, wo sie verschollen blieb.
Quellen:
J. Hahn: Jüdisches Leben in Esslingen
DENK-ZEICHEN e.V., Esslingen
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