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Familie Ludwig Meyer

Biography of Ludwig Meyer, Hedwig Meyer, geb. Kahn, Horst-Dieter Meyer and Inge-Lore Meyer

Ludwig Meyer stammte aus einer großen Brauneberger Familie. Ludwigs Vater, Herrmann Meyer, stammte aus Lieser und hatte zusammen mit seiner Frau Johanna, geboren Beitmann aus Dielkirchen, fünf Söhne. Alle hatten einen „ordentlichen“ Beruf erlernt und eine eigene Familie gegründet.
Hermann Meyer, Jahrgang 1870, war Händler. 1924 war er Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Brauneberg. Sein erster Sohn hieß Salomon und wurde 1897 geboren. Er war Buchhalter und verheiratet mit einer Hutmacherin aus Dillingen: Caroline, geboren Alexander. Von diesem kinderlosen Ehepaar wissen wir, dass ihm 1938 die Flucht über Frankfurt und Hamburg in die USA gelang. Noch vor Beginn des zweiten Weltkrieges wurden sie in Texas eingebürgert.
Der zweite Sohn, Gustav, Jahrgang 1898, führte das väterliche Kolonialwarengeschäft weiter und vergrößerte es. Stolz hat er Anfang der 1930er Jahre eine Postkarte der „Handlung von Gustav Meyer“ machen lassen. Er war in der jüdischen Gemeinde für das traditionelle Schlachten zuständig. Gustav hatte ein sicheres Gespür, denn er hat die beginnende Entrechtung und Verfolgung der Juden früh erkannt. Bereits 1936 reiste er alleine nach New York, um die Auswanderung seiner gesamten Großfamilie vorzubereiten. Seine Frau Rebecca, geboren Meyer aus Stipshausen, kam mit den beiden kleinen Töchtern, Ottilie und Inge, schon ein Dreivierteljahr später nach.
Der dritte Sohn hieß Wilhelm, Jahrgang 1900, auch Kaufmann. Er zog 1937 zu seiner Frau Jenny, geboren Steinhart nach Friedberg in Hessen. Sie hatten eine Tochter mit dem Namen Gisela. Leider ist dieser kleinen Familie die Flucht nicht gelungen: Sie wurde am 30. September 1942 von Darmstadt aus nach Treblinka deportiert und dort ermordet.
Der vierte Sohn hieß Ludwig, zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ war er 31 Jahre alt. Seine vier Jahre jüngere Frau Hedwig, geborene Kahn, stammte aus Sohren im Hunsrück. Das Paar hatte zwei Kinder: Horst-Dieter und Inge-Lore. Sie wohnten im Weingut Matthias Mertes, und zwar im hinteren Teil des Haupthauses im ersten Stock. Im Haupthaus hatte er gleich den Stall mit gemietet. Der Stall befand sich an der Ostseite des Haupthauses. Man gelangte dorthin über eine gemeinschaftlich genutzte Hofeinfahrt.
Wegen dieser Hofeinfahrt gab es zwischen den Eigentümern Rechtsstreit. Ein beteiligter Rechtsanwalt äußert sich dazu folgendermaßen: „Der Streit wegen der Benutzung der Einfahrt ist in der Hauptsache dadurch entstanden, dass der jüdische Viehhändler Ludwig Meyer und seine Rassengenossen mit ihrem Vieh zu Handelszwecken ständig die Einfahrt benutzen.“ Ein Nachbar wollte als „Deutscher Erbhofbauer“ keine jüdischen Viehhändler auf der zu seinem Hof führenden Einfahrt zu dulden. Nach jahrelangem Rechtsstreit gewann der Vermieter von Ludwig Meyer den Prozess. Aber Ludwig verlor 1937 ohnehin seine Zulassung als Viehhändler. Dadurch hatte er kein Einkommen und verarmte bitterlich.
Warum ist Ludwig Meyer nicht mit seiner Familie geflohen? Von seinem Bruder Gustav wurde er zur Auswanderung drängt. Wenigstens die Kinder sollten kommen. Aber da waren noch die Großeltern. Wer sollte sich um sie kümmern? Großvater Hermann Meyer starb im August 1939. Seine Frau folgte ihm ein Dreivierteljahr später. Für eine Flucht war es zu spät.
Hermann und Johanna Meyer liegen auf dem jüdischen Friedhof in Brauneberg. Die Bestattung von Johanna am 03.05.1940 war die letzte, die auf diesem Friedhof stattfand.
Den Kindern jüdische Familien konnte es in der NS-Zeit nicht gut ergehen. Horst-Dieter wurde zwar im Sommer 1938 noch in der katholischen Schule Brauneberg eingeschult. Aber seine Cousine Ottilie, die sich zu dem Zeitpunkt schon in den USA befand, berichtete über ihre Schulzeit: „Als die Nazis kamen, wurde ein mit Maschendraht umzäunter Bereich vor der Schule errichtet. Jüdische Kinder mussten die Pausen in diesem Bereich verbringen, um die arischen Kinder nicht anzustecken.“
Nach den November-Pogromen 1938 durften jüdische Kinder keine staatliche Schule mehr besuchen. Horst-Dieter und seine Schwester haben ungern das Haus verlassen, erst recht nicht alleine zum Spielen. Sie blieben lieber in ihrem sicheren Zuhause, und spielten mit den vielen Kindern, die dort gewohnt haben. Familie Mayer musste ab 1941 in ein „Judenhaus“ ins Oberdorf ziehen. Es handelte sich um das leer stehende Haus von Ernst Mayer, der drei Jahre zuvor mit seiner Familie nach Frankreich geflohen war. Dort waren die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Die Fensterläden waren daher geschlossen, und in der Wohnung herrschte auch am Tage Dunkelheit.
Familie Mayer wurde im Oktober 1941 ins Getto Lodz deportiert und musste dort Zwangsarbeit leisten. Ihre Adressen dort sind überliefert. Und so kam das Ende: Inge-Lore wurde am 09.08.1942 durch Misshandlung im Getto getötet. Genau so erging es ihrem Bruder Horst-Dieter. Von ihm kennen wir aber nicht das Sterbedatum. Ludwig Meyer wurde am 04.09.1942 in die Tötungsstätte Kulmhof weiter deportiert und einem „Gaswagen“ umgebracht. Seite Frau Johanna arbeitete noch Anfang 1943 als „Hauswächterin“ in der Wirtschaftsabteilung des Gettos. Auch sie ist dort umgebracht worden, ohne dass wir ihr Sterbedatum kennen.
Dem fünften und letzten Sohn von Hermann Meyer, Carl, Jahrgang 1909, Ehemann von Liesel, geborene Grünenbaum, gelang 1937 die Flucht nach New York.

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Dr. B. Mertes (setrem@me.com) für die Stolperstein-Initiative Brauneberg