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Biehler, Rosina

Biography of Rosina Biehler

Erinnerungen an ROSINA BIEHLER (1873–1940)

Mehr als drei Jahrzehnte Patientin in der Anstalt Irsee

Die Geschichte der modernen Anstaltspsychiatrie in Bayrisch-Schwaben reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Das Historische Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren ist das Gedächtnis dieser Epoche. Es verwahrt den schriftlichen Nachlass der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee und ihrer Vorläuferinstitution, der 1849 eröffneten Kreis-Irren Anstalt Irsee. Tausende Krankenakten und Karteikarten geben Auskunft über Menschen, die vor Jahrzehnten die Dienste des Krankenhauses in Anspruch genommen hatten. Gäbe es diese Unterlagen nicht, wären viele Schicksale heute vergessen, wie das von Rosina Biehler.

Nur noch eine Karteikarte

Im Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses existiert nur noch ein Dokument, das von Rosina Biehlers Aufenthalt in Kaufbeuren und Irsee zeugt. Es ist eine Karteikarte im Format etwa 20 x 12 cm mit den für die Verwaltung der Heil- und Pflegeanstalt wichtigsten persönlichen Daten der Patientin.
Laut Kartei wurde Biehler am 4. Februar 1873 in Anhausen, einem kleinen, südöstlich von Augsburg gelegenen Dorf (heute Markt Diedorf) geboren. Ihre Eltern waren vermutlich bereits verstorben, denn als die 25-Jährige im Mai 1898 in der Heil- und Pflegeanstalt Aufnahme fand, wurde als nächste Angehörige eine in Augsburg-Kriegshaber lebende Schwester genannt. Zum Zeitpunkt der Einweisung in die Anstalt war Rosina Biehler noch ledig und hatte ihren Lebensunterhalt als Dienstmagd verdient. Die Kosten des Aufenthaltes in Kaufbeuren und seit Januar 1900 im Anstaltsteil Irsee trug der Landesfürsorgeverband Schwaben.

Über die folgenden mehr als drei Jahrzehnte Aufenthalt von Rosina Biehler in der Anstalt Irsee liegen keinerlei Erkenntnisse vor. Zu vermuten ist, dass die Patientin entsprechend ihres geistigen und körperlichen Zustands zu verschiedenen Arbeiten, also zur Unterstützung des Anstaltsbetriebs, herangezogen wurde. Weibliche Patienten arbeiteten häufig in der Schälküche oder wurden mit Handarbeiten in der Flickstube beschäftigt. Daran änderte auch der Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 zunächst nichts. Allerdings diffamierten die nationalsozialistischen Machthaber psychisch kranke und geistig behinderte Menschen als „lebensunwertes Leben“. Sie kürzten mehrfach die Verpflegungssätze, was durchaus als Vorzeichen der folgenden Entwicklung – der systematischen Ermordung von Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalten – interpretiert werden kann.

Rosina Biehler galt den Protagonisten des Krankenmords allein aufgrund der Diagnose Schizophrenie und ihres über dreißigjährigen Aufenthalts in der Anstalt als unheilbar und damit als „lebensunwert“. Folglich wurde sie am 27. August 1940, gleich mit dem ersten Transport von 75 Patientinnen, von Irsee aus in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen deportiert. Am Vortag waren bereits 75 männliche Patienten mit den berüchtigten „grauen Bussen“ abtransportiert worden.

Erst wenige Monate zuvor, im Januar 1940, war in Grafeneck ein ehemaliges Samariterstift zur Tötungseinrichtung umfunktioniert worden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden alle Patientinnen und Patienten noch am Ankunftstag in einer als Duschraum getarnten Gaskammer mit Kohlenmonoxid ermordet. Die Hinterbliebenen erhielten einen verlogenen „Trostbrief“ und eine Sterbeurkunde mit falscher Todesursache, falschem Todestag und oft auch falschem Todesort. Für Rosina Biehler fehlen all diese Dokumente. Einzig die Karteikarte im Historischen Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren zeugt von ihrer Existenz wie von ihrer Ermordung.

Autor: Dietmar Schulze

Abbildung:
Karteikarte mit dem Aufnahme- und dem Verlegungsdatum aus dem Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren, Historisches Archiv

https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer_biehler.pdf

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