Biography of Ingbert Naab
Wenn der eigene Glaube kein "Wegsehen" zulässt: Der Kapuzinerpater Ingbert Naab warnte schon früh vor den Nazis und ihrer menschenverachtenden Ideologie, im persönlichen Gespräch, in Predigten aber auch in Artikeln.
Pater Ingbert Naab wurde am 5. November 1885 im pfälzischen Dahn geboren. Nach dem Abitur studierte er Theologie in Eichstätt.
Schon früh setzte er sich kritisch mit Hitler und den Nazis auseinander. Anfangs publizierte Naab seine Kritik vor allem in kirchlichen Zeitschriften, bundesweit bekannt machte ihn sein offener Brief an Hitler vom 20. März 1932. Der Brief wurde 20 Millionen Mal abgedruckt. Naab war klar, dass er um sein Leben fürchten musste.
Seit Juni 1933 flüchtete er vor den Nazis in die Schweiz, die Tschechoslowakei und Italien unter dem Pseudonym „Peregrinus“ (lat. Pilger). In Königshofen bei Straßburg starb er am 30. März 1935 an Leberkrebs.
Am 21.04.1953 wurde er nach Eichstätt überführt und dort feierlich bestattet.
Die Stadt Dahn hat dem Kapuzinerpater ein Internetportal eingerichtet unter: www.pater-ingbert-naab.de
Buchtipp:
Helmut Witetschek: Pater Ingbert Naab. Ein Prophet wider den Zeitgeist 1885-1935
Schnell & Steiner 1985
Lesen Sie hier den Wortlaut seines offenen Briefes an Hitler:
"Adolf Hitler erwache!"
1932 schrieb Pater Ingbert Naab einen offenen Brief an Hitler
Sehr geehrter Herr Hitler!
Es ist nicht mein Beruf, Politik zu treiben. Ich habe das auch in diesem offenen Brief nicht im Sinn. Aber Ihre politische Tätigkeit hat eine Seite, die zutiefst in das Gewissen hineingreift, in die Verantwortung vor Gott. Daran sollen Sie in diesen Zeilen erinnert werden. ...
Als Sie in der Nacht vom 13. Auf 14. März hier in Eichstätt im Waldschlößchen waren, um, bewacht von zwanzig SA-Leuten, sich mit einem Freund Ihrer Bewegung zu besprechen, da kamen Sie müde und abgehetzt von Ihrer angestrengten Vortragsfahrt, doppelt müde und zerschlagen vom Ausgang der Wahl. Es wäre nicht notwendig gewesen, sich hier bewachen zu lassen, denn in unserer ‚schwarzen‘ Stadt tut Ihnen kein Mensch etwas, wenn auch Ihre Presse das bewußte Verleumdungswort von der ‚schwarz-roten Mörderbande‘ geprägt hat. Die Leute in der Stadt sagten: ‚Hitler ist auf der Flucht‘. Sie waren nicht auf der Flucht, denn niemand hat Sie verfolgt. Sie konnten am Morgen ruhig in München Ihren müden Aufruf erlassen. Und doch sind Sie immer auf der Flucht: auf der Flucht vor Ihrem eigenen Gewissen. Sie gönnen sich keine besinnliche Stunde mehr und so kommt das Gewissen nicht mehr zu Wort. Rastlos werden Sie in ganz Deutschland herumgejagt. Mit Mühe können Sie den Ort Ihres nächsten Redezieles erreichen. Die physischen Kräfte sind in denkbar höchster Anstrengung, und ihr Aussehen ist naturgemäß angegriffen. Ihre Nerven lassen eine ruhige Gewissensprüfung nicht mehr zu.
Wo Sie hinkommen, werden Sie umschmeichelt, und der Rausch der Begeisterung, der Sie in Ihren Versammlungen umwogt, läßt Sie kaum mehr auf die Idee kommen, ob Ihre Arbeit vor Gott bestehen kann, denn Sie sind des Glaubens: Deutschland steht auf meiner Seite. Ihre Presse verherrlicht Sie in einer widerlichen Weise. Sie gelten als der große Erlöser aus der Not. Sie selbst sind auch davon überzeugt, denn Sie schreiben Ihrer einzigen Persönlichkeit all die Eigenschaften zu, die dazu erforderlich sind, Deutschland wieder aufzubauen. Sie brauchen in Zukunft nichts mehr, was Sie bindet. Ihr Wille soll für Deutschland genügen, und Ihr Befehl soll allein die Wege weisen. Hat Sie Ihr Gewissen schon einmal daran erinnert, welcher Grad von Selbsteinschätzung in diesem Urteil liegt? Wer aus Ihrer Gefolgschaft wagt, diesen Glauben zu zerstören? Wieviele aus Ihrer Bewegung hoffen, eine einflußreiche Stellung zu erhalten? Werden Ihnen alle diese Streber und zukünftigen ‚Parteibuchbeamten‘ widersprechen? Ihre ganze Gefolgschaft bedeutet für Sie eine einzige Gewissensbetäubung.
Sie haben unter Ihren Anhängern viele rabiate, fanatische Menschen, auch unter Ihren Unterführern. Sie wollten ja den wildesten Fanatismus, wie Sie in Ihrem Buch ‚Mein Kampf‘ nachdrücklich betont haben. Aber dieser wilde Fanatismus treibt Sie in Verhältnisse, vor denen Ihnen selber schaudern muß. Wenn Sie einmal in Versuchung kämen, einem vernünftigen Gedanken nachzugeben, dann kommen Ihre Unterführer und stellen Sie vor gegebene Tatsachen. Es bleibt Ihnen dann nur die Möglichkeit, Ihre Unterführer oder sich selbst zu blamieren. Da Sie aber vor der Öffentlichkeit um den Rufes Ihrer Bewegung willen beides nicht wollen, so führen Sie sich wieder in die Lage und lassen Sie sich hetzten und hetzten. Nicht Ihr Gewissen kann den letzten Spruch fällen, sondern die Hetze.
Wie notwendig bräuchten Sie ruhige Tage, wo niemand zu Ihnen spricht als Ihr Gewissen, Tage, wo Sie selbst nicht sprechen, nicht zur Masse und nicht zu einzelnen – denn wenn Sie zu einzelnen sprechen, reden Sie ja auch so, wie wenn Sie eine Masse vor sich hätten – und wo Sie nicht angesprochen werden. Dann käme das Gewissen zur Geltung.
Herr Hitler, wer hat Sie denn gewählt?
Sie und Ihre Presse sagen: das kommende Deutschland, die Besten der Nation. Es gibt unter Ihren Reihen auch eine gute Zahl Idealisten, die ernstlich von Ihnen alles Gute hoffen. Diese Idealisten kennen den wahren Nationalsozialismus nicht, wissen nicht um das, was Sie planen und nicht um das, was Sie persönlich oder durch Unterhändler verhandelt haben. Könnten Sie es wagen, Ihre Karten aufzudecken? Sie wissen, daß Sie von der Masse gesteinigt würden. Sie haben freilich dem Reichswehrminister entgegengehalten, daß ganz Deutschland um Ihr Programm wisse, bloß er nicht. Aber seien Sie doch aufrichtig: weiß die Masse Ihrer Anhänger um Ihr wirkliches Programm? Tönt es denn nicht aus Ihren Blättern immer wieder heraus: ‚Zuerst wollen wir einmal an die Macht, was wir dann mit der Macht anfangen, wird man schon sehen‘. Sie haben die Idealisten mit einem solch blinden Vertrauen auf Ihre Persönlichkeit erfüllt, daß sie einen von Gott gesandten Propheten in Ihnen erblicken, dessen Botschaft man sich einfach zu unterwerfen hat. Noch selten hat ein Mensch soviel Geistesknechtschaft verlangt wie Sie, der Herold der deutschen Freiheit.
Wer hat Sie gewählt?
Leute mit antirömischem Affekt! Sie sind in der römisch-katholischen Kirche getauft und erzogen. Man hat nie gehört, daß Sie formell aus der Kirche ausgetreten wären. Einer Ihrer Abgeordneten hat allerdings im Sportpalast in Berlin erklärt, daß jeder ein gemeiner Lügner und ein Lump sei, der behaupte, Sie seien römisch-katholisch. Niemand, der Ihre Gedankengänge und Ihre Taten kennt, wird annehmen, daß Sie dem Glauben Ihrer Kirche treu geblieben sind. Sie sind noch nie der Behauptung Arthur Dinters entgegengetreten, der Ihr Bekenntnis erzählt, daß die katholische Kirche nicht zu lachen haben wird, wenn Sie einmal an die Macht kommen. Man kennt Ihre Richtung, und deswegen setzen gewisse Kreise des Protestantismus gerade auf Sie alle Hoffnung. Wenn Sie die Verteilung der Wahlresultate auf der Karte verfolgen, dann merken Sie ganz genau, daß es die protestantischen Gegenden sind, die Sie als Ihren Mann betrachten, wenigstens was die Bürgerschaft betrifft. Die Arbeiterschaft hat Sie abgelehnt. Der sozialistischen Arbeiterschaft ist der Protestantismus egal. Bei Ihr spielte dieses Moment keine Rolle. Ihre Zukunft liegt im Norden, Herr Hitler. Gewiß gibt es auch Katholiken, die Ihnen Ihre Stimme gaben. Aber das sind Katholiken, die Sie sicher selbst nur mit eigentümlichen Gefühlen betrachten werden, weil sie offensichtlich nicht sehen, wo Ihre Richtung hintreibt. Männer wie Rosenberg und Stark könnten doch diese Katholiken belehren. Auch Herr Goebbels, der in Exkommunikation lebt, Sie wissen das ja als sein Trauzeuge, könnte diesen Katholiken die Augen öffnen. Herr Hitler, wir reden unter uns: was halten Sie denn von den Katholiken, die Sie gewählt haben? Blindes Stimmvieh, wie? Sie lächeln zustimmend. Ich will Sie nicht daran erinnern, daß es eine überaus ernste Gewissensfrage für sie wäre, daß Sie sich als getaufter, aber mit dem Glauben der Kirche zerfallener Katholik einmal selbst fragen müßten: Kann ich vor meinem Gott bestehen? Doch das mögen Sie mit dem ausmachen, der Sie richten wird.
Wer hat Sie gewählt?
Die Masse der Suggerierten. Sie wollten die Massensuggestion, Sie sprachen davon, daß man den Massen einen fremden Willen aufzwingen, daß man sie fanatisch und hysterisch machen muß. Sie betreiben dieses Geschäft jetzt seit mehr als zehn Jahren. Ihre Presse ist nur auf Suggestion eingestellt. Es wird behauptet und behauptet, bis der Mensch ganz dumm und blöd wird. Es wird unterschlagen und unterschlagen, gelogen und gelogen. Sind Sie nicht für diese Methode verantwortlich? Auch die Propaganda kennt Gesetze des Gewissens.
Wer hat Sie gewählt?
Die wirtschaftlich Zusammenbrechenden. Sie erhoffen von Ihnen die Rettung. Der Bauer, der vor der Gant steht, der Geschäftsmann, der sich nicht mehr hinaussieht. ‚Schlechter kann es nicht mehr werden‘, sagen sich diese Menschen. ‚Jetzt war Hindenburg 7 Jahre an der Reihe und hat nichts fertig gebracht. Jetzt probieren wir es einmal mit dem Hitler. Wenn der auch nichts fertig bringt, dann jagen wir ihn wieder zum Teufel‘. So ungefähr ist die Psychologie der Zusammenbrechenden, Herr Hitler. Ihre Wahl ist bei vielen die letzte Verzweiflungstag, doch nicht die letzte! Es bleibt noch der Bolschewismus.
Wer hat Sie gewählt?
Die Menschen, die unter der Suggestion standen, daß Sie als Reichspräsident unvermeidlich sind. ‚Er kommt ja doch dran‘, sagten sie. Und jetzt hört man schon von vielen: ‚Ich wähle ihn nicht mehr, ich will mich nicht mehr auslachen lassen‘. War das eine Stimmung am Montag, Herr Hitler! Ihre Massen, die an den unbedingten Sieg glaubten, waren wie tot. Sie wagten einen kaum anzuschauen. Rasch schlich en sie an ihren anders gesinnten Bekannten vorbei. Es ging wie ein befreiender Atemzug durch deine Menge von Menschen, die erschreckt waren und sich bereits in das Unvermeidliche fügen wollten. ‚Jetzt könnte es am Ende doch wieder anders gehen‘, sagten sie erleichtert. Die Betäubung begann zu weichen.
Wer hat Sie gewählt?
Die Feiglinge, die ihre Stellungen nicht verlieren wollten. Es hatten sich schon eine Menge Menschen auf Sie eingerichtet, vor allem unter denen, die im Dienste des Staates stehen. Sie trauten sich bereits seit Wochen kaum mehr, etwas zu tun, was ihnen als feindselig oder nur als unfreundlich gegen Ihre Partei hätte ausgelegt werden können. Sie wollten doch ihre Stellung behalten, wenn einmal Hitler zur Macht kommt. Herr Hitler, haben Sie mit Ihrer Hundspeitsche und mit den Drohungen Ihrer Presse eine feige Gesellschaft herangezogen! Ich gratuliere zu diesen freien deutschen Männern des Dritten Reiches. Was denken Sie denn selbst über diese Leute? Müssen Sie nicht innerlich dreimal ‚Pfui‘ über jeden sagen?
Wer hat Sie gewählt?
Die Stellenjäger und zukünftigen Parteibuchbeamten. Haben Sie sich schon darüber Gedanken gemacht, wie viele unter Ihren Leuten damit rechneten, daß sie im kommenden Dritten Reich sichere Anstellung erhalten und zwar auf Grund ihrer Begeisterung für Ihre Person? Wie viele so dumm waren, daß sie meinten, schon der 14. März bringe ihnen den Garantieschein ihrer Versorgung? Ich fuhr am 14. März in der Bahn und hörte dem Gespräch von Bahnarbeiten zu, die wohl Sozialisten waren. Wie diese Leute lachten über die Enttäuschungen ihrer nationalsozialistischen Bekannten: ‚Mit dem Bezirksamtsamtmann wird’s nichts, schieb nur wieder deine Kohlen!‘, rief einer einem Bekannten zum Wagenfenster hinaus. Herr Hitler, wer hat mehr wie Sie und Ihre Presse über das Parteibonzentum und über die Parteibuchbeamten gewettert und wer hat mehr wie Sie eine Masse herangezogen, die ganz den Hoffnungen einer ausschließlichen Parteiprotektion verfallen ist? Wenn Sie drankommen, dann mit Ihnen doch nur ausschließlich Leute aus Ihrer Richtung. Sie behaupten das doch immer wieder. Also! Wollen Sie es noch einmal wagen, von Parteibonzentum und Parteibuchbeamten zu sprechen, wo doch Ihre ganze Technik des kommenden Staates auf dem Parteibuchbeamten ruht? Wo bleibt hier Ihr Gewissen? Herr Hitler, es gibt Gymnasiasten, die jetzt schon ihre Grammatik in Pension geschickt haben, weil sie darauf rechneten, daß sie wegen ihrer Gesinnungstüchtigkeit im kommenden Reich auch ohne Grammatik sichere Anstellung finden werden. ‚Auf Wiedersehen am Montag im Dritten Reich!‘, war der Abschiedsgruß solch hoffnungsvoller Jünglinge am Samstag vor der Wahl. Heißt man das Pflichtbewußtsein oder Korruption schlimmster Art? Herr Hitler, Ihr Gewissen gibt Ihnen Antwort.
Wer hat Sie gewählt?
Menschen, die sich ihren Zahlungsverpflichtungen entziehen wollten. Wie viele Beispiele dieser Art sind mir bekannt geworden! Es gab Leute, die ihre Gläubiger mit dem Hinweis abspeisten: ‚Ich zahle nichts mehr. Es kommt jetzt bald der Hitler dran, dann brauch ich nichts mehr zu zahlen.‘ Wissen Sie auch um solche Praktiken? Hat Ihre Parteikasse auch damit gerechnet, daß der 14. März die veränderten Verhältnisse sieht und daß dann bald die neue Gesetzgebung alte Belastungen hinwegfegt? Haben Sie sich aber überlegt, welche Unmoral in die Masse hineingetragen wurde mit dieser unsauberen Spekulation auf das Dritte Reich? Sind diese unehrlichen Menschen, denen kein Eigentum und keine rechtmäßige Forderung etwas gilt, wirkliche Garantien für Deutschlands Aufstieg? Oder schmeckt das nicht bedenklich nach Bolschewismus? Und sie sind mitverantwortlich!
Wer hat Sie gewählt?
Eine Masse unreifer junger Menschen. Sie erklärten, daß keiner vor dreißig Jahren Politik treiben solle, und jetzt kennen Sie nichts Wichtigeres, als gerade die unreife Jugend vor Ihren Wagen zu spannen. Was denken Sie über sich selbst? Was von der Ehrlichkeit Ihrer Grundsätze?
Wer hat Sie gewählt?
Die Revolutionsmenschen. Es gibt eine Masse, die einfach auf das Losschlagen und Zertrümmern und Plündern wartet. In Ihnen sehen diese Menschen den Mann, der das Losschlagen befehlen wird. Also geben sie Ihnen ihre Stimme. Was kommt, ist ihnen gleich, wenn nur losgeschlagen wird.
Wer hat Sie gewählt?
Die Untermenschen des Mordes und der Bedrohung des Nebenmenschen. Der Ausdruck ist hart, aber nur zu wahr. Sie wissen doch selbst, wie ständig aus ihren Reihen heraus Andersdenkende bedroht werden. Der Galgen ist eine Selbstverständlichkeit im Sprachgebrauch vieler Ihrer Anhänger. Weiß sich einer nicht zu helfen, dann heißt es einfach: ‚Warte nur! Im Dritten Reich kommt die Rache! Da wirst du an die Wand gestellt!‘ Haben sie nicht selbst zu diesen Bedrohungen Anlaß gegeben? War die Redensart vom ‚Köpferollenlassen‘ nicht der Auftakt zu all diesen rohen Bedrohungen! Und dieses Untermenschentum geht herunter bis in die Reihen der Knaben, die von Politik soviel wissen wie ein junges Kalb von der Wissenschaft. Ging da eines Tages in unserem friedlichen Eichstätt Dompropst Wohlmuth zum Zelebrieren in den Dom. Da stand heraußen eine Reihe von Buben. Sie grüßten alle. Nur einer nicht. Der Mesner fragt ihn: ‚Warum grüßt denn du nicht?‘ Und die Antwort? ‚Den grüß ich nicht. Der wird an die Wand gestellt, wenn wir drankommen.‘ Wer der Junge ist, können Sie bei einem Ihrer Freunde in Eichstätt erfragen. Wissen Sie, wie man diese Verhetzung heißt? Kann Ihr Gewissen dieses Jugendverderben verantworten?
Wie wollen Sie denn weiterfahren?
Ich rechte mit Ihnen nicht über die politische Seite. Das überlasse ich den dazu berufenen Leuten. Ich wende mich auch hier lediglich an Ihr Gewissen.
Was sagen Sie zur Lügenpropaganda? Sie mußten sich aufmerksam machen lassen, daß Ihre Partei allen alles verspricht, auch das Gegensätzlichste. Warum? Nichts als das Verlangen nach der Macht. Meinen Sie, daß unser Herrgott Ihnen zulieb das achte Gebot auf einige Jahre aufhebt? ‚Lügenhafte Lippen sind vor Gott ein Greuel‘, auch wenn sie im Dienst der Politik tätig sind. Und ‚Lügen haben kurze Beine‘, auch wenn sie von sehr beredten Männern in die Welt gesetzt werden.
Und warum rücken Sie nicht heraus? Ist nicht Ihre Zurückhaltung in den religiösen Fragen eine einzige große Irreführung der Massen? Sie lochen doch selbst längst über Ihren Programmsatz vom Bekenntnis zum positiven Christentum. Sonst hätten Sie unmöglich einen Rosenberg zur Seite. Muß nicht Ihr Gebaren gerade auf dem Gebiet der Religion von Ihnen selbst als bewußte Irreführung empfunden werden? Wie lange wollen Sie dieses Geschäft weiter treiben?
Was sagen Sie zur Propaganda des Hasses? Ihr Hauptblatt ‚Der Völkische Beobachter‘ brachte am Mittwoch den 16. März (Nr. 76, Seite 3), einen Aufsatz aus der Feder des Gunter D’Alquen: ‚Kampf geht weiter‘. Dort stand zu lesen: ‚Jetzt kommt zu unserer Liebe, die der Sinn unserer Mühen, die der Grund unseres Kämpfens ist, der Haß, der Haß gegen alles das, was gegen uns steht… Unsere besten Truppen stellen wir nun in den ersten Graben. Wir gehen zur Offensive über, jetzt werden keine Gefangene gemacht, jetzt wird kein Pardon mehr gegeben. Wir stoßen vor, der kleinste Trichter, der schmalste Grabenfetzen, alles wird ausgefegt, zerschlagen, ausgebrannt. Wir springen ihn an, den Feind, bei Nacht, bei Tag, bei Sonne und Nebel, wir schlagen ihn, wo wir ihn treffen‘. Das ist die Sprache der Irrsinnigen. Und das positive Christentum? Evangelium des Hasses? Herr Hitler, was sagt Ihr Gewissen?
Ihre große Schuld!
Herr Hitler, auf Ihrem Gewissen lastet die Schuld an der Zerreißung Deutschlands. Sie wollen das Volk einigen? Meinen Sie denn, daß diese Kampfestaktik ein Volk zu einigen vermag? Einigen können Sie das Volk, wenn Sie alle anders Gesinnten totschlagen lassen, sonst aber nicht, Sie am allerwenigsten.
Auf Ihrem Gewissen lastet die Schul eines möglichen Bürgerkrieges. Sie wissen, daß Sie in absehbarer Zeit auf legalem Weg nicht zur Macht kommen können. Ihre Garden sind aber in einen solchen Wahn hineingetrieben worden, daß Sie es nicht mehr fertig bringen, sie in ruhiger Stimmung zu halten. Was werden Sie tun? Versuchen Sie den Leuten Vernunft beizubringen? Dann sind Sie erledigt. Oder treiben Sie die Massen weiter in phantastische Hoffnungen hinein?
Ihr Aufruf kündigt das an. Dann müssen Sie auch alle Folgen dieser wahnwitzigen Suggestion auf sich nehmen. Kann das Ihr Gewissen tragen? Fürchten Sie nicht, daß die Toten gegen Sie aufstehen werden, um Sie in den einsamen Nächten unablässig anzuklagen?
Auf Ihrem Gewissen lastet die Schuld des Verderbens an der Jugend. Was Sie in den Jahren Ihrer Wirksamkeit an der Jugend verschuldet haben, das löschen Sie so rasch nicht mehr aus. Wie oft hören wir Seelsorger die klagenden Mütter: ‚Ich kann meinen Sohn nicht mehr in die Kirche bringen. Er meint, weil er ein Hitler ist, braucht er unseren Herrgott nicht mehr.‘ Und wie wird die von Ihrem Geiste beseelte Jugend radikal werden, wenn sie sich als die betrogene finden wird! Sie wissen selbst: von Ihren Reihen zum Bolschewismus ist kein allzuweiter Weg. Die geistige Haltung ist jetzt schon bei vielen die gleiche. Vor dem 13. März hat man von vielen Ihrer Leute genau die gleichen Redensarten gehört wie seinerzeit bei der Revolution. Die untersten Angestellten haben die Stellen verteilt – bereits auf den 14. März, wie wenn sie über alle Betriebe und Beamtenstellen zu verfügen hätten. Gewiß, Sie sind nicht verantwortlich für jede Redensart, die gefallen ist. Aber Sie sehen die Früchte Ihrer Arbeit.
Auf Ihrem Gewissen lastet die Verwirrung der moralischen Begriffe. Die Boxheimer Dokumente machen Schule. Es gibt viele, die sich am liebsten schon heute darnach einrichten möchten. Und Ihre Gefolgschaft soll das Beste aus deutschen Landen sein? Wir danken! Sie sind aber so bescheiden, das zu behaupten.
Was rein politisch zur Lage zu erörtern wäre, habe ich nicht berührt, Ihrem Gewissen mag das Gesagte genügen. Wir predigen nicht das Evangelium des Hasses, sonder das der Liebe, auch Ihnen gegenüber. Zur Liebe gehört in erster Linie, daß wir Ihnen die Wahrheit sagen, auch wenn sie bitter ist. Wir reden nicht der Lüge das Wort und lehnen sie genau so scharf ab, wenn Sie Ihnen gegenüber gebraucht wird, als wenn sie irgendeinen anderen schädigt. Aber Sie dürfen nicht erwarten, daß wir die göttlichen Gebote weniger energisch betonen, wenn sie dem Dritten Reich unangenehm werden.
Herr Hitler, vergessen Sie nicht das Gewissen! Und wenn Sie es erforscht haben, dann treten Sie vor Deutschland hin und sprechen Sie Ihr großes Schuldbekenntnis, so wie Sie es vor Gott dem Allwissenden erkennen. Ihre Anhänger haben in München ein Flugblatt hinausgegeben, in dem für den 13. März der Psalmvers zitiert wurde:
‚Richte mich, o Gott, und entscheide meine Sache gegen ein unheiliges Volk. Von dem Menschen des Unrechtes und des Truges errette mich!‘
Wir empfehlen Ihnen diesen Psalmvers als tägliches Morgen- und Abendgebet. Fragen Sie aber zuerst, wo das unheilige Volk steht und wer der Mensch der Ungerechtigkeit und es Truges ist. Als junge Priesterkandidaten wurden wir belehrt, wir sollten bei der heiligen Messe so oft wir die beiden Vers beten, an uns selbst denken, damit uns unser Herrgott von allem Selbstbetrug und von aller Ungerechtigkeit reinige. Es kann Ihnen nur nützen, wenn Sie dem gleichen Gedanken Raum geben.
P. Ingbert Naab, O. Min. Cap.
(Quelle: Pater Ingbert Naab. Ein Prophet wider den Zeitgeist 1885-1935, Schnell & Steiner 1985, S. 106-115)
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