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Familie Landecker - Bahnhofstr. 20

Biografie von Sophie Landecker, Leonhard Landecker, Martin Landecker und Mina Fleischer

Sophie Landecker ist eine gebürtige Sulzbürgerin und wurde am 30. März 1876 geboren. Mit 23 Jahren heiratete Sophie Landecker am 30. Juni 1897 in Neumarkt ihren Cousin Benno Landecker (1869 – 1929), der wie sie in Sulzbürg geboren wurde. Das junge Ehepaar wohnte damals noch in der Bahnhofstraße 12 zur Miete. Dort kamen auch die ersten beiden Söhne Leonhard und Paul (mit 2 Monaten gestorben) zur Welt. Der dritte Sohn Martin wurde 3 Jahre später geboren, 1908 erblickte die einzige Tochter Mina das Licht der Welt.

Als Benno Landecker mit nur 60 Jahren am 18. April 1929 starb, wurde Sophie Landecker als Witwe vom Israelitischen Frauenverband, in dem sie Mitglied war, unterstützt. Sophies ältester Sohn Leonhard führte das Unternehmen der Familie weiter. Er verbrachte in Neumarkt seine Kindheit und Jugend und besuchte von 1908 bis 1914 die Realschule.

Zu Beginn des Nationalsozialismus lebten bei Sophie Landecker neben ihrem unverheirateten Sohn Leonhard auch noch ihre Kinder Martin und Mina. In der Pogromnacht des 9. November 1938 zogen die SA und ihre Gefolgsleute nach den Angriffen auf die Synagoge an der Hallertorstraße und ihre Bewohner in die Bahnhofstraße. Alle jüdischen Häuser an der Bahnhofstraße wurden angegriffen, Fenster eingeworfen, Wohnungseinrichtungen geplündert und demoliert, Bewohner misshandelt. Auch Sophie und ihr Sohn Leonhard wurden heimgesucht. Warum Sophie und Leonhard in dieser Nacht jedoch nicht mit ihren jüdischen Leidensgenossen verhaftet und ins Amtsgerichtsgefängnis eingeliefert wurden, ist nicht bekannt. Vermutungen legen gesundheitliche Gründe nahe.

Noch im Jahr 1938 konnte die Tochter Mina über die damalige Tschechoslowakei nach Palästina flüchten.

Nachdem Sophie und Leonhard Landecker 1940 ihre Wohnung räumen mussten, brachte die Ghettoisierung der in Neumarkt verbliebenen jüdischen Menschen in drei Häusern. In qualvoller Enge lebten Sophie und Leonhard Landecker zusammen mit ihren Verwandten Lina und Berthold Landecker sowie ihrem ehemaligen Nachbarn Julius Neustädter am Ende des Jahres 1941 (31.12.1941) in der nach der Pogromnacht geschändeten Synagoge.

Am Karfreitag, dem 3. April 1942, wurden Sophie Landecker zusammen mit ihrem Sohn Leonhard, und Lina Landecker mit ihren Kindern Berthold und Selma, sowie weiteren Freunden und Bekannten aus Neumarkt und Sulzbürg von Neumarkt mit dem Zug nach Regensburg deportiert, „verschubt“ wie es in der Amtssprache hieß. Von Regensburg aus wurden Sophie und Leonhard Landecker am Ostersamstag (04.04.1942) in einen von München kommenden Zug mit 776 Menschen aus München, Bayrisch-Schwaben und Württemberg-Hohenzollern sowie über 200 Personen aus Regensburg und anderen Orten der Oberpfalz gepfercht und mit insgesamt knapp 1000 Leidensgenossen über Weiden vier Tage lang nach Lublin mit dem Ziel „Auffanglager „Trawniki“ deportiert. Im sog. Ghetto Piaski verlieren sich die Spuren. Wer hier überlebte, wurde in den Vernichtungslagern Majdanek, Treblinka oder Sobibor ermordet.

Martin wurde am 23. Februar 1903 in Neumarkt geboren. Martin erlernte den Beruf des Kaufmanns und war auch offensichtlich als solcher in der Anfangszeit tätig. Weitere Angaben hierzu konnten nicht recherchiert werden. Es muss jedoch im Laufe der Zeit eine Behinderung eingetreten sein, die eine Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Regensburg im Jahre 1936 notwendig machte. Dies ist aus einem Schriftverkehr mit der Israelitischen-Kultusgemeinde Neumarkt bezüglich „Fürsorge für den geisteskranken Martin Landecker“ ersichtlich. Wann genau er dort untergebracht wurde und auf wessen Veranlassung ist nicht bekannt.

Martin Landecker am 15. August 1938 in die Heil- und Pflegeanstalt Reichenbach verlegt. Dort blieb er die nächsten zwei Jahre bis zum 13. September 1940. An diesem Tag wurde er in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen. Dem ging am 14. April 1940 ein Erlass des Reichsministeriums des Innern voraus, welcher die Erfassung aller jüdischen Anstaltsinsassen anordnete. Ende August verfügte das gleiche Ministerium in einem weiteren Runderlass, dass jüdische Geisteskranke in Bayern in Eglfing-Haar untergebracht werden müssen. Bereits 7 Tage später, am 20. September 1940, wurde er in die Tötungsanstalt Hartheim, im Ort Alkoven bei Linz/Oberösterreich, verlegt und am gleichen Tag noch mit Kohlenmonoxid getötet. Bereits am 20. September 1940 hat die Anstalt Eglfing-Haar sich auch „judenfrei“ gemeldet.

Aus einer Nachkriegsfinanzakte ist ersichtlich, dass die überlebende Schwester Mina Fleischer bzw. die Kultusgemeinde erst im Januar 1941 vom Tod Martins in Kenntnis gesetzt wurde. Als Todestag ist der 25. Januar 1941 und als Sterbeort die „Irrenanstalt Chelm“ bei Lublin genannt. In dieser fiktiven Irrenanstalt wurden gefälschte Sterbeurkunden in großem Umfang erstellt. Der Stein für Martin Landecker ist der erste in Neumarkt, der für ein Opfer des Euthanasieprogramms T4 verlegt wurde.

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Quellen & Impressum

Initiative Stolpersteine für Neumarkt und Sulzbürg

Initiative Stolpersteine für Neumarkt und Sulzbürg und
die beiden Geschichts-P-Seminare „Nie wieder - Wider das Vergessen“ des Ostendorfer-Gymnasiums