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Familie Landecker - Bahnhofstr. 14

Biografie von Ludwig Landecker, Karoline Landecker und 4 weitere

Ludwig Landeckers (geb. 1874) Eltern waren der Viehhändler Isaak Landecker und dessen Ehefrau Sophie Landecker (geb. Neustädter) aus Sulzbürg. Der väterliche Beruf bestimmte auch seinen Lebensweg. Mit 20 Jahren wurde er im Herbst 1894 zur militärischen Grundausbildung eingezogen. Nach der Ernennung zum Gefreiten 1895 wurde er am 26.09.1896 zur Reserve entlassen.

1898 heiratete er die 20-jährige Karolina Wild (geb. 1877) aus Georgensgmünd. Die beiden hatten ein Anwesen in der Bahnhofsstraße 14. In den folgenden Jahren kamen die Kinder Berthold (geb. 1899), Selma (geb. 1901) und Justin (geb. 1905) auf die Welt. Im November 1906 erwarb der gebürtige Sulzbürger das Neumarkter Bürgerrecht.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Ludwig Landecker 1915 zur 4. Kompanie des Landsturm-Ersatz-Bataillons Nürnberg eingezogen und war bis November in Frankreich als Besatzungssoldat. Vom Mai 1918 bis April 1919 führte er die Neumarkter Milchverkaufsstelle, eine für die Versorgung der hungernden Bevölkerung wichtigen Einrichtung. In den 1920er Jahren zeigte sich Landeckers sozialer Einsatz, der besonders den Kindern galt. Die nun nicht mehr benötigten Milchkübel verkaufte er und stellte den Erlös von 500 Mark im Januar 1921 für den Ankauf von Kartoffeln für bedürftige Neumarkter Familien zur Verfügung. Weitere Spenden wie zum Bespiel für die Einrichtung eines Kinderheims folgten.

Der erste Sohn Berthold erlernte den Beruf des Handelsmannes und arbeitete im väterlichen Betrieb mit. Seit Oktober 1935 war er Mitglied im Israelitischen Männer- und Jünglingsverein Neumarkt in der Oberpfalz. Wie sein kleiner Bruder Justin war er auch in der Zimmerstutzen-Schützengesellschaft „Tannenreis“ Neumarkt ein langjähriges Mitglied.

Selma heiratete 1925 den Handelsmann Hugo Hutzler aus Weiden, woraufhin das Ehepaar anschließend gemeinsam nach Weiden zog und zunächst dort wohnte. 1933 verließen die beiden Weiden um in der damaligen Tschechoslowakei eine Gastwirtschaft mit Speditionsgeschäft zu betreiben. Als sie 1935 nach Weiden zu Hugos Eltern zurückkehrten, wurden sie als Emigranten einige Tage inhaftiert.

Bereits Ende der 1920er Jahre begannen in Neumarkt antisemitische Ausschreitungen. So warfen Jugendliche, nach einer Hetzrede des Nürnbergers Julius Streicher am 11.12.1928, in der Nacht zum 1. Januar 1929 Steine durch die Fensterscheiben jüdischer Häuser, u.a. auch beim Wohnhaus der Landeckers. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann aber für die Familie eine schwere Zeit, die am 09.11.1938, der Reichspogromnacht, ihren ersten dramatischen Höhepunkt fand. In dieser Nacht wurde das Haus der Landeckers angegriffen, Mobiliar demoliert und Gegenstände geraubt. Vater, Mutter und die beiden Söhne Berthold und Justin wurde festgenommen. Dabei wurde der 64jährige Ludwig Landecker so schwer misshandelt, dass noch in der Nacht zum 10.11.1938 an einem Herzschlag verstarb. Mutter Lina wurde danach entlassen, Berthold nach zwei Hafttagen. Der 33jährige Sohn Justin wurde der Gestapo in Regensburg überstellt.

Tochter Selma Hutzler, die seit Kriegsbeginn in Neumarkt wohnte (ihr Mann war nach England geflüchtet), wurde am 13.11.1938 ebenfalls festgenommen. Man hatte ihr einen Diebstahl im Woolworth-Warenhaus in Nürnberg untergeschoben. Wegen einer Erkrankung entließ man sie aber wieder am Folgetag. Selmas Verhaftung war aber der NS-Presse eine Schlagzeile wert. Als die „Jüdin mit den Goldknöpfen“ soll sie nach ihrer Verhaftung eine Handtasche mit Halsketten und Goldmünzen in einen Vorgarten geworfen haben, um so der Beschlagnahmung des Vermögens zu entgehen. Am 21. Dezember wurde sie in einem Prozess wegen Vergehen gegen die Devisenbestimmungen zu sieben Monaten Gefängnishaft und 900 Mark Geldstrafe verurteilt.

Während es dem jüngsten Sohn Justin und dessen Ehefrau Rosa (geb. Metzger) noch rechtzeitig gelang in die USA auszureisen, schaffte es der Rest der Familie nicht mehr. Dabei hatte Berthold bereits ein Visum des Bolivianischen Konsulats in Hamburg erhalten. Das Wohnhaus der Familie musste bereits 1938 verkauft werden. Ende des Jahres 1941 zwang man Lina zusammen mit ihren Kindern Berthold und Selma sowie Schwägerin Sophie Landecker und deren Sohn Leonhard in das Gebäude der zerstörten Synagoge (Hafnergasse 10) umzuziehen.

Nachdem für Juden und Jüdinnen allmählich jegliche Verdienstmöglichkeit unterbunden war, versuchte Selma, sich ihren Lebensunterhalt als Putzmacherin zu verdienen. Sie fertigte Filzblumen an, welche eine Freundin zu veräußern versuchte. Berthold musste Hilfsarbeiten als „Schlosser“ verrichten.

An Karfreitag, dem 03.04.1942, wurde die Familie mit anderen jüdischen Bürgern verhaftet und zum Gasthaus „Ostbahnhof“ verbracht. Noch am selben Tag wurden die Neumarkter Juden mit der Bahn zunächst nach Regensburg und von dort im großen Transport in das Ghetto Piaski im heutigen Ostpolen deportiert. Dabei mussten sie auch noch das Reisegeld von 50 RM bezahlen.

Karolina wurde schließlich am 12.10.1943 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Die Schicksale von Berthold und Selma sind unbekannt. Als amtliches Todesdatum der beiden Geschwister wurde der 08.05.1945 festgelegt. Vater Ludwig soll auf dem jüdischen Friedhof Neumarkt begraben sein, ein Grabstein ist jedoch nicht mehr vorhanden.

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Quellen & Impressum

Initiative Stolpersteine für Neumarkt und Sulzbürg

Initiative Stolpersteine für Neumarkt und Sulzbürg und
die beiden Geschichts-P-Seminare „Nie wieder - Wider das Vergessen“ des Ostendorfer-Gymnasiums