Biografie von Julius Fröhlich, Elise Fröhlich und 4 weitere
Als Julius und Elise Fröhlich 1956 ihre Wiedereinbürgerung beim Landratsamt Tuttlingen beantragten, konstatierte man, dass das Ehepaar bis 1938 in Tuttlingen gelebt habe und gut beleumundet sei. 1938 hatten sie mit ihren vier Kindern Tuttlingen verlassen, um im britischen Mandatsgebiet Palästina eine neue Heimat zu suchen, da sie die zunehmende Entrechtung unter der NS-Diktatur bemerkten und Schlimmeres fürchteten. 1941 war der Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden, da sie jüdischen Glaubens war. 1956 konnte zumindest dieses Unrecht revidiert werden.
Julius Fröhlich wurde am 17. Januar 1896 in Rexingen als Sohn von Max und Auguste Fröhlich in eine Familie geboren, deren Ahnen sich spätestens 1730 in Rexingen niedergelassen hatten. Er besuchte die Schule in Rexingen, anschließend die Mittelschule in Horb und machte eine Ausbildung zum Viehhändler.
1915 wurde er in das X. Württembergische Ersatz-Bat. Infanterie Regiment Nr. 180 für den Ersten Weltkrieg rekrutiert, in welchem er in der Somme-Schlacht schwer verwundet wurde. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse, dem am 2. Dezember 1934 das Ehrenkreuzes für Frontkämpfer folgte. Er sprach schwäbisch war überzeugter Württemberger, kannte sich in Geschichte und Bräuchen aus, liebte die Musik, war politisch interessiert, gehörte dem Reichsbund jüdischer Frontkämpfer an und unterstützte den Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, der sich den Schutz der Weimarer Verfassung auf die Fahnen geschrieben hatte und der mit der Machergreifung Hitlers verboten wurde.
Da es in Rexingen zahlreiche Viehhändler gab, sah er sich nach einem neuen Wirkungskreis um und fand ihn in Tuttlingen. Zu Beginn des Jahres 1922 ließ er sich hier nieder und meldete am 12. Oktober 1925 seinen Viehhandel in Tuttlingen an. Auf einer Hochzeitsfeier in Gailingen lernte er Elise Leibischu aus Zürich kennen und heiratete sie 1925. Sie entstammte einer sephardischen Familie, die eigentlich in Saloniki ansässig war. Ihre Eltern waren Ende des 19. Jahrhunderts - ihre Mutter aus Polen, ihr Vater aus Rumänien - in die Schweiz umgesiedelt und betrieben ein Manufakturgeschäft.
In Tuttlingen wohnte die Familie Fröhlich zunächst zur Miete bei den Brüdern Storz in der Hermannstraße 14/II und 1930 bezog sie ihren Neubau in der Dammstraße (heute Nendinger Allee 9). Dort gab es auch einen großen Stall, den der Viehhändler als Zwischenstation für die Tiere nutzte.
Julius Fröhlich kaufte zunächst Vieh aus der Umgebung, später auch aus Niederbayern auf und schaffte es in den Norden Deutschlands, wo es auf Auktionen verkauft wurde. Am Bahnhof gab es eine eigene Rampe zum Verladen des Viehs. Das Geschäft florierte. Seine Frau unterstützte ihn bei der Buchhaltung, sobald er auf Geschäftsreisen war.
Zwischen 1926 und 1932 wurden vier Kinder geboren: zwei Söhne und zwei Töchter.
1926 kamen die Tochter Sonja, 1927 der Sohn Helmut, 1930 der Sohn Walter und 1932 die Tochter Eleonore zur Welt. Die Kinder besuchten hier die Schule. Sie waren mit der Familie der Klavierlehrerin Johanna Maier befreundet, die in der Nachbarschaft wohnte. Johanna Maier gab einigen Kindern der Familie Fröhlich Klavierunterricht. Dort durften die Kinder auch mal nicht koschere Blutwurst essen oder im Gegenzug gab es Matzen für christliche Kinder.
Frau Fröhlich schilderte 1983 in einem Interview die Situation in Tuttlingen wie folgt: „Die Tuttlinger sind im Großen und Ganzen anständig gewesen“. Ihre Kinder gingen in die „Schule in der Nähe des Schlachthaussteges“. Die beiden Söhne besuchten die Horst-Wessel-Schule und waren zuvor in einem christlichen Kindergarten gewesen. Die älteste Tochter Sonja ging in dieselbe Klasse wie die Tochter des Kreisleiters Huber. Ihre Tochter habe nie darunter gelitten, dem mosaischen Glauben anzugehören. Der Tochter des Kreisleiters wäre es arg gewesen, wenn sie von den Beeinträchtigungen der Klassenkameradin gewusst hätte, meint Frau Fröhlich. Sie führt diese Situation als Beispiel dafür an, wie wenig fanatisch sie die Tuttlinger Bevölkerung erlebte. Auch die früheren Schulkameradinnen von Edith Kälbermann konnten sich erinnern, dass die Kreisleiter-Tochter häufig mit Sonja Fröhlich gemeinsam zur Schule ging.
Frau Fröhlich berichtete, dass es in der Schule einen Hauswart gab, der ein besonderes Auge auf die Kinder geworfen hatte und aufpasste, dass den Kindern nichts passierte. Es sei ein sehr netter, hochanständiger Mann gewesen. Die Vorsicht war notwendig, weil ein Lehrer seine Parteizugehörigkeit durch das Tragen einer Parteiuniform besonders unterstrich und durch antisemitische Äußerungen im Unterricht aufgefallen war, bestätigt Amos Walter Fröhlich in einer E-Mail.
Von Schul- und Klassenkameradinnen wird berichtet, dass die jüdischen Kinder ebenso behandelt worden seien wie die christlichen. Sie wurden genauso wie die anderen gehänselt. Die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben spielte für die Gleichaltrigen keine Rolle.
Die Familie hatte eine Haushaltshilfe, Frida Sichler, und Helfer beim Viehhandel. Sie fühlten sich wohl in Tuttlingen.
Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht kamen und sofort die Unterdrückung, Entrechtung und Ächtung der jüdischen Mitbürger einsetzte, meinte die Familie zunächst die Situation aussitzen zu können. Der Viehhandel wuchs weiterhin ständig. Zwar gab es auch am 1. April 1933 eine Anzeige in der Zeitung, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief, Julius Fröhlich aber fühlte sich wenig beeinträchtigt. Die Familie passte sich an und bot wenig Konfrontationsfläche, da sie ihren Glauben nicht streng praktizierten. Julius Lebenseinstellung war von der Assimilation geprägt. Der Haushalt wurde "neu-koscher" geführt. Obwohl sie eigentlich zur jüdischen Gemeinde in Rottweil-Mühringen zählten, besuchten sie gelegentlich die Synagoge in Rexingen, wo die übrige Familie wohnte.
Obwohl sich die Familie in Tuttlingen wohl fühlte, las Julius Fröhlich aufmerksam Zeitung und war über die zunehmenden Ausschreitungen und die Entrechtung der Juden besorgt. Als eine Gruppe aus Rexingen die Auswanderung nach Palästina in Betracht zog, schloss er sich an. Mit einigen anderen Rexingern reiste er 1937 dorthin, wo ihnen ein kahles, 60 ha großes Stück Land nördlich von Haifa vom jüdischen Nationalfonds zugewiesen wurde, das sie Shavei Zion, Heimkehr nach Zion, nannten. Zurückgekehrt nach Deutschland, wurden die Vorkehrungen für eine Auswanderung getroffen. Container, so genannte Lifts, bestellt, gepackt und versandt. Am 7. September 1938 verließ die Familie nach Zahlung einer hohen Reichsfluchtsteuer Deutschland und machte sich zu einem großen Abenteuer, nämlich der Urbarmachung eines fremden Landes, auf. Als die Familie auswanderte, waren die Kinder zwischen 6 und 12 Jahre alt. Die Mutter, die Schwägerin und der Bruder von Julius Fröhlich konnten nicht entkommen und starben in Konzentrationslagern.
In Palästina musste sich Julius Fröhlich wie alle Siedler auf ein völlig neues Leben umstellen. Die Genossenschaft schickte ihn gleich nach seiner Ankunft für ein halbes Jahr in den Kibbuz Sarid. Aus dem Kreis derer, die sie in späteren Jahren in Israel besuchten, wird berichtet, dass die Eingewöhnung den Erwachsenen schwer gefallen sei. Besonders die hebräische Sprache bereitete Schwierigkeiten. Die Kinder hingegen gewöhnten sich leicht ein. Trotz aller Freude an der neuen Aufgabe waren die körperliche Arbeit und das ungewohnte Klima sehr anstrengend für Julius. Er begann mit der Arbeit bereits am frühen Morgen um 3 Uhr, kam zwischen 6 und 7 Uhr nach Hause und ging um 9 Uhr wieder zur Arbeit. Nach der Mittagspause war er von 15 bis 19 Uhr nochmals im Kuhstall. In den Nächten konnte er kaum schlafen und fühlte sich bald krank. 1944 erlitt Julius Fröhlich einen ersten, 1948 nach dem tragischen Tod der Tochter Sonja Linwer im Unabhängigkeitskrieg einen zweiten Herzinfarkt.
Elise Fröhlich arbeitete wie die anderen Frauen zunächst in der Landwirtschaft, später vor allem im Einkaufsladen. An das Gemeinschaftsleben konnten sich Julius und Elise Fröhlich kaum gewöhnen und fühlten sich durch das engstirnige Denken oft verletzt. In den Kriegsjahren dachte der Familienvater zeitweise darüber nach, die Siedlung zu verlassen und sich mit einer eigenen Farm bei Kirjat Bialik selbständig zu machen. Letztlich war ihm das Risiko aber doch zu groß.
Ab 1957 kehrten Julius und Elise in den Sommermonaten regelmäßig nach Tuttlingen zurück. „Er sehnte sich nach Deutschland zurück, er sehnte sich nach der Landschaft und er sehnte sich nach den Wäldern und er hat sich nirgends so wohl gefühlt wie hier“, erinnert sich sein Sohn Amos. Bei einem dieser Aufenthalte starb Julius Fröhlich 1963 mit 67 Jahren in Tuttlingen.
Elise Fröhlich erreichte das hohe Alter von 95 Jahren und starb 2000 in Shavei Zion. Trotz aller schrecklichen Erfahrungen blieben die Fröhlichs mit dem Herzen in Tuttlingen.
Der Sohn Walter, der in Israel Amos genannt wurde, studierte später in München Tiermedizin. Er und seien Frau Gila, die er die Deutschland kennen und lieben lernte, besuchen Deutschland regelmäßig. Er erhielt im Jahre 2015 für seine völkerverständigende Aktivitäten aus den Händen vom Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck das Bundesverdienstkreuz.
Lit.:
Uri R. Kaufmann und Carsten Kohlmann im Auftrag des Gedenkstättenverbundes Gäu-Neckar-Alb: Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, Barbara Staudacher Verlag, Horb, 2007
Medien
Fotos
Kostenlos dank Ihrer Hilfe
Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.
Stolpersteine in der Nähe
Oskar Heuberger190 m
Hermann Steck210 m
Rosalie Blatt290 m
Albert Ulrich330 m
Reinhold Rall390 m
Antoni Midinski410 m
Quellen & Impressum
Museen der Stadt Tuttlingen: https://www.tuttlingen.de/de/Kultur-Tourismus/Kulturelle-Einrichtungen/Museen/Staedtische-Museen/Heimatmuseum-Fruchtkasten