Biografie
An ehemalige Stipshausener Einwohner jüdischen Glaubens erinnert ein Gedenkstein, der am Samstag, dem 18. Mai 2018, neben dem jüdischen Friedhof eingeweiht wurde. Der Stein soll das Gedenken an frühere Mitbürger wachhalten, die dem Rassenwahn der Nazidiktatur zum Opfer fielen. Erinnert werden soll auch an jene Menschen, die den Mördern noch rechtzeitig durch Flucht entkommen konnten. Vier Personen mussten den Terror der Nazis mit dem Tod bezahlen:
Setta (Settchen) Moos geb. Katzenstein wurde am 30.7.1876 in Abtrode/Eschwege (Hessen-Nassau) geboren. Sie lebte zeitweilig in Stipshausen und in Saarbrücken, war dort in zweiter Ehe mit dem aus Hottenbach stammenden Metzger Hermann Moos verheiratet, der 1927 in Saarbrücken verstarb. 1936 emigrierte Setta Moos nach Luxemburg und später nach Frankreich. Aber auch dort waren die Juden nicht mehr sicher, nachdem der Großteil des Landes im Juni 1940 von den Deutschen besetzt worden war. Am 21.12.1943 wurde Setta Moos nach Merignac nahe Bordeaux deportiert. Von dort kam sie in das Sammellager Drancy bei Paris. Bereits am 20.1.1944 wurde die 68jährige im Vernichtungslager Auschwitz registriert. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt.
Karoline Gottschalk wurde am 27.2.1866 als Karoline Levy in Stipshausen geboren. Wie aus dem vom Bundesarchiv herausgegebenen Gedenkbuch „Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“ hervorgeht, lebte Karoline später in Köln und Ahrweiler. Am 27.7.1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt verschleppt und kam von dort am 19.9.1942 in das Vernichtungslager Treblinka. Auch bei Karoline Gottschalk liegt das Datum ihrer Ermordung im Dunkeln.
Wilhelm Levy wurde am 31.1.1860 in Stipshausen geboren. Wie Karoline zog es auch Wilhelm an den Rhein, nach Köln und Königsfeld. Offenbar lebte Wilhelm zwischenzeitlich auch in Idar-Oberstein. Wilhelm Levy wurde am 15.6.1942 von Köln aus nach Theresienstadt deportiert und wie Karoline am 19.9.1942 zur Ermordung nach Treblinka verfrachtet.
Simon Meyer wurde am 26.10.1872 mit körperlichen und geistigen Einschränkungen geboren. Ungeachtet seines jüdischen Glaubens passten derartige „Defizite“ nicht in das Bild des makellosen Herrenmenschen der Nationalsozialisten. Aus Sicht der Nazis mussten solche Menschen daran gehindert werden ihr Erbgut weiterzugeben. So wurde mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 und der damit einhergehenden Einrichtung von Erbgesundheitsgerichten und Gesundheitsämtern zum 1. April 1935 schon früh die rechtliche und logistische Voraussetzung geschaffen, um mit Zwangssterilisationen die sogenannten rassenhygienischen Maßnahmen in die Wege zu leiten. Man suchte und fand Krankenhäuser, die bereitwillig an den Zwangssterilisationen mitwirkten. Das Forschungsprojekt „Nationalsozialitische Rassenhygiene im Raum Trier“ nennt in der Region die Kreis-Krankenhäuser in Saarburg und Wittlich, das Städtische Krankenhaus Baumholder und das Evangelische Elisabeth-Krankenhaus in Trier, die an den fragwürdigen Aktionen beteiligt waren. Nun setzte eine Welle von Anzeigen aus der Bevölkerung an die neuen Gesundheitsämter ein, die ihrerseits, nach entsprechender Begutachtung, in Frage kommende Personen an die Erbgesundheitsgerichte weiter meldeten. Zwischen 350.000 und 400.000 Menschen waren offenbar von den dann folgenden Eingriffen betroffen. Darunter auch Simon Meyer, der sich laut Beschluss des Erbgesundheitsgerichtes Trier vom 1. Juli 1936 im Elisabethkrankenhaus Trier zur Sterilisation einfinden musste. Der damals 64jährige kam im Zusammenhang mit dieser Operation am 1. Dezember 1936 unter ungeklärten Umständen zu Tode.
Drei jüdische Familien konnten sich durch Flucht in die Vereinigten Staaten der Deportation und Ermordung entziehen:
Familie Birkenruth ergriff im Jahr 1937 mit fünf Personen die Flucht. Vater Hermann Birkenruth, geb. 9.2.1903, der vor der Nazizeit als guter Läufer eine wichtige Stütze des Stipshausener Sportvereins gewesen ist, fand mit Ehefrau Erna (*1904 in St. Ingbert) geb. Victor und den drei Kindern Elsie (*1930), Harry Hans (*13.6.1931) und Edith (*8.6.1936) eine sichere Bleibe in New York. Der Stipshausener Hausname der Birkenruths „Reschins“ geht auf Hermanns Mutter Regina (*22.10.1867 geb. Meyer) zurück. Hermann Birkenruth war ehedem Inhaber eines Ladens und handelte zudem mit Altmetall.
Joschbel/Jeschbel lautete der Hausname der Familie Baum. Simon Baum (*14.3.1898) gelang es 1938 in die USA zu flüchten. Am 20. August 1939 konnte er Ehefrau Johanna (geb. 29.4.1901 in Ulmet/Pfalz als Johanna Meyer) und die Kinder Arthur (*24.6.1926) und Sigfried (*18.3.1929) in die Vereinigten Staaten nachholen. Die Familie lebte zum Zeitpunkt der amerikanischen Volkszählung im April 1940 in Cleveland/Ohio.
Die dritte Familie, die sich durch Flucht in die Vereinigten Staaten noch rechtzeitig vor den großen Deportations- und Vernichtungswellen der Nazis in Sicherheit bringen konnte, war die Familie Meyer. Der Metzger Hermann Meyer (*12.11.1874), ein Bruder von Simon Meyer (siehe oben) hatte von seinem Vater Salomon (Schlaume) die Metzgerei übernommen. Hermann übernahm nicht nur das Ladengeschäft und die Metzgerei von seinem Vater, auch der Name Schlaume fand im Dorf weiterhin Verwendung. Sein Schwiegersohn Arthur Heimann (*25.10.1908 in Laufersweiler) floh im Februar 1938 in die USA. Im November 1938 konnte Arthur seine Schwiegereltern Hermann und Karoline geb. Felsenthal (*15.12.1871), die Ehefrau Johanna (*14.06.1912), jüngste Tochter der Meyer´s, und die beiden Söhne Max (*8.7.1934) und Erich Salomon (*15.10.1935) in die Staaten nachholen. Dort lebte die Familie in Wilmington, Delaware. Durch die Flucht waren die drei Familien dem Zugriff eines verbrecherischen Systems entgangen.
Weitere Opfer des NS-Unrechtsstaates:
Deserteur Bohrer
Rund 30.000 Soldaten sollen von der Militärjustiz der Nationalsozialisten zum Tode verurteilt worden sein. Ein Großteil der Urteile wurde auch vollstreckt.
Einer der jungen Männer, die sich dem Angriffskrieg der Nazis durch sogenannte Fahnenflucht entziehen wollten, kam aus Stipshausen. Es war der Sohn von August (*17.02.1888) und Frieda Weyand (geb. Clemens, *23.06.1894). Sein Name war Otto Weyand, der am 18.10.1919 geboren wurde. Genannt wurde er im Ort aber Bohrer, genau wie sein Vater, der zeitweise als Achatbohrer gearbeitet hatte. Und ebenso wie sein Vater August, soll auch Otto Kommunist gewesen sein. Als er sich dem Militär entzog, wurde er im Ort gesucht. Vor allem einige Scheunen auf dem Linsehiewel (heute Straße Zum Idar) wurden planmäßig auf den Kopf gestellt. An Stellen, die man nicht auf den ersten Blick einsehen konnte, ließ man Jungs an Seilen hinter dem Stroh und Heu hinab. Zum Schicksal des Deserteurs ist die Überlieferung im Ort eher spärlich. Dass er nach der Suche nie wieder gesehen wurde, war nicht wegzudiskutieren. Er soll in Berlin hingerichtet worden sein, war neben „man weiß nichts“ eine überlieferte Erklärung und, dass er angeblich zwischen den Bohnen im eigenen Garten gefunden worden sein soll. Andere berichten von Gesprächen mit dem Vater August. Er habe berichtet, dass sein Sohn Otto hinter dem Haus auf dem Linsehiewel exekutiert worden sei. Das wird auch noch heute im familiären Umfeld der Familie Weyand erzählt. Die Fakten sprechen allerdings eine andere Sprache: Der Oberschütze Otto Weyand wurde vom Feldgericht der Division 471, Zweigstelle Magdeburg, am 18. Februar 1943 zum Tode verurteilt und am 17. März 1943 erschossen. Am 20.03.1943 wurde er in Magdeburg beerdigt.
Für die Nazis galten Deserteure als Kriegsverräter. „Soldaten können sterben, Fahnenflüchtige müssen sterben,“ soll Hitler einst befohlen haben. Erst am 17. Mai 2002 beschließt der Bundestag mit den Stimmen von SPD, Grünen und PDS die pauschale Aufhebung aller nationalsozialistischen Unrechtsurteile gegen die Deserteure. Am 27. Juli 2002, mehr als 57 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, trat das Gesetz in Kraft.
Ottos Vater August Weyand blieb auch nach dem Krieg ein aktives Mitglied der kommunistischen Partei. Zur Wahl der Kreisversammlung des Landkreises Bernkastel am 10. Oktober 1946 stand August Weyand auf der Liste der KPD. Vier der sieben Kandidaten auf der Liste kamen damals aus Stipshausen. Anfang der 50er Jahre wurde August Weyand von der KPD für seine langjährige Parteitreue geehrt.
Otto Weyand hatte einen Bruder und eine Schwester.
Weitere Deserteure:
Noch in den letzten Kriegstagen wurde der Volkssturm ausgehoben, um gegen die aus der Eifel vorrückende amerikanische Armee zu kämpfen. Dabei war auch Hugo Engel aus Stipshausen. Dieser jedoch entfernte sich kurzerhand von diesem Himmelfahrtskommando und lief nach Hause zu seinen Eltern, was der Mutter Lina Engel eine Todesangst um ihren Sohn einflößte. Aber es ging gut, weil bereits am 18. März 1945 die Amerikaner Stipshausen erreichten und damit hier das Unrechtsregime der Nazis keine Handhabe mehr hatte.
Wenige Tage bevor die amerikanischen GI´s den Ort erreichten, hatten einige Stiebser sich in die Schiefergruben im Rauneltal zurückgezogen. Alte Männer hatten die „Lajebärsch“ (Schieferstollen) mit Holzstreben gesichert und man hatte weiße Betttücher an die Eingänge gehängt. Das allerdings galt als Feigheit vor dem Feind und war somit streng verboten. Entsprechende Angst machte sich breit, als man einen Uniformierten über den Boraschd (Flur Bauters) hinabkommen sah. Doch der Uniformierte gab rechtzeitig zu erkennen, dass man sich vor ihm nicht fürchten müsse. Es war ein Deserteur aus Rhaunen, der auf dem Heimweg war.
Liebschaft mit dem Feind
Einem französischen Kriegsgefangenen wurde ein Verhältnis mit einer Frau aus Stipshausen nachgesagt. Liebschaften mit dem Feind galten in jener Zeit als „Wehrkraftzersetzung“ und wurden vom NS-Staat hart bestraft. Eine Zeitzeugin berichtete, wie sie gesehen hatte, dass der Kriegsgefangene in der Heck im Arbeitseinsatz gewesen sei. Plötzlich sei ein Fahrzeug vorgefahren und habe den Mann „abgeholt“. Dieser Gefangene wurde nie wieder gesehen. Was mit dem Kriegsgefangenen geschehen ist und ob die Frau bestraft wurde, konnte nicht recherchiert werden.
Ulisch-Linchen – Tod wegen Regelverletzung
Karoline (Lina) Bonn wurde am 30.07.1889 als Tochter von Friedrich Bonn und Carolina Demand in Stipshausen geboren. Am 17.05. 1907 heiratete sie Heinrich Brauch aus Hochscheid. Dort betrieben die beiden eine Ölmühle. Diese Tätigkeit wurde für Lina namengebend, denn man nannte sie fortan „Ulisch-Linchen“. Aufgrund dessen, dass in dieser Mühle später in der NS-Zeit der eine oder andere Liter Öl schwarz gepresst wurde, gab es eine Anzeige vom damaligen Hochscheider Förster Klemmbau, der als strammer Nazi meinte, Lina vor den Kadi bringen zu müssen. Auch aus Stiebse sind damals Menschen heimlich mit ihrem Handwagen hinter den Wald gefahren, um sich in der „Ulischmiehl“ ihr Öl pressen zu lassen.
Angeblich nahm sich Lina in der (Untersuchungs-?) Haft das Leben. Im Umkreis der Familie bezweifelt man bis heute, dass Lina sich selbst erhängt hat. „Woher soll sie auch den Strick gehabt haben,“ fragen die Verwandten. Rund um Hochscheid wurde noch in jüngster Zeit berichtet, Lina sei unter Druck gesetzt worden, weil sie mit ihrer Aussage auch viele andere (u.a. Mitarbeiter des Landratsamtes in Bernkastel) hätte belasten können.
In der Urkunde des Standesamtes Bernkastel-Kues (Nr.54/1942) heißt es dazu:
Bernkastel-Kues, den 23. Juli 1942
Die Mühlenbesitzerin Karoline Brauch, geborene Bonn, evangelisch , wohnhaft in Hochscheid, Haus Nr. 38, Kreis Bernkastel, ist am 21. Juli 1942 gegen 8 Uhr 30 Minuten in Bernkastel-Kues im Hause Schanzstraße 24 tot aufgefunden worden. Die genaue Zeit des Todes konnte nicht festgestellt werden. Die Verstorbene war geboren am 30. Juli 1889 in Stipshausen. Standesamt Rhaunen /Hunsrück Nr. 96/1889.
Vater: Friedrich Bonn, Zimmermann
Mutter: Karoline Bonn, geb. Demand
Die verstorbene war verheiratet mit dem verstorbenen Landwirt und Müller Heinrich Brauch, wohnhaft zuletzt Hochscheid.
Eingetragen auf schriftliche Anzeige der Ortspolizeibehörde der Stadt Bernkastel-Kues.
Zwischen der 7. und 8. Druckzeile sind ii Schreibworte eingefügt worden.
Der Standesbeamte In Vertretung Brük (?)
Todesursache: Selbstmord durch Erhängen
Eheschließung der Verstorbenen am 17. Mai 1907 in Rhaunen
Standesamt Rhaunen. Nr. 18/1907
Anmerkungen: In der Schanzstraße 24 war seinerzeit das Gefängnis der Stadt. Bei den erwähnten Schreibworten geht es um den Satz und Satzteil: aufgefunden worden. Die genaue Zeit des Todes konnte nicht festgestellt werden.
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Hermann Mosel, Stipshausen (Texte)