Biografie von Johann Holzheu
Holzheu, Johann, geb.23. 2.1895 in Scheuring, ermordet am 5.Mai 1939 im KL Dachau
Johann Holzheu ist am 23. Februar 1895 in Scheuring bei Landsberg geboren.
Er ist das uneheliche Kind von Maria Schmid, geb. Holzheu und einem Schreiner aus Weil, 2 km entfernt von Scheuring.
Seine Mutter Maria heiratet Anfang des 20. Jahrhunderts Josef Schmid und hat mit ihm weitere 8 Kinder: Elisabeth (Jhg. 1904, verst. 1998), Michael (geb. 1905, verst. 1999); Josef (1907, verst. 2001), Maria (geb. 1908, verst. 2010), Kreszenz (geb.1909, verst. 1980), Ottilie (geb. 1913), Clara (geb. 1914) und Jakob (geb. 1915, verst. 1990).
Der Stiefvater Josef Schmid ertrinkt auf tragische Weise am Tag vor Weihnachten 1923 bei Wehrarbeiten am Lech. Erst ein halbes Jahr später wird er aufgefunden.
Als ältester Sohn trägt Johann nach dem tragischen Tod seines Stiefvaters viel Verantwortung. Er ist ein hochintelligenter junger Mann, der überaus zielstrebig, wissbegierig, belesen und vielseitig interessiert ist. Seine schulischen Leistungen sind hervorragend. Die Zeugnisse charakterisieren ihn als „ruhig und schaffensfreudig“, bestätigen ihm „regen Eifer und zielbewusstes Arbeiten“, auch auf der Landwirtschaftsschule schneidet er exzellent ab. Nach der Schule absolviert er zahlreiche Praktika, allesamt mit vorzüglichen Beurteilungen seines Charakters und seiner Leistungen.
Nach der Absolvierung des Kriegsdienstes wird er bei Görisried als Verwalter eingesetzt. In dieser Funktion erstellt er Wirtschafts- und Kulturpläne, ist für die Buchführung verantwortlich, kontrolliert die Feldarbeiten und Aufgaben der Dienstboten. Bei den Erntearbeiten legt er stets selbst Hand an. Der Oberverwalter attestiert ihm mustergültige Arbeit. Die Kunstmühle in Haunstetten leitet er von September 1921 bis Mai 1922 als Ökonomieverwalter. Danach ist er in der Verwaltung der Glaserei Hofiller in Augsburg nachweisbar. Von nun an ist er durchgehend in Augsburg wohnhaft.
Seine Stiefgeschwister bewundern und lieben ihn, weil er für jeden ein gutes Wort hat und anpackt, wann immer Not am Mann ist. Martha erinnert sich daran, dass er stets in weißem Hemd und Lederhose gekommen sei. Sofort habe er im bäuerlichen Betrieb mitgeholfen. Johann sorgt dafür, dass seine Geschwister eine anständige Arbeit erlernen. Seine Stiefschwestern Cenzle, Lisl und Marie bringt er in einem Betrieb in Garmisch unter. In seiner Heimat Scheuring übernimmt er eine Art Vaterrolle. Immer und überall beweist er seine hohe soziale Kompetenz. Als seine Mutter an Nasenkrebs erkrankt, sorgt er dafür, dass sie in Augsburg ärztlich bestens operiert und versorgt wird.
Ab 1923 ist Johann in Augsburg als Buchhalter tätig, er zieht von Haunstetten an den Vorderen Lech 46, von dort zum Maximiliansplatz 8, in die Annastraße 10, dann in die Georgenstraße 3. Er arbeitet auf dem Arbeitsamt und vermittelt in der Zeit der Hochinflation Arbeit. Seine Familie besucht er wann immer es geht.
Am 30.November 1935 kommt Johann wegen seiner sexuellen Veranlagung zum ersten Mal für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Seine Meldekarte trägt den Vermerk: „Achtung. Jede Wohnungsveränderung sofort melden!“ Am 6.Mai 1936 sitzt er abermals im Untersuchungsgefängnis. Schon nach 14 Tagen wird er erneut verhaftet. Die bayerische Politische Polizei begründet die Festnahme mit: „Schutzhaft wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sittlichkeit“. Nach einem Monat Gefängnisaufenthalt wird Johann am 18.Juli 1936 ins KL nach Dachau gebracht und erhält die Häftlingsnummer 10094. Johann ist dort unter unsäglichen Bedingungen eingesperrt und zahllosen Demütigungen ausgesetzt.
Wir müssen annehmen, dass Homosexuelle vom Wachpersonal besonders gedemütigt und an den Pranger gestellt werden. Im April 1939 machen sich die SS-Sadisten einen Spaß daraus, ihn mit kaltem Wasser abzuspritzen. Er muss stundenlang bei schlimmster Kälte im Freien zubringen. Johann erleidet eine Rippenfell- und Lungenentzündung. Die SS-Schergen haben ihn ermordet. Der Totenschein erwähnt neben der Lungenentzündung eine Herz- und Kreislaufschwäche. Johann verstirbt am 5. Mai 1939 im Alter von 44 Jahren. Seine Mutter Maria stimmt der Einäscherung nicht zu und möchte ihn in Scheuring beerdigen. Als der Leichenwagen nach Scheuring einfährt, springen die Kinder, darunter seine Nichte Martha, aus Neugierde hinterher, er hält in der Dorfstraße 125. Der Verstorbene wird in einer ungehobelten Fichtenholzkiste zur Mutter gebracht.
Den Angehörigen wird es untersagt, den Sarg zu öffnen. Aber der Stiefbruder Michael und Josef öffneten ihn dennoch. Johann liegt nackt darin, nur auf Papier gebettet. Seine Mutter Maria muss die Überführungskosten von 300 RM bezahlen.
Zum Hintergrund: Mit der Ermordung Ernst Röhms durch die SS beginnt die Verfolgung der Homosexuellen im NS-Staat. Das von der Gestapo eingerichtete Sonderdezernat II 1S konzentriert seine Aktivitäten auf die Bekämpfung der Homosexualität. Zur Professionalisierung und Institutionalisierung schafft Heinrich Himmler die Reichzentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung.
Auch Hitler sieht in der Homosexualität „entartetes“ Verhalten, das die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes beeinträchtige. Schwule Männer werden als „Volksfeinde“ denunziert. Man unterstellt ihnen, die öffentliche Moral zu zerrütten und will sie in die sexuelle und soziale Konformität zwingen. Daher tritt am 1.9.1935 eine Verschärfung des § 175 des Reichsstrafgesetzbuches in Kraft. Während im Kaiserreich und der Weimarer Republik beischlafähnliche Handlungen für eine Strafbarkeit Voraussetzung waren, genügen nach dem Willen der NS-Gesetzgebung „begehrliche Blicke“ für eine Strafverfolgung. Die „Verführer“ sollen nicht länger auf den rechten Weg gebracht werden, sondern aus der „Volksgemeinschaft“ ausscheiden. Gemäß einem Erlass des RSHA sollen alle Homosexuellen nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in polizeiliche Vorbeugungshaft genommen werden. Im November 1941 ordnet Hitler im „Erlass des Führers zur Reinhaltung von SS und Polizei“ die Todesstrafe für homosexuelle Betätigung von SS und Polizei an. Seit 1935 steigt die Anzahl der Verurteilung homosexueller Männer rapide an. Über 100 000 Männer werden polizeilich erfasst, 50 000 Gerichtsurteile ergehen. Nach Schätzungen werden ca. 10 000 homosexuelle Männer in den NS-KL inhaftiert und müssen dort den rosa Winkel tragen. Im Rahmen von „Umerziehungsmaßnahmen“ kommt es zu Kastrationen, zum zwangsweisen Besuch von KZ-Bordellen in Anwesenheit von SS-Offizieren, ebenso zu medizinischen Experimenten von KZ-Ärzten, z. B. von Carl Vaernet im KZ Buchenwald. Im KZ sollen Schwule, die sich nicht anpassen und ihre sexuelle Orientierung nicht unterdrücken, durch Arbeit umerzogen oder vernichtet werden. Bekannt ist eine gezielte Mordaktion im Außenlager Klinkerwerk des KZ Sachsenhausen, wo von Juli bis September 1942 200 homosexuelle Männer ermordet werden. Auch in Ravensbrück kommen im Frühjahr 1942 auffällig viele homosexuelle Männer ums Leben.
zusammengestellt durch die Stolpersteininitiative Augsburg
Quellen: Stadtarchiv Augsburg 20088 Meldekartei A, Abgabe 2, MK 2 ITS Bad Arolsen, Johann Holzheu, 10663467 KZ Gedenkstätte Dachau, Ermordete Augsburger im KL Dachau, Auskunft vom 25.10.2019. Mündliche Auskunft Martha Brückner am 7. und 12.4.2019
Literatur: Alexander Zinn, „Aus dem Volkskörperentfernt?“ Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus; Frankfurt/New York 2018 Biografie erstellt von Dr. Bernhard Lehmann, StD, 86368 Gersthofen
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