Zum Inhalt springen

Rudolf und Rosa Hirschmann

Biografie von Rosa und Rudolf Hirschmann

Rudolf Hirschmann geb. 6.9.1871 in Augsburg, ermordet im Rahmen der Aktion 14f13 in Hartheim

Rudolf stammt aus einer Metzgerfamilie. Bereits sein Großvater Josef übt den Beruf in Schlipsheim bei Augsburg aus. Weil Anfang der 60-er Jahre nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung aus Schlipsheim abwandert, zieht auch Leopold 1865 nach Augsburg und eröffnet dort mit seiner Frau Mathilde, geb. Gerstle eine Metzgerei in der Katharinen-gasse 15.
Rudolf ist das 5. von insgesamt 10 Kindern des Ehepaares. Einige Geschwister versterben sehr früh, andere ziehen nach Nürnberg und Mainz. Ein Bruder emigriert 1897 in die USA.
Rudolf Hirschmann heiratet am 12. August 1900 in Augsburg die um 9 Jahre jüngere Rosa Levite, die aus Mönchsroth (Landkreis Ansbach) stammt. Nach der Hochzeit wird das Haus in der Katharinengasse 15 von der Mutter für 55 000 Mark auf das Brautpaar Rudolf und Rosa Hirschmann überschrieben. Der Metzgermeister erhält Ende Dezember die Genehmigung für den Verkauf von Fleisch und Wurstwaren, 1909 darf er auch Geflügel verkaufen.
Rudolfs ältester Sohn Leo (geb.1903) wird Ende der Zwanziger Jahre Ingenieur, der zweitgeborene Sohn Ernst (geb. 1908) tritt später in die väterliche Metzgerei ein.
Rudolf Hirschmann hat im I. Weltkrieg gedient und seine Vaterlandsliebe mehrfach unter Beweis gestellt. Infolgedessen sieht er dem Erstarken des Nationalsozialismus relativ gelassen entgegen. Aber die sukzessive Entrechtung macht vor dem verdienten Kriegsteilnehmer nicht halt. Die Metzgerei Hirschmann ist vom Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 betroffen. Durch die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935, wird die Familie diskriminiert, diffamiert und ihr Umgang mit anderen deutschen Bürgern unter Strafe gestellt.
Wie alle Juden müssen die Hirschmanns am 26. April 1938 ihr Vermögen anmelden und Einrichtungsgegenstände, Mobiliar, Schmuck usw. auf den Formularen auflisten. Mit der Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3.12.38 wird allen Juden auferlegt, ihre Gewerbebetriebe zu verkaufen, ihren Grundbesitz zu veräußern und die Wertpapiere bei der Devisenbank zu hinterlegen. Damit ist Rudolf seiner beruflichen Existenz als auch seines Besitzes beraubt.
Am 24.1.1939 muss er sein Anwesen samt Metzgerladen inklusive der Einrichtung und Nebengebäude an die „arische“ Metzgerfamilie Michael und Ida Schäble, wohnhaft in der Schäfflerbachstraße 12 in Augsburg verkaufen. Die OFD München reduziert im Nachhinein den Verkaufspreis am 17.3.1939 auf 27.500 RM.
Dieser Betrag wird auf ein Sperrkonto überwiesen. Von dem Konto werden unverzüglich seine Schulden von 5.618,27 RM bei der Süddeutschen Bodenkredit und der Augsburger Handels- und Gewerbebank abgebucht. Auf dem Sperrkonto bei der Hypobank verbleibt die Summe von 16.371,73 RM. Von dieser Summe werden die Judenvermögensabgabe von 6.600 RM und die Zwangsabgabe von 2.890 RM für die Reichsvereinigung der Juden am 1. April 1942 abgezogen.
Zusätzlich werden die Hirschmanns gezwungen, 1942 für 3000 RM eine Reichsanleihe zu erwerben. Rudolf darf lediglich bis zu 600 RM monatlich zum Lebensunterhalt von seinem Konto entnehmen.
Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnungen seien „mit Gefängnis, in besonderen Fällen mit Zuchthaus sowie mit Geldstrafe“ zu ahnden (§ 69 Abs. I, Ziffer 6 des Devisengesetzes).

Die Familie Hirschmann muss aus der Wohnung im Erdgeschoß ihres Hauses in eine 2 ZK Wohnung im I. Stock umziehen und bezahlen ab den neuen Besitzern Michael und Ida Schäble monatlich 30 RM Mietkosten. Der Kaufvertrag hält fest, dass die Hirschmanns „bis zu ihrer Auswanderung, jedoch nicht über den 1.1.1941 hinaus in der Wohnung verbleiben dürften“. Haben die Hirschmanns ihre Emigration beantragt oder planen die Nazis deren Deportation? Wir wissen es nicht.
Der Betrag auf dem Sperrkonto ist bis April 1942 auf 210 RM geschrumpft. Auch dieser wird vom Finanzamt Augsburg Stadt noch eingezogen. Die Wertpapiere, die Rudolf und Rosa Hirschmann für 8000 Reichsmark erworben hatten, werden nach dem Tod von Rudolf und Rosa Hirschmann am 22.4.1943 von der Deutschen Reichsbank in Berlin eingezogen.
Ein kleines Vergehen genügt den NS-Schergen, um Rudolf Hirschmann ins Konzentrationslager zu bringen. Als Metzger versucht er, sich ohne Lebensmittelkarte Fleisch zu besorgen und wird dabei ertappt. Er wird verhaftet und am 8. August 1941 ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Rudolf Hirschmann ist fast 70 Jahre alt.
Nach dem Stopp der Aktion T-4 dient nun die Tötungsanstalt in Hartheim einem neuen Zweck. Nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge werden dementsprechend in einem sogenannten „Invalidentransport“ nach Hartheim bei Linz verbracht. Rudolf Hirschmann wird mit weiteren Häftlingen aus Dachau am 20. Januar 1942 nach Hartheim deportiert und noch am gleichen Tag vergast.
Unter der „Sonderaktion 14f13“ erfolgt in der Zeit des Nationalsozialismus während der Jahre 1941-1944 die Euthanasie von Häftlingen und Invaliden, die als „krank, alt und nicht mehr arbeitsfähig“ gelten. Häftlinge aus den Konzentrationslagern werden nach einer „Begutachtung“ durch Ärztekommissionen in Tötungsanstalten verbracht. Die Aktion reduziert die Häftlinge auf ihre reine Nützlichkeit als Arbeitskräfte. Im Schloss Hartheim werden insbesondere „nicht arbeitsfähige“ Häftlinge aus den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen ermordet. Die Aktion wird später auf weitere in den Konzentrationslagern internierte Personengruppen (Juden, Sinti, Roma) ausgeweitet.
Die „Sonderbehandlung 14f13“ endet mit dem letzten Häftlingstransport nach Hartheim am 11.Dezember 1944. Annähernd 12.000 Menschen werden im Rahmen dieser Aktion im Schloss Hartheim ermordet.)
Die Witwe Rosa Hirschmann erhält die sterblichen Überreste ihres Mannes in einer Urne zugestellt. In der Todesanzeige werden neben ihr auch ihre beiden Söhne Leo und Ernst genannt, denen 1939 die Emigration in die USA bzw. 1934 nach Palästina gelungen ist.

Rosa Hirschmann, geb. Levite, geb. 3.1.1880 in Mönchsroth bei Ansbach, ermordet in Piaski im April 1942.
Rosa Levite stammt aus Möchsroth aus dem Landkreis Ansbach. Sie und ihr Bruder Josef sind die Kinder aus zweiter Ehe von Elkan Levite und seiner Ehefrau Bertha, geb. Schwarz.
Nach dem Tod Elkans zieht Rosa mit ihrem Bruder und ihrer Mutter 1889 nach Augsburg. Die Mutter ist auf dem jüdischen Friedhof Haunstetter Straße in Augsburg begraben.
Rosa heiratet mit 20 Jahren den Metzgermeister Rudolf Hirschmann. Die beiden übernehmen im August 1900 den Betrieb und das Anwesen von Rudolfs Eltern.
Rosa erlebt gemeinsam mit ihrem Mann Rudolf die fortschreitende Entrechtung und Erniedrigung der gesamten jüdischen Bevölkerung durch die Nazis. Ihr Sohn Leo verlässt Deutschland wohlweislich 1934 in Richtung Palästina. Ab 1938 verlieren die Hirschmanns ihre Lebensgrundlage und ihren gesamten Besitz. Ernst flieht 1939 zuerst nach England, wo er zeitweise als „friendly enemy alien“ interniert wird, dann emigriert er in die USA und baut sich dort ab 1940 in Cleveland/Ohio eine neue Lebensgrundlage auf. Im Jahr 1944 heiratet er eine russische Ärztin und eröffnet einen Spielwarenladen.
Am 4. April 1942, nicht ganz drei Monate nach der Ermordung ihres Mannes Rudolf, wird Rosa Hirschmann gemeinsam mit 986 jüdischen Bürgern, davon 430 aus Augsburg sowie weiteren Juden aus Regensburg und München über das Sammellager Milbertshofen in das Ghetto von Piaski im Distrikt Lublin des Generalgouvernements deportiert. Auf der uns vorliegenden Deportationsliste wird Rosa Hirschmann als Nr. 51 auf der Seite 41 aufgeführt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sie in Piaski ermordet.
Dieser Betrag wird auf ein Sperrkonto überwiesen. Von dem Konto werden unverzüglich seine Schulden von 5.618,27 RM bei der Süddeutschen Bodenkredit und der Augsburger Handels- und Gewerbebank abgebucht. Auf dem Sperrkonto bei der Hypobank verbleibt die Summe von 16.371,73 RM. Von dieser Summe werden die Judenvermögensabgabe von 6.600 RM und die Zwangsabgabe von 2.890 RM für die Reichsvereinigung der Juden am 1. April 1942 abgezogen.
Zusätzlich werden die Hirschmanns gezwungen, 1942 für 3000 RM eine Reichsanleihe zu erwerben. Rudolf darf lediglich bis zu 600 RM monatlich zum Lebensunterhalt von seinem Konto entnehmen.
Zuwiderhandlungen gegen diese Anordnungen seien „mit Gefängnis, in besonderen Fällen mit Zuchthaus sowie mit Geldstrafe“ zu ahnden (§ 69 Abs. I, Ziffer 6 des Devisengesetzes).

Die Familie Hirschmann muss aus der Wohnung im Erdgeschoß ihres Hauses in eine 2 ZK Wohnung im I. Stock umziehen und bezahlen ab den neuen Besitzern Michael und Ida Schäble monatlich 30 RM Mietkosten. Der Kaufvertrag hält fest, dass die Hirschmanns „bis zu ihrer Auswanderung, jedoch nicht über den 1.1.1941 hinaus in der Wohnung verbleiben dürften“. Haben die Hirschmanns ihre Emigration beantragt oder planen die Nazis deren Deportation? Wir wissen es nicht.
Der Betrag auf dem Sperrkonto ist bis April 1942 auf 210 RM geschrumpft. Auch dieser wird vom Finanzamt Augsburg Stadt noch eingezogen. Die Wertpapiere, die Rudolf und Rosa Hirschmann für 8000 Reichsmark erworben hatten, werden nach dem Tod von Rudolf und Rosa Hirschmann am 22.4.1943 von der Deutschen Reichsbank in Berlin eingezogen.
Ein kleines Vergehen genügt den NS-Schergen, um Rudolf Hirschmann ins Konzentrationslager zu bringen. Als Metzger versucht er, sich ohne Lebensmittelkarte Fleisch zu besorgen und wird dabei ertappt. Er wird verhaftet und am 8. August 1941 ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht. Rudolf Hirschmann ist fast 70 Jahre alt.
Nach dem Stopp der Aktion T-4 dient nun die Tötungsanstalt in Hartheim einem neuen Zweck. Nicht mehr arbeitsfähige KZ-Häftlinge werden dementsprechend in einem sogenannten „Invalidentransport“ nach Hartheim bei Linz verbracht. Rudolf Hirschmann wird mit weiteren Häftlingen aus Dachau am 20. Januar 1942 nach Hartheim deportiert und noch am gleichen Tag vergast.
Unter der „Sonderaktion 14f13“ erfolgt in der Zeit des Nationalsozialismus während der Jahre 1941-1944 die Euthanasie von Häftlingen und Invaliden, die als „krank, alt und nicht mehr arbeitsfähig“ gelten. Häftlinge aus den Konzentrationslagern werden nach einer „Begutachtung“ durch Ärztekommissionen in Tötungsanstalten verbracht. Die Aktion reduziert die Häftlinge auf ihre reine Nützlichkeit als Arbeitskräfte. Im Schloss Hartheim werden insbesondere „nicht arbeitsfähige“ Häftlinge aus den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen ermordet. Die Aktion wird später auf weitere in den Konzentrationslagern internierte Personengruppen (Juden, Sinti, Roma) ausgeweitet.

Quellen:
KZ Gedenkstätte Dachau Haftkategorie: Jude, Schutzhäftling Nr. 26887;
ITS Bad Arolsen, Nr 1084;
Stadtarchiv Augsburg, MK 2 Rudolf Hirschmann
Staatsarchiv Augsburg, Wiedergutmachungsakte AZ V 123587-a31649/79 b(2) Rosa und Rudolf Hirschmann, Augsburg
Literatur:
Kłodziński, Stanisław: Die „Aktion 14f13“. Der Transport von 575 Häftlingen von Auschwitz in das „Sanatorium Dresden“. in: Götz Aly (Hrsg.): Aktion T4 1939–1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4;
Kepplinger Brigitte, Marckhgott, Gerhart, Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2.Auflage Linz, 2008
Ley, Astrid: Vom Krankenmord zum Genozid. Die „Aktion 14f13“ in den Konzentrationslagern, in: Dachauer Hefte, 25 (2009), S. 36–49.
Neugebauer, Wolfgang: Die „Aktion T4“, in: Kepplinger, Brigitte, Marckhgott, Gerhart, Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2. Auflage Linz, 2008, S. 17-34;
Gernot Römer (Hg.), „An meine Gemeinde in der Zerstreuung.“ Die Rundbriefe des Augsburger Rabbiners Ernst Jacob 1941 – 1949 (Material zur Geschichte des Bayerischen Schwaben, Bd. 29), Augsburg 2007.
Schwanninger, Florian: „Wenn du nicht arbeiten kannst, schicken wir dich zum Vergasen.“ Die „Sonderbehandlung 14f13“ im Schloss Hartheim 1941–1944, in: Kepplinger Brigitte, Marckhgott, Gerhart, Reese, Hartmut (Hrsg.): Tötungsanstalt Hartheim, 2.Auflage Linz, 2008, S. 155-208.

Medien

Fotos

Video

Kostenlos dank Ihrer Hilfe

Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.

Unterstützen

Stolpersteine in der Nähe

Alle Stolpersteine in Augsburg

Quellen & Impressum

Initiativkreis Stolpersteine für Augsburg und Umgebung

c/o Thomas Hacker
Gutenbergstr. 15
86356 Neusäß

Email: info@stolpersteine-augsburg.de