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Irene Winter

Biografie von Irene Winter

Irene Winter erlebte ihren dritten Geburtstag nicht

Mutter Martha Winter wird am 06. Januar 1919 - ein halbes Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges - in Stuttgart geboren.

Bereits zwanzig Jahre vor ihrer Geburt hat sich der Fabrikant Wilhelm Julius Teufel, seit 1862 Hersteller von Leibbinden und Korsetten, vom Architekturbüro Schmohl & Stähelin in Stuttgart, die später u.a. den Hindenburgbau planen, ein prächtiges, schlossartiges Fabrikgebäude in der Neckarstraße errichten lassen. Nach Ende des Ersten Weltkrieges hat Teufel angesichts der unzähligen „Kriegsversehrten“, die Gliedmaßen verloren haben, seine Produktpalette und seine Produktion auf gestrickte Stumpfstrümpfe in unterschiedlichem Material und Maßen erweitert.

Als die neunzehnjährige Martha Winter am 24. November 1938 als Arbeiterin in der Spezialweberei Teufel angestellt wird, unterhält der Betrieb bereits Filialen in Paris, New York, Athen und St. Petersburg. Das Produktangebot wird ausgebaut und erweitert: Die Herstellung von Prothesen wird ein eigener Entwicklungs- und Produktionsbereich. Für die Holz- und Metallarbeiten werden weitere Fachkräfte und Angelernte benötigt.

Martha Winter lernt den acht Jahre älteren Kurt kennen. Die beiden finden eine kleine Wohnung im Rückgebäude der nahen Hackstraße 24 , in der sie zur Untermiete wohnen können.

Als deutsche Sintizza weiß Martha Winter genau, dass sie für eine Heirat mit Kurt ein Ehetauglichkeitszeugnis beim Erbgesundheitsgericht beantragen muss und dass es unmöglich sein wird, dieses zu bekommen. Sie kennt das am 14. November 1935 verabschiedete „ Blutschutzgesetz“ genau, nachdem grundsätzlich alle „Mischehen“ verboten sind. Den Satz, dass „zur Reinerhaltung des deutschen Blutes“ zwischen „Ariern“ und Juden, „Zigeunern, Negern und ihren Bastarden“ eheliche und außereheliche Kontakte unterbunden werden, bewegt sie in ihrem Herzen und hat ihn vermutlich auch im Kopf als sie schwanger wird.

Bereits zu ihrem 18. Geburtstag hatte das Jugendamt Stuttgart erfolglos ihre Sterilisierung beantragt. Warum das Erbgesundheitsgericht diesem und einem drei Jahr später erneut vom Jugendamt gestellten Antrag nicht entspricht, weiß Martha nicht, doch es scheint ihr ein großes Glück: Sie wird schwanger und wissend, dass dies als „Rassenschande“ gilt und ihr so Gefängnis und Zuchthaus drohen, bringt sie am 31. Juli 1940 in einer Cannstatter Arztpraxis ihr Kind zur Welt. Nach der Göttin des Friedens und der sittlichen Ordnung nennt sie ihre Tochter Irene.

Der Zweite Weltkrieg dauert bereits 11 Monate an, als Kurt und Martha anlässlich der Geburt ihres Kindes erfolglos versuchen zu heiraten: Sie wollen ihr Aufgebot bestellen , doch der Standesbeamte lehnt die Eheschließung ab und das Gesundheitsamt stellt das erforderliche Ehetauglichkeitszeugnis nicht aus.

Als bei Irene im Säuglingsalter eigentlich das Urvertrauen geprägt werden soll, beginnen am 25. August 1940 die Luftangriffe auf Stuttgart: Untertürkheim und das nur ein Kilometer entfernte Gaisburg sind die ersten Ziele. Bei dem Angriff von etwa 20 Bombern kommen vier Menschen ums Leben, fünf werden verwundet.
Möglicherweise sind auch Kurt, Martha und Irene unter den Stuttgartern, deren Sonntagsspaziergang am folgenden Wochenende zu dem beschädigten Haus in Gaisburg führt. Diese Kriegserfahrung passt nicht mehr zu den Berichten und dem Freudentaumel des Frankreichfeldzuges.

Die kleine Irene ist bereits ein dreiviertel Jahr alt, der Krieg dauert schon 20 Monate, drei Bombenangriffe haben Stuttgart erschüttert, als Martha Winter es allen Gefahren zum Trotz am 2. Mai 1941 erneut wagt, beim Erbgesundheitsgericht ein Ehetauglichkeitszeugnis zu beantragen - Irene soll ein eheliches Kinder ihrer Liebe zu Kurt sein, in einer anerkannten Familie aufwachsen und den Namen ihres Vaters tragen. Die Heirat wird nicht erlaubt. Es kommt also auch nicht zu der damals üblichen „Kriegstrauung“ mit einem Standesbeamten, der die Hakenkreuzbinde am Arm trägt, kommen.

Auf Anordnung Himmlers dürfen Sinti seit Beginn des Krieges ihren Wohnsitz nicht mehr verlassen. Ab Kriegsbeginn sind Kraftfahrzeuge, die eine Fahrerlaubnis bekommen, mit einem roten Winkel am Nummernschild gekennzeichnet, andere Fahrzeuge dürfen nicht mehr verwendet werden . Alle rotbewinkelten Fahrzeuge müssen zur Tarnung vor Luftangriffen mit einem BOSCH-Tarneinsatz bestückt sein .

Seit dem 3. Dezember 1938 ist es Juden und anderen Minderheiten verboten, Autos zu fahren oder zu besitzen. Führerscheine und KfZ-Papiere müssen bis spätestens 31. Dezember 1938 zurückgegeben werden.

Martha Winter spürt deutlich die Gefahr für sich und ihr Kind. „Mein Aussehen als Zigeunerin ist mir überall, wo ich mich bewegte, zum Verhängnis geworden, auf der Straße und im Betrieb. Wenn ihr nicht gut tut, dann wisst ihr ja, wo ihr hinkommt, war eine stehende Redensart, die ich immer wieder hören musste und die mich mit Angst erfüllte,“ beschreibt Martha Winter, eine der wenigen Überlebenden von Auschwitz, Jahre später in einem Gespräch ihre Situation.
Sie entschließt sich, mit ihrem Kind Stuttgart zu verlassen. Ihr letzter Stuttgarter Aufenthaltsnachweis ist ein vom 05. März 1942 datierter Strafbefehl des Amtsgerichts Stuttgart in Höhe von 20 Reichsmark wegen unerlaubter Benutzung eines bewinkelten Fahrzeuges.

Martha und Irene Winter fliehen im Frühjahr 1942 in die seit 1940 annektierte lothringische Stadt Metz und wohnen illegal in der historischen Altstadt in der Klosterstraße 9 in Sichtweite der Kathedrale. Martha Winter bringt Irene im Kindergarten der Nationalen Volksfürsorge (NSV) unter. Ihren Unterhalt verdient sie als Bedienung, in der Freizeit arbeitet sie in der NSV-Waschküche um ihrem Kind den Kindergartenplatz zu sichern.
Möglicherweise lernt die kleine Irene, die nun ihre ersten Worte sprechen kann, von den dortigen Kindergärtnerinnen das NSV-Motto: “Händchen falten, Köpfchen senken - immer an den Führer denken. Er gibt euch euer täglich´ Brot und rettet euch aus aller Not.“ Irene erlebt den zweiten und zugleich letzten Geburtstag ihres kurzen Lebens im für sie und ihrer Mutter keineswegs sicheren Metz.

Die Behörden in Stuttgart bemerken Ende Oktober 1942 die Flucht. Die Kripo Stuttgart schreibt Martha Winter im Fahndungsverzeichnis zur Festnahme aus. Seit Oktober 1939 stellt das Verlassen des Wohnorts ohne polizeiliche Genehmigung einen Grund für die Einweisung in ein Konzentrationslager dar. Am 5. März 1943 wird Martha Winter verhaftet und im Polizeigefängnis Metz-Woppingen in „Vorbeugehaft“ genommen. Irene wird zunächst weiterhin im NSV-Kinderheim verpflegt. Nach der Überstellung von Martha Winter in das Polizeigefängnis Stuttgart in der Büchsenstraße wird Irene vorläufig ihrer Großmutter Therese Kurz in Bad Cannstatt übergeben, doch am 15. März 1943 müssen die Verwandten die kleine Irene zum Notgefängnis am Stuttgarter Hauptbahnhof bringen und dort abgeben.
Ihre Mutter wird aus dem berüchtigten Polizeigefängnis „Büchsenschmiere“ ebenfalls zum Bahnhof gebracht. Adolf Scheufele, Leiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ in Stuttgart erkundigt sich persönlich, ob Irene Winter angekommen ist.

Am Abend des 15.3.1943 findet die Deportation vom Güterbahnhof Stuttgart statt: In Viehwaggons werden 234 Sinti aus ganz Württemberg von Stuttgart aus nach Auschwitz verschleppt. Von diesen 234 Menschen überleben nur 27 das Vernichtungslager. Unter den Verschleppten befinden sich auch 36 Frauen, Männer und Kinder, die bereits am 13. März 1943 aus Ravensburg deportiert wurden. Hildegard Franz, die das Lager überlebte, berichtet später: “Sie brachten viele, viele Menschen von überall her, es waren einige Hundert Menschen. Es kann sich niemand vorstellen, was sich dort abspielte. Noch am gleichen Abend ging unser Transport von Stuttgart nach Auschwitz, jetzt aber in Viehwaggons. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Fahrt gedauert hat. Zwei oder drei Nächte waren es. Wir sind spät abends oder nachts, es war schon dunkel, in Auschwitz-Birkenau angekommen. Nach dem Öffnen der Waggons sah man überall die Scheinwerfer, die alles beleuchteten.“

„Der erste Eindruck, den wir von Auschwitz bekamen, war schrecklich, es war dunkel als wir angekommen sind. Ein riesiges Gelände, doch man hat nur die Lichter gesehen. Die Nacht mussten wir in einer großen Halle auf dem Fußboden verbringen. Am frühen Morgen mussten wir in das Lager marschieren. Dort hat man uns erstmal die Häftlings-nummern in den Arm tätowiert und die Haare abgeschnitten. Die Kleider, die Schuhe und die wenigen Dinge, die wir noch dabei hatten, wurden uns weggenommen,“ beschreibt die ehemalige Stuttgarterin Elisabeth Guttenberger, die mit ihrer Familie im März 1943 von München nach Auschwitz deportiert worden ist, ihre Ankunft in dem von Februar 1943 bis August 1944 bestehenden Abschnitt B IIe des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, dem die Nazis den Namen „Zigeunerlager“ geben.

Nach den Qualen des Transports, bei dem sie mit Menschen im Alter zwischen zwei Monaten und 83 Jahren in Viehwaggon gestopft waren, wird Martha Winter nach ihrer Ankunft die Häftlingsnummer Z-7809 eintätowiert, danach ihrer Tochter Irene Winter die Nummer Z-7810. Die Nazis pflegen Umsicht im Verwaltungshandeln nicht zuletzt in ihren Vernichtungslagern – jeder wird im Hauptbuch des Lagers registriert.

Martha Winter muss wie alle Sinti den schwarzen Winkel, mit dem die Nazis sogenannte „Asoziale“ kennzeichnen, tragen. Irene Winter kann zunächst bei ihrer Mutter bleiben.
Die miserablen Hygieneverhältnisse im Lager, kaum Waschgelegenheiten, seltene Leerung der Latrinen, und der ständige Hunger aufgrund der Mangelernährung führen rasch zu gefährlichen Erkrankungen und häufig zum Tod vor allem der Jüngsten. Als Irene Winter am 26. April 1943 an den menschenunwürdigen Zuständen im Lager erkrankt, wird sie von ihrer Mutter getrennt und in den „Krankenbau“ verlegt. In dem Bau kümmern sich zu dieser Zeit 30 Häftlingsärzte ohne ausreichende Medikamente und Verbandsmaterialien um die 400 bis 600 Kranken. Ab dem 24. Mai 1943 arbeitet der neue Lagerarzt Dr. Josef Mengele dort in Verantwortung für den Krankenblock und richtet im Nachbarblock ein Labor ein, in dem er menschenverachtende Versuche an Häftlingen, grausame Experimente an Zwillingen, Selektionen, Sterilisationen, Transplantationen und Tötungen vornimmt.

Was in den acht Wochen unter der Verantwortung des Lagerarztes Dr. Josef Mengele mit der zweieinhalbjährigen Irene Winter geschieht, die im Krankenblock von ihrer Mutter getrennt ist, ist nicht bekannt. Dr. Josef Mengele stellt am 26. Juni 1943 den Totenschein für Irene Winter aus. Ihr Leichnam wird in einem der Krematorien von Auschwitz verbrannt.
Irene Winter stirbt damit zehn Monate vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee. Sie wird nur 2 Jahre, 10 Monate und 26 Tage alt - sie ist dem barbarischen Rassismus der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen.

In Gedenken an Irene Winter mahnt der für sie am 5. Oktober 2009 von der Stolpersteininitiative Stuttgart-Ost verlegte Stolperstein in der Hackstr. 24 an den Einsatz für eine menschenwürdige Gegenwart und Zukunft und für Kinderrechte.

Recherche: Stephan Janker, Gudrun Greth
Der Text von Gudrun Greth ist ein Kapitel im Buch „ Zehn Jahre Stolpersteine: Ein bürgerschaftliches Projekt zieht Kreise“.

Quellen:
Benz, Wolfgang und Distel, Barbara (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck Verlag, München 2007.
Greth, Gudrun D.: Bildungsarbeit im Einwandererviertel: Erfahrungsbericht aus der Grund- und Hauptschule Ostheim in Stuttgart. In: Lässig, Simone (Hrsg.): Historisch-politische Bildung in der bundesdeutschen Einwanderungsgesellschaft. Zeitschrift des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung, 28. Jahrgang, Heft 4. Verlag Hahnsche Buchhandlung 2006.
Janker, Stephan M.: Faltblatt Stolperstein-Verlegung für Irene Winter (1940-1943) in der Hackstr. 24 in Stuttgart, Stolperstein-Initiative Stuttgart-Ost 2009.
Landeshauptstadt Stuttgart (Hrsg.): Stuttgart im Zweiten Weltkrieg, Bleicher Verlag Gerlingen 1989.
Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg: Gedenkbuch: Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz Birkenau. Saur-Verlag, München u. a. 1993.
Stingele, Harald und Die Anstifter (Hrsg.): Spuren vergessener Nachbarn. Ein Kunstprojekt füllt Gedächtnislücken. Markstein Verlag für Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Filderstadt 2006.
Strauß, Daniel (Hrsg): … weggekommen. Berichte und Zeugnisse von Sinti, die die NS-Verfolgung überlebt haben. Berlin 2000.
Weiß, Harald: Stuttgart, deine Stolpersteine. DVD, Stuttgarter Stolperstein-Initiativen 2011.

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