Zum Inhalt springen

Clara und Hanny und Siegmund Cohen

Biografie von Siegmund, Hanny und Clara Cohen

Sieg­mund Co­hen wur­de im Jahr 1871 in Os­ter­holz-Scharm­beck ge­bo­ren und war ein Sohn von Mey­er Co­hen, ei­nem an­ge­se­he­nen Os­ter­hol­zer Kauf­mann und Mit­be­grün­der des Os­ter­hol­zer Ern­te­fes­tes. Er be­such­te zunächst die jü­di­sche Ele­men­tar­schu­le, dann die Mit­tel­schu­le und ging ab 1884 zum Re­al­gym­na­si­um zu Ve­ge­sack. Ab 1897 be­trieb er ein Ma­nu­fak­tur- und Be­klei­dungs­ge­schäft in der Bahn­hof­stra­ße 37 (ehem. 354).

Sieg­mund hei­ra­te­te die eben­falls 1871 ge­bo­re­ne Cla­ra As­sen­hei­mer aus Ot­ters­berg. Ihre Schwes­ter Flo­ra war mit Sieg­munds Bru­der Al­fred ver­hei­ra­tet, der das Tex­til­ge­schäft des Va­ters in der Ho­he­tor­stra­ße über­nom­men hat­te. Die Fa­mi­lie war gut in die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft von Os­ter­holz-Scharm­beck in­te­griert. Ihre Kin­der Erich, Jg.1900 und Han­ny Jg. 1905 hal­fen nach der Schu­le im La­den. Bei­de be­such­ten zu­erst die jü­di­sche Schu­le in der Syn­ago­ge und dann die Mit­tel­schu­le. Auch Han­ny be­kam eine hö­he­re Schul­bil­dung und ging ab 1918 zum „Städ­ti­schem Ly­ze­um“ in Bre­men. Erich ver­ließ die Fa­mi­lie schon 1924 und wan­der­te 1936 nach Süd­afri­ka aus.

Sieg­mund war Kriegs­in­va­li­de und zog sich schon 1932 aus dem Ge­schäft zu­rück und über­gab es an sei­ne Toch­ter Han­ny.

Der staat­lich an­ge­ord­ne­te Boy­kott jü­di­scher Lä­den am 1.4.1933 und die SA Schi­ka­nen vor den Schau­fens­tern führ­ten den schon vor­her an­ge­schla­ge­nen Be­trieb in die In­sol­venz. 1934 muss­te das Haus zwangs­ver­stei­gert wer­den und ging an die Fir­ma Mey­er­hoff. Han­ny mie­te­te im Haus Nr. 41 an der Ecke zum Klos­ter­kamp ei­nen Raum und er­öff­ne­te ein klei­nes Tex­til­ge­schäft. Mit ih­ren El­tern zog sie in die Lin­den­stra­ße 6, wo sie bei Al­fred Schmarr zur Mie­te wohn­ten.

Die Lage der letz­ten Ju­den in Os­ter­holz-Scharm­beck ver­schlech­ter­te sich zu­se­hends durch neue Auf­la­gen aus dem Reichs­bür­ger­ge­setz. Hin­zu ka­men die öf­fent­li­chen De­mü­ti­gun­gen von der Be­völ­ke­rung. Die Stim­mung ent­lud sich im Po­grom am 9.11.1938.

In die­ser Nacht wur­den die Os­ter­holz-Scharm­be­cker Jüd*in­nen in ih­ren Woh­nun­gen be­droht, miss­han­delt und teil­wei­se schwer ver­letzt. Die Po­li­zei schau­te zu und ver­haf­te­te nicht die Tä­ter, son­dern die Op­fer. In den jü­di­schen Wohn­häu­sern und Ge­schäf­ten wur­den die Ein­rich­tung und die Fens­ter zer­trüm­mert. Am nächs­ten Mor­gen la­gen die Grab­stei­ne des jü­di­schen Fried­hofs her­aus­ge­ris­sen am Bo­den und in der ver­wüs­te­ten Syn­ago­ge in der Bahn­hof­stra­ße hing noch der Ge­ruch ei­ner ver­such­ten Brand­stif­tung.

Eine Hand­voll SA-Män­ner drang auch in das Haus in der Lin­den­stra­ße. Sie hat­ten sich am Abend auf ei­ner Hit­ler-Putsch Fei­er in der Cen­tral Hal­le Mut an­ge­trun­ken und schlu­gen den 67 jäh­ri­gen Sieg­mund Co­hen so schwer zu­sam­men, dass er am 20. No­vem­ber 1939 an den Fol­gen starb. Eine me­di­zi­ni­sche Be­hand­lung be­kam er nicht, die wur­de Ju­den nicht ge­währt. – Der ein­zi­ge Mensch, der ihm hät­te hel­fen kön­nen, sein Bru­der Ri­chard, war ein hal­bes Jahr zu­vor ge­stor­ben. Kurz vor­her hat­te er ei­nen Sui­zid­ver­such über­lebt. Ri­chard war ein be­lieb­ter Scharm­be­cker Arzt, dem als Fol­ge der Het­ze und Schi­ka­nen ge­gen jü­di­sche Ärzte die Pa­ti­en­ten weg­blie­ben.

Für Sieg­mund wur­de eine öf­fent­li­che Trau­er­fei­er un­ter­sagt, nicht ein­mal ei­nen Grab­stein durf­te der letz­te in der Stadt be­stat­te­te Jude be­kom­men. Über­lie­fert ist, dass ein Stein mit dem Na­men „Hein Gold­berg“ die Grab­stel­le kenn­zeich­net. Die Tä­ter, die alle samt aus Scharm­beck stamm­ten, wur­den in der Nach­kriegs­zeit nicht an­ge­klagt. Ihre Na­men wur­den ver­schwie­gen und sind heu­te ver­ges­sen.

Im No­vem­ber 1940 muss­te Han­ny mit ih­rer Mut­ter nach Bre­men in das Ju­den­haus in der El­sas­ser Stra­ße 114 zie­hen. Dort lern­te sie den 1883 ge­bo­re­nen Bern­hard Mey­er ken­nen und die bei­den hei­ra­te­ten. Nur drei Mon­te spä­ter, am 18. No­vem­ber 1941 wur­den sie mit 570 wei­te­ren Men­schen aus Bre­men und dem Kreis Sta­de „zum Ar­beits­ein­satz in den Os­ten eva­ku­iert“. Zu­vor hat­te man ih­nen alle Gü­ter ab­ge­nom­men und sie eine Er­klä­rung un­ter­schrei­ben las­sen, dass sie „Fein­de der Deut­schen Re­gie­rung sei­en und alle Rech­te und Be­sitz ver­lie­ren“. Han­ny muss­te nun mit ih­rem Mann und ih­rer Mut­ter eine 5 tä­gi­ge Zug­rei­se mit für sie un­be­kann­tem Ziel an­tre­ten. Im sel­ben Trans­port wa­ren auch ihre Cou­si­ne Hen­ny und wei­te­re aus Os­ter­holz-Scharm­beck aus­ge­wie­se­ne Ju­den, wie die Da­vid­sohns, Hei­de­manns und Mey­er-Ro­sen­hoffs.

Es ging nach Minsk, in das über­füll­te Ghet­to im Nord-Wes­ten der In­nen­stadt. Eine Wo­che vor­her wa­ren dort über 10000 weiß­rus­si­sche Ju­den kalt­blü­tig er­mor­det wor­den, um Platz für die An­kömm­lin­ge zu schaf­fen. Dort wur­den sie zum Ar­beits­ein­satz in der zer­stör­ten Stadt ge­zwun­gen und leb­ten zu­sam­men­ge­pfercht und hun­gernd in den un­be­heiz­ten Woh­nun­gen.

Han­nys Mut­ter hat, wie die meis­ten Al­ten und Schwa­chen den kal­ten Win­ter 1941 wahr­schein­lich nicht über­stan­den, mög­li­cher­wei­se aber Han­ny und Hen­ny. Doch mit der Wann­see­kon­fe­renz im Früh­jahr 1942 war ihr Schick­sal wie das al­ler Ju­den be­sie­gelt und ihre Er­mor­dung be­schlos­sen. Wer bis zum Som­mer 1942 über­leb­te hat­te, fand schließ­lich sei­nen Tod am 28. und 29. Juli im Gas­wa­gen oder durch die Er­schie­ßun­gen an den Gru­ben in Maly Tros­te­nez im Sü­den von Minsk.

Verf.: An­dre­as Ot­ter­stedt

Quel­len:

Klaus Beer, Ein Denk­mal für Fa­mi­lie Co­hen

Ilse Schrö­der, Jü­di­sche Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Os­ter­holz-Scharm­beck

Kreis­ar­chiv Os­ter­holz-Scharm­beck

Schü­ler­haupt­ver­zeich­nis der Öffent­li­chen Mit­tel­schu­le

Medien

Fotos

Kostenlos dank Ihrer Hilfe

Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.

Unterstützen

Stolpersteine in der Nähe

Alle Stolpersteine in Osterholz-Scharmbeck

Quellen & Impressum

Stolperstein Initiative Landkreis Osterholz e.V.

c/o Hartmut Oberstech
Im Brook 11
27711 Osterholz-Scharmbeck
email: mail@stolpersteineohz.de

1. Vorsitzender Manfred Bannow / Tel: 0152-28940198 / email: m.bannow@t-online.de

www.stolpersteineohz.de