Biografie von Anni Knipp-Gustavsson
Geb. 21.10.1907 in Hambergen
• 1937 in Schutzhaft genommen
• 1939 verschleppt ins Frauen KZ Ravensbrück
• 1943 Als KZ-Häftling arbeitete sie für Dr. Felix Kersten auf dem Gut Hartzwalde nördlich von Berlin.
• 1944 Dr. Kersten arrangiert Ausreise nach Schweden mit Himmlers Erlaubnis
• 1956 / 1996 Zeitungsinterview Schweden
• 4.9.1997 in Schweden verstorben
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Aus der Rede zur Stolpersteinverlegung von Mike Albien om 11.7.2025 in Hambergen
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Liebe Anwesende,
liebe Gäste
liebe Familie, die aus Schweden, USA und hier aus einigen Städten aus Deutschland anwesend sind.
Am 11. April 2024 wurde im Samtgemeinderat Hambergen einstimmig beschlossen, dass auch hier in der Samtgemeinde Hambergen an diese Erinnerungskultur angeknüpft wird.
Mit dieser Verlegung hier (Haupstr. 42), wird an Anni Knipp-Gustavsson erinnert.
Anni Knipp wurde hier in Hambergen 1907 geboren, hat in diesem Haus, hier hinter uns, viele Jahre gewohnt und ist hier aufgewachsen.
Anni Knipp wurde 1937 in sog. "Schutzhaft" genommen, 1938 in einem Schauprozess in Hamburg verurteilt und im Juli 1939 verschleppt in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bei Berlin.
Was war ihr "Vergehen"?
Anni Knipp hat Widerstand aus christlicher Überzeugung geleistet, weil sie zu ihren christlichen Prinzipien gestanden hat. Sie wurde deswegen vom Oberstaatanwalt beim Sondergericht in Hamburg gemäß der Anklageschrift vom 26. Februar 1938 angeklagt, sich in den Jahren 1934-1937 illegal an den Aktivitäten der „Internationalen Bibelforscher Vereinigung“, wie Zeugen Jehovas damals genannt wurden, trotz Verbot von 1933, beteiligt zu haben. Zu Annis Widerstandshandlungen gehörten u.a. Flugblattaktionen, welche die Machenschaften der NS-Diktatur bloßstellten, die natürlich im Untergrund ausgeübt wurde. Die Gruppe war ebenfalls aufgefallen, weil sie den Wehrdienst verweigerten und den Hitler-Gruß kategorisch ablehnten.
Aber was steht hier NICHT auf dem Stein?
Ja, sie hat überlebt. - Ja - Ihr wurde im September 1944 zur Flucht nach Schweden verholfen.
Aber was hier NICHT steht, ist, was es bedeutete, diese vielen Jahre ungerechterweise, und nur für das Ausleben christlicher Prinzipien verhaftet und verschleppt zu werden.
Und nicht nur das, was hier NICHT steht, ist, welche Ängste, welche Todesangst damit verbunden waren.
Was hier ebenfalls NICHT steht, ist, was es bedeutete Tag für Tag einem Druck ausgesetzt zu sein, der unmenschlicher nicht sein konnte, wenn man in einem Konzentrationslager wie dem in Ravensbrück war.
Was hier NICHT steht, ist, was es bedeutete, mit ansehen zu müssen, wie Mitgefangenen und sie selbst gefoltert wurden. Unter anderem die Tortur im schweren Winter von 1942. Nackt, ohne Essen und das bei Minustemperaturen, mit vielen Frauen eingepfercht zu sein, weil sie sich geweigert hatten Kriegsausrüstung herzustellen.
Was hier auch NICHT steht, ist, welche tiefen seelischen Narben, das bei ihr hinterlassen hat, bei ihren Freunden, bei ihren Freundinnen und möglicherweise auch später bei Ihrer Familie? Von Ihrem Sohn weiß ich: Es habe ihre Gefühle nicht beeinflusst, sagte sie, sie sei diesbezüglich nie sentimental gewesen, weil sie die Hintergründe kannte. Sie habe immer gesagt, sie wisse, warum sie dies ertragen hat.
Was hier auch NICHT steht, ist, wie es zu dieser spektakulären Flucht nach Schweden kam.
Anni Knipp wurde gezwungen von 1943 an in einen Haushalt für die Familie Kersten außerhalb des KZ Ravensbrück Zwangsarbeit zu leisten u.a. als Kindermädchen. Es war der Leibarzt Himmlers, Dr. Felix Kersten, der Anni Knipp fragte, ob sie mit der Familie nach Schweden gehen wolle – wohlgemerkt als Insassin eines Konzentrationslagers (!) –, und ihr einen von Himmler persönlich unterzeichneten deutschen Reisepass besorgte, der es ihr ermöglichte, im September 1944 als Kindermädchen seiner Söhne getarnt und als Haushälterin nach Schweden zu fliehen. Sie arbeitete noch bis März 1947 für die Familie Kersten. Und in der Folge tatsächlich in Freiheit zu leben, ihren Mann kennenzulernen, eine Familie zu gründen und ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Und später immer wieder hierher nach Hambergen zu reisen, um Verwandte und Freunde zu besuchen, die sie in der Gefangenschaft kennengelernt hatte.
Aber eines Tages geschah folgendes:
Ihr Sohn berichtete uns folgendes: „In den 1970er Jahren sahen meine Mutter und ich die Nachrichten im Fernsehen, in denen berichtet wurde, dass Folke Bernadotte mit Himmler eine Vereinbarung über die „Weißen Busse“ getroffen habe.“
Meine Mutter sagte, das sei nicht richtig, sondern Dr. Kersten und einige der engsten Vertrauten Himmlers, Dr. Brandt, Himmlers persönlicher Sekretär, General Schellenberg und General Berger, hätten geplant, wie sie Himmler dazu bringen könnten, das gesamte Projekt der „Weißen Busse“ zu akzeptieren. Später wurde auch ein Sprecher der weltweiten jüdischen Organisation einbezogen.
Ich fragte meine Mutter: „Woher weißt du das alles?“ Ihre Antwort: „Ich habe an den Abenden, an denen sie es planten, bedient, also habe ich alles mitgehört. Das war schon im Herbst 1943, Folke Bernadotte war erst im Februar 1944 daran beteiligt.“
Mit dieser Aussage von Anni Knipp begann die Recherche, über Ihr Leben, über das zusammentragen von Artefakten, wie wir sie heute in der Biografie wieder finden können, die 2021 in schwedisch und englisch veröffentlicht wurde. (Co-Autor: Alf Blomqvist aus Schweden, heute leider nicht anwesend)
Und Hans-Gunnar Gustavsson ergänzt: „Als ich 1999 an der Universität Uppsala interviewt wurde, begann Paul A. Levine, (Paul A. Levine, in den USA geboren, lebt seit 12 Jahren in Stockholm. Er wirkt als Assistenzprofessor am Zentrum für multiethnische Forschung der Universität Uppsala im Programm für Holocaust- und Genozid-Studien.) einer der Autoren des Buches „Tell Ye Your Children…“, den Nachmittag an der Universität mit folgenden Worten (Zitat): „Die Geschichte, die wir heute hören werden, ist völlig einzigartig und muss erzählt und weitergegeben werden, denn sie handelt von einer Gruppe von Menschen, die sich gegen Hitler und die Nazis auflehnten und sich weigerten, den Treueeid auf Hitler zu leisten. - Das Einzige, was sie tun mussten, war, ein Papier zu unterschreiben, in dem sie ihrem Glauben abschworen, dann durften sie wieder in die Gesellschaft zurückkehren. Es handelte sich dabei (...) um (...) Zeugen Jehovas. Ich bitte Sie dringend, sehr aufmerksam zuzuhören, denn es ist eine völlig einzigartige Geschichte.“ (Zitat Ende)
Und es ist einem Zufall zu verdanken, dass wir hier heute überhaupt stehen und davon erfahren können.
Vor über drei Jahren war ein junges Paar, hier aus Hambergen dort in Schweden zu Besuch und machten Besuch bei Freunden und zufälligerweise war auch Hans-Gunnar zugegen, und er erkannte, dass sie aus Deutschland kamen und sich mit Ihnen unterhielt und fragte, von wo sie kamen. Um festzustellen, dass sie aus Hambergen sind, wo seine Mutter Anni Knipp geboren wurde.
Durch Anni Knipp‘s mutiges Eintreten für christliche Prinzipien ist es ihr möglich gewesen, Dr. Kersten einen nachhaltigen Eindruck zu vermitteln, was es bedeutet zu den Werten und Überzeugungen zu stehen ganz gleich welche Umstände um einen herum existieren.
Die Youtube Links zeigen die ganze Verlegung in Hambergen und einen Bericht über die Verfolgten Zeugen Jehovas mit sehr raren original Aufnahmen von Anni Knipp ab Minute 27:30
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