Zum Inhalt springen

Fries, Josefa

Biografie von Josefa Fries

Spuren meiner Großtante JOSEFA FRIES (1898–1940)

Hintersalach – Kaufbeuren – Irsee – Grafeneck.

Todesursache „Lungenentzündung, Kreislauf schwäche“, gestorben am 8. September 1940 um 1 Uhr, meldete der Standesbeamte Zorn aus Grafeneck. Dieses vor gedruckte Schreiben mit den maschinenschriftlich ausgefüllten persönlichen Angaben hat sich in meiner Familie erhalten und war neben einem Familienbild das einzige Dokument, das an Josefa, die Schwester meiner Großmutter, erinnerte.
Außer dem Todesort entspricht nichts in dem standesamtlichen Schreiben der Tötungsanstalt Grafeneck der Wahrheit. Josefa Fries wurde im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde, der später so bezeichneten „Aktion T4“, mit dem ersten Frauentransport am 27. August 1940 von Irsee in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen „verlegt“ und dort vermutlich unmittelbar nach Eintreffen in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet. Als wahres Todesdatum gilt daher in der Regel der Tag der Deportation.
Wie meine Großeltern diese Nachricht aufnahmen und ob sie der angeblichen Todesursache trauten, kann ich nicht sagen, ich kann es mir nicht vorstellen. Mein Großvater war zu diesem Zeitpunkt bereits als Luftwaffensoldat eingezogen worden, meine Großmutter musste also alleine mit dem Tod ihrer einzigen Schwester zurechtkommen. Wie in vielen Familien von Opfern der „Euthanasie“-Verbrechen wurde das Schicksal von Josefa zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht näher thematisiert und für mich lange nicht in Zusammenhang mit dem gezielten Morden der Nationalsozialisten gebracht.
Meine Großmutter ist bereits 1981 verstorben, der Großvater, der so gut wie nie über seine Kriegserlebnisse sprach, 1993. Beiden habe ich die notwendigen Fragen leider nicht gestellt. Ähnlich verhält es sich mit der Generation meines Vaters und seiner drei Geschwister (Jahrgänge 1932, 1934, 1936 und 1941), außer fragmentarischen Erinnerungen war über Josefa nichts zu erfahren. Die Recherche konzentrierte sich für mich daher auf die wenigen belegbaren Spuren, die Josefa in ihrem Leben hinterlassen hat.

Hintersalach, Gemeinde Immenthal

Geboren wurde Josefa Fries am 30. Juni 1898 „vor mittags um zehn Uhr“ als Tochter des Bauern Johann Fries (1860–1924) und seiner Ehefrau Karolina, geborene Schweighart (1862–1928). Dem Familienstandsbogen der Gemeinde Immenthal zufolge als zweites Kind nach dem 1894 geborenen Thaddäus. Bei den Nachforschungen in der Gemeinde Obergünzburg zeigte sich allerdings, dass das Ehepaar Fries ins gesamt acht Kinder hatte, von denen fünf das erste halbe Lebensjahr nicht vollenden konnten. Josefa war tatsächlich das fünfte Kind beider Eltern, außerdem hatte Karolina vor der Ehe bereits einen Sohn Martin (1889) geboren. Als jüngstes Kind kam 1906 meine Großmutter Theresia zur Welt. Das erhaltene Familienbild dürfte um 1914 entstanden sein und zeigt von links nach rechts: Josefa, Thaddäus, Vater Johann, Mutter Karolina, Theresia. Man kann annehmen, dass die beste Kleidung herausgesucht wurde, alle blicken ernst direkt in die Kamera, lediglich bei Karolina ist die Andeutung eines Lächelns zu erahnen.
Wohnhaft war die Bauernfamilie Fries in Hintersalach (häufig auch nur Salach), Hausnummer 102 ½, Gemeinde Immenthal (heute Günzach). Johann Fries (geboren in Breitenbrunn im Unterallgäu) heiratete auf den Hof der Familie Schweighart ein, die Hochzeit fand im April 1892 statt. Die Einöde Salach besteht aus zwei Höfen und liegt unweit des Salabachs in der Senke auf halbem Weg zwischen Obergünzburg und Upratsberg. Die Familie Fries bewirtschaftete das auf halber Höhe näher an Obergünzburg gelegene Anwesen. Ein Bild des Hofes nach dem Besitzerwechsel zu Familie Geldhauser (Hausname dann „beim Hauser“) hat sich erhalten.
Das abgebildete Haus brannte am 3. November 1934 bis auf die Grundmauern nieder, der Neubau im Jahr 1935 entstand wenig entfernt vom ursprünglichen Ort, aber jetzt auf Obergünzburger Flur und erhielt die Hausnummer 288 (heute Salachweg 11).
Der gerne als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete Erste Weltkrieg veränderte auch die Lebensverhältnisse der Familie Fries einschneidend. Der einzige männliche Nachkomme, Thaddäus, wurde Soldat in einem bayerischen Jägerregiment und fiel am 30. April 1918 bei den Kämpfen um den Kemmelberg in Flandern. Begraben ist er in einem Massengrab im belgischen Langemark.
Der Tod des Hoferben muss die Familie nachhaltig traumatisiert haben, meine Großmutter hat auch in meiner Erinnerung häufig von ihrem Bruder gesprochen und von der Tragik, dass er noch so kurz vor Ende des Krieges sterben musste. Nicht umsonst wurde ihr ältester Sohn auf den Namen Thaddäus getauft. Der Hof konnte nicht mehr gehalten werden und wurde wohl noch 1918 an Anton Geldhauser verkauft. Das erlöste Geld verlor durch die Inflation der frühen 1920er Jahre komplett seinen Wert. Johann Fries starb als „Privatier“ in Obergünzburg am 23. Februar 1924 im Alter von nur 63 Jahren, seine Frau Karolina am 19. Juli 1928.

Kaufbeuren – Irsee – Grafeneck

Die weitere Versorgung von Josefa scheint zuhause schwierig gewesen zu sein, die neuen gesetzlichen Regelungen zur öffentlichen Fürsorgepflicht des Jahres 1924 dürften eine Rolle für ihre Aufnahme in eine Heil- und Pflegeanstalt gespielt haben. Über die Art und den Grad ihrer Behinderung kann leider nur spekuliert werden, der Begriff „rachitisches Kind“ fiel bei den Befragungen im Familienkreis. Die Krankenakten der in die Tötungsanstalten „verlegten“ Patientinnen und Patienten wurden dem Transport mitgegeben und meist vernichtet, nur etwa ein Drittel dieser Unter lagen fand den Weg ins Bundesarchiv Berlin, der Akt für Josefa Fries ist nicht darunter. Im Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren hat sich lediglich ihre Karteikarte erhalten, darauf findet sich das Datum des Eintritts in die Kaufbeurer Anstalt (1. Mai 1925), der Verlegung nach Irsee (29. Dezember 1928) und schließlich des Transports nach Grafeneck (27. August 1940), rückseitig ein maschinenschriftlicher Vermerk: „Diagnose: Schizophrenie“. Bemerkenswert ist der falsch benannte Geburtsort „Hinterhaslach“ statt Hintersalach. Als nächster Angehöriger ist noch der bereits verstorbene Vater Johann Fries aufgeführt, für die Kosten war der Landesfürsorgeverband Schwaben zuständig.
Meine Großmutter, Theresia Fries, verdiente als Dienstmagd, Küchenhilfe oder Köchin ihren Lebensunterhalt. Bei einer ihrer Dienststellen lernte sie meinen Großvater Josef Strobel (geboren 1909 in Unteregg) kennen, im Mai 1933 fand die Hochzeit in Eggenthal statt. Der 1934 begonnene Bau des Fliegerhorstes Kaufbeuren bot eine feste Arbeitsmöglichkeit für Josef, die Familie zog mit bereits zwei kleinen Kindern nach Oberbeuren.
Theresia besuchte ihre Schwester „in der Anstalt“, teils auch in Begleitung ihres ältesten Sohnes Thaddäus, wie häufig und wie regelmäßig ist nicht rekonstruierbar, im BKH-Archiv finden sich davon keine Spuren, auch Briefe sind nicht überliefert. In der Familie wird berichtet, dass hungrige Patienten aus der Anstalt, die zu Arbeitseinsätzen unterwegs waren, im Hause Strobel verköstigt wurden, nach dem Krieg nahm meine Großmutter Pflegekinder zu sich. Ein Zusammen hang mit dem Schicksal ihrer Schwester, das sie nicht verhindern konnte, liegt nahe, ist aber nicht belegbar.
Josefa Fries fiel unabhängig von weiteren Diagnosen allein schon durch ihren langjährigen Anstaltsaufenthalt (mehr als 5 Jahre waren das Kriterium) in die Selektionskriterien der Meldebogen des Reichsministeriums des Inneren. Folgerichtig wurde sie bereits für den ersten Transport von 75 Frauen nach Grafeneck am 27. August 1940 ausgewählt, am Vortag waren bereits 75 männliche Patienten mit den berüchtigten „grauen Bussen“ abtransportiert worden.
Viele Fragen müssen offenbleiben, weitere Fragestellungen haben sich ergeben. Die Setzung eines „Stolpersteines“ zum Gedenken an Josefa Fries liefert keine einfachen Antworten, es bleibt die Erinnerung an eine „Leerstelle“ in der Familiengeschichte.

Autor: Christian Strobel

Abbildungen
Titelbild: privat
Abb. 1: Standesamtliches Schreiben der Tötungsanstalt Grafeneck, südlich von Stuttgart auf der Schwäbischen Alb gelegen, privat
Abb. 2: Familie Fries. Von links: Josefa, Thaddäus, Vater Johann, Mutter Karolina, Theresia, privat
Abb. 3: Salach, Hausnummer 102 ½. Vor dem Brand 1934 mit Angehörigen der Familie Geldhauser, Ernst Fiener, Obergünzburg
Abb. 4: Karteikarte für Josefa Fries aus dem Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Historisches Archiv des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren

https://anstalt-irsee.de/wp-content/uploads/2025/06/namensflyer-josefa-fries.pdf

Medien

Fotos

Kostenlos dank Ihrer Hilfe

Diese Biografie ist frei zugänglich. Wenn Ihnen der Stolpersteine Guide gefällt, freuen wir uns über einen kleinen Beitrag.

Danke an Martin Schreyer, Claudia Körner, Anett Humboldt, Peter Hein und 6 weitere.
Unterstützen

Stolpersteine in der Nähe

Alle Stolpersteine in Irsee

Quellen & Impressum

Schwäbisches Bildungszentrum Irsee

Eigenbetrieb des Bezirks Schwaben
Werkleiter: Dr. Stefan Raueiser
Klosterring 4
87660 Irsee