Biografie von Heinz Fuhse
Erinnerungen an HEINZ FUHSE (1924 –1944)
„Sofort mitteilen, ob Kommen dringend ist.“
Wann und auf welchem Wege Minna Wolter die Nachricht vom nahenden Tod ihres Sohnes, Heinz Fuhse, erhalten hatte, ist nicht bekannt. In der Krankenakte ist nur ein Telegramm der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee vom 16. April 1944 an die Adresse der Mutter in Immendorf, heute ein Stadtteil von Salzgitter, mit dem Vermerk „seit 4 Jahren unbekannt verzogen“ abgeheftet. Zehn Tage später, am 26. April, telegrafierte die Mutter aus der nahe Berlin gelegenen brandenburgischen Kleinstadt Nauen nach Irsee: „Sofort mitteilen, ob Kommen dringend ist.“ Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn Heinz allerdings bereits verstorben.
Heinz Fuhse wurde am 22. November 1924 in Röllinghausen, heute ein Ortsteil von Alfeld (Leine), geboren. Seiner Krankenakte zufolge war es während der Geburt zu Komplikationen gekommen. Heinz war geistig behindert und durch eine zerebrale Kinderlähmung in seiner Bewegung eingeschränkt. Aufgrund der Beeinträchtigungen hatte ihn seine alleinstehende Mutter bereits früh in die Obhut eines Heimes geben müssen. Bis zum Alter von zehn Jahren lebte Heinz im Annastift in Hannover, einem im damaligen Sprachgebrauch „Krüppelpflegeanstalt“ genannten Heim zur orthopädischen Behandlung von Kindern. Dort lernte er mit einem Schienenhülsenapparat, einem medizinischen Hilfsmittel zur Führung und Unterstützung gelähmter Gliedmaßen, eigenständig zu laufen.
Um Heinz‘ geistige Entwicklung zu fördern, überstellte ihn das Annastift im Sommer 1935 in die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission (seit 1996 Rotenburger Werke) bei Bremen. Dort besuchte der mittlerweile zehn Jahre alte Junge die Anstaltsschule – mit mäßigem Er folg, wie es in der Akte heißt – und wurde ab 1940 in der anstaltseigenen Schneiderei beschäftigt.
Der Aufenthalt in Rotenburg endete für Heinz Fuhse und die meisten anderen Anstaltsbewohner abrupt im Herbst 1941. Der Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis X, der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann, hatte im September 1941 die Beschlagnahmung der Rotenburger Anstalten angeordnet. Seit dem Frühjahr 1941 hatte die britische Royal Air Force norddeutsche Großstädte in Verbänden von über 100 Flugzeugen aus der Luft angegriffen. Die Schäden waren im Vergleich mit den späteren Flächenbombardements noch gering und die Verlegung der Patienten diente auch nicht deren Schutz. Vielmehr begannen Dienststellen von Partei, Staat und Wehrmacht, Pläne für Ausweichquartiere für den Fall stärkerer Zerstörungen zu entwickeln. In der Folge erhielt die Direktion der zwischen den wichtigen Hafenstädten Hamburg und Bremen gelegenen Rotenburger Anstalten die Weisung, die Einrichtung binnen weniger Wochen zu räumen.
Am 7. und am 8. Oktober wurden insgesamt 91 Insassen der Rotenburger Anstalten in die etwa 600 km entfernte Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee verlegt. Die zweite schwäbische Heil- und Pflegeanstalt in Günzburg hatte 140 Rotenburger Patienten unterzubringen. Beide Transporte trafen in Kaufbeuren jeweils am Folgetag ein. Es hat den Anschein, als wäre die Kaufbeurer Anstaltsleitung ebenso kurzfristig wie die in Rotenburg informiert worden. Die nötigen Vorbereitungen zur Unterbringung von fast 100 Personen waren bei deren Eintreffen noch nicht abgeschlossen, wie aus der Chronik der in Irsee eingesetzten Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul hervorgeht. Dort heißt es, dass „65 meist epileptische Frauen und mehrere durch Kinderlähmung ganz verkrüppelte Kinder“ nach einer Eisenbahnfahrt von zwei Tagen und einer Nacht gegen 21.30 Uhr erschöpft in Irsee angekommen waren. Für sie musste „der Tagesraum der Krankenabteilung zu einem Schlafsaal“ hergerichtet werden. Eine Quelle, die die Unterbringung von Heinz Fuhse und der anderen männlichen Patienten aus Rotenburg beschreibt, existiert nicht. Sehr wahrscheinlich ist, dass auch in den Männerbereichen alle anderen Kranken enger zusammenrücken mussten, um zusätzliche Betten einstellen zu können.
Der erste Eintrag in Heinz Fuhses Krankenakte am neuen Aufenthaltsort datierte auf den 3. Dezember 1941. Für Lothar Gärtner, den Abteilungsarzt in der Irseer Zweigstelle der Heil- und Pflegeanstalt, war Heinz ein „lebhafter, meist euphorischer Kranker“, der „gutmütig“ und „lenkbar“ sei. Auch in der Schneiderei fand Heinz wieder Beschäftigung. Die insgesamt vier kurzen Einträge in seinem Krankenblatt – für jedes Kalenderjahr eine knappe Zustandsbeschreibung – taugen nicht zur Rekonstruktion der Lebensgeschichte des nun 17 Jahre alten Jugendlichen in Irsee. Über Heinz’ Verhalten und seine Entwicklung lassen sich lediglich Mutmaßungen anstellen. Eines zeigt die Akte sehr wohl: In Irsee waren die Patienten weitgehend sich selbst überlassen. Förderung, so wie Heinz sie in Hannover bzw. in Rotenburg erfahren hatte, fand in Irsee nicht statt. Lothar Gärtner sicherte bestenfalls die medizinische Grundversorgung. So entwickelte sich Heinz– Gärtners Einschätzung zufolge – von einem gutmütigen, euphorischen Patienten zu einem „rechthaberische[n] und streitsüchtige[n] Schwachsinnige[n]“, dessen Selbstständigkeit zurückging. Unter Ausnutzung seiner Arbeitskraft wurde Heinz in Irsee nur verwahrt – bis zu seinem Tod.
Während der ersten beiden Jahre seines Aufenthalts in Irsee muss Heinz ausreichend ernährt worden sein. Während der gesamten Verweildauer schwankte sein Körpergewicht zwischen 60 und 66 kg. Im Dezember 1943 wog er 64 kg; beim letzten Wiegen im März 1944 waren es jedoch nur noch 56 kg. Heinz Fuhse verstarb im Alter von 19 Jahren am 23. April 1944 – laut Leichenschauschein an einer Lungentuberkulose. Die Todesursache erscheint glaubhaft. In der gesamten Anstalt war die Zahl der Verstorbenen, bei denen bei der Sektion Tuberkulose als Todesursache bzw. als Nebenbefund festgestellt wurde, so rasant angestiegen, dass die Anstaltsleitung nicht umhinkam, in den Jahresberichten auf diese Tatsache hinzuweisen. Heinz Fuhses Tuberkuloseinfektion und sein Tod müssen auf Überfüllung, Unterernährung und Vernachlässigung zurückgeführt werden.
Minna Wolter, die Mutter, telegrafierte am 27. April 1944 nach Irsee: „Bitte die Beerdigung 1 Tag zu verschieben, da ich sonst nicht erreiche“. Ob die Anstaltsleitung Wolters Wunsch nachkam, ist nicht bekannt. Ihr Sohn, Heinz Fuhse, wurde auf dem Irseer Anstaltsfriedhof in einem Doppelgrab (Abt. I/ Reihe I, Grab 10) mit der ebenfalls am 23. April 1944 verstorbenen Patientin Maria Oberlies beigesetzt.
Autor: Dietmar Schulze
Abbildungen
Titelfoto: Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Heinz Fuhse
Abb. 1: Telegramm der Mutter (25./26.4.1944), Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Heinz Fuhse
Abb. 2: Telegramm der Mutter (27.4.1944), Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte Heinz Fuhse
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