Biografie von Barbara Thiel
Zur Erinnerung an BARBARA THIEL (1903 –1944)
„Nach ihrer Entlassung aus der Untersuchungshaft war sie verändert.“
Barbara Thiel wird am 21. Mai 1903 in Dierscheid (heute: Verbandsgemeinde Wittlich-Land, Landkreis Bernkastel-Wittlich in Rheinland-Pfalz) in der Südeifel geboren. Sie ist die Tochter des Landwirts Johann Thiel und seiner Ehefrau Gertrud, geborene Lautwein. Die Familie ist katholisch.
Von 1909 bis 1916 besucht Barbara Thiel die Volksschule in Dierscheid. Nach der Schule arbeitet sie als Dienstmädchen in verschiedenen Stellungen. Nach ihren eigenen Angaben bekommt sie während dieser Zeit zwei uneheliche Kinder, die bei dem „Erzeuger“ leben. Auch später wechselt sie häufig ihren Arbeitsplatz. 1938 ist sie bei der Firma Appel Feinkost in Hannover angestellt. Weil sie mehrfach nicht zur Arbeit kommt, erhält sie die Kündigung. Sie soll auch „verschiedentlich Herrenbesuche empfangen“ haben „und sich auf der Strasse ansprechen lassen“.
In dieser Situation wird sie durch den Katholischen Fürsorgeverein in Obhut genommen und lebt vermutlich im Agnesheim in Hannover. Ende März 1939 wird sie zur Dienstpflicht beim Reichsarbeitsdienst einberufen. „Dort ist sie wiederum mehrmals nicht zur Arbeit erschienen“, heißt es später in ihrer Krankenakte. „Ihre Untermieterin hat angegeben, dass sie in diesen Tagen angezogen auf dem Bett herumgelegen hat und vor sich hin gestarrt hat.“ Offensichtlich geht es ihr nicht gut. In Folge wird sie wegen „Arbeitsverweigerung“ für drei Wochen in Untersuchungshaft genommen.
„Nach ihrer Entlassung war sie verändert. Sie äusserte eigenartige Ideen, so erzählte sie, die Männer auf der Strasse hätten ihr das Blut ausgesogen und sie könne daher keine Arbeit mehr annehmen. Die Leute hätten sie weggespuckt und weggelacht. Ihr Körper würde formuliert. Ihr ganzer Körper sei innerlich besetzt.“
Anscheinend manifestiert sich nach der Untersuchungshaft ihre Krankheit, die sich in Verwirrungen und Wahnideen äußert und letztlich als Schizophrenie diagnostiziert wird. Der Katholische Fürsorgeverein veranlasst ihre Einweisung in die „Nervenklinik Langenhagen“ bei Hannover. Sie wird dort am 17. Mai 1939 aufgenommen. Anfang August bekommt Barbara Thiel Besuch von ihren Eltern, „die einen sehr vernünftigen, biederen Eindruck machen, aber im ganzen sehr unbelehrbar sind und nicht an die Geisteskrankheit ihrer Tochter glauben“. Weiter hält die Krankenakte fest: „Der Vater gibt an, daß die Tochter eine unglückliche Liebe gehabt hätte und seitdem geistig so verändert sei. Von einer erblichen Belastung will er nichts wissen.“
Leider ist unsere einzige Quelle zum Leben von Barbara Thiel ihre Krankenakte. Wir wissen also nur wenig, und das gefiltert durch den medizinischen Blick, von ihrer eigenen Sicht auf ihr Leben und ihr Befinden. Und manches wissen wir nach neuesten Erkenntnissen nicht mehr: Hatte Barbara Thiel wirklich zwei (uneheliche) Kinder, wie sie selbst angibt und wie es auch in der Akte immer verzeichnet ist? Laut Auskunft vom zuständigen Standesamt (Januar 2025) sind bei ihr keine Kinder eingetragen. In der Krankenakte wird Barbara Thiel von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten als eher verschlossen, „stimmungslabil“, „mürrisch“ und bisweilen ohne erkennbaren Anlass „schimpfend“ und „aufbrausend“ geschildert. Phasenweise kann sie mit Hilfsarbeiten in der Kartoffelschälküche, in der Nähstube und mit Stricken beschäftigt werden. Stabil ist ihr Arbeitseinsatz nicht. Sicher hingegen wissen wir, dass das Leben von Barbara Thiel, ihre Krankheit und ihre Behandlung in diversen Psychiatrien massiv von der NS-Gesundheitspolitik und vom Kriegsgeschehen dominiert wird. Sie ist Opfer des Systems in mehrfachem Sinne und diesem ohnmächtig ausgeliefert:
• Mitte August 1939 beginnt mit Einverständnis des Vaters eine Insulinkur. Von dieser Therapie erhofft man sich Besserung für sie. „Die Kur mußte wegen Ärztemangels bei Kriegsausbruch [01.09.1939] abgebrochen werden.“
• Ende Januar 1940 wird Barbara Thiel in der Landesfrauenklinik in Hannover zwangssterilisiert. Zunächst hatte das Erbgesundheitsgericht dies abgelehnt, doch der Klinikdirektor von Langenhagen intervenierte: „Hier mit beantrage ich Wiederaufnahme und Fortsetzung des eingestellten Verfahrens wegen Unfruchtbarmachung der hier seit dem 6.7.39 untergebrachten ledigen Barbara Thiel … Frl. Thiel leidet an einer paranoiden Schizophrenie. Es machen sich jetzt Anzeichen einer Remission bemerkbar, sodaß damit gerechnet werden kann, daß Frl. Th. in einiger Zeit entlassen werden kann. Die Fortsetzung des Verfahrens erscheint mir deshalb wichtig, weil die Th. triebhaft ist, bereits 2 uneheliche Kinder hat und daher die Fortpflanzungsgefahr groß ist.“ Im Beschluss des Erbgesundheitsgerichts vom 30.11.1939 heißt es: „Auf Grund dieser Unterlagen und der persönlichen Vernehmung der Barbara Thiel sieht das Gericht für einwandfrei festgestellt an, dass Barbara Thiel an der oben genannten Erbkrankheit im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 leidet, und dass nach den Erfahrungen der ärztl. Wissenschaft mit grosser Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass ihre Nachkommen an schweren geistigen Erbschäden leiden werden.“
• Sie wird verlegt, verlegt und wieder verlegt – von einer Anstalt in die andere: Klinikaufenthalt 17.05. bis 06.07.1939 in Langenhagen; danach bis zum 21.08.1941 in der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf, „Geisteskranken-Abteilung“; anschließend bis zum 24.09.1942 in der Anstalt Osnabrück; folgend bis zum 05.11.1944 in Liebenburg am Harz; bis zum 16.11.1944 als „Durchgangspatientin“ in Ilten; und schließlich 16.11.1944: Aufnahme in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Irsee, Nebenstelle Irsee.
Beim Lesen der Krankenakte von Barbara Thiel gewinnt man den Eindruck, dass von Klinik zu Klinik Therapieversuche nachlassen, während es ihr immer schlechter geht, auch körperlich. In Liebenburg ist sie mehrfach im Lazarett und der behandelnde Arzt notiert im Dezember 1942: „Pat[ientin] muss in allem besorgt werden, ist sehr unordentlich und lässt sich nicht beschäftigen. Wird momentan im Wachsaal gehalten. Körperlich schwach.“
Wer entschieden hat, dass Barbara Thiel nach Kaufbeuren-Irsee verlegt wird, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der Zweck dieser Verlegung ist wahrscheinlich ihre beabsichtigte Tötung. Sie kommt am 16. November 1944 in Irsee an. Keine drei Wochen später, am 4. Dezember 1944, stirbt sie. Noch bevor ihre Krankenakte eintrifft, wird sie auf der Frauenstation von Pauline Kneißler ermordet.
Barbara Thiel ist, wenn auch nicht mit ihrem korrekten Namen, in der Liste der Barmherzigen Schwestern aufgeführt, die diese 1948/49 ihrer Zeugenaussage zum Gerichtsprozess gegen die Verantwortlichen für die Krankenmorde in Kaufbeuren-Irsee beilegen.
Einer ihrer Brüder erkundigt sich 1947, ob seine Schwester durch „Nazimethoden“ umgebracht worden sei. Dr. Lieser, der damalige Direktor der Anstalt, antwortet: „Die Nachforschungen, ob Ihr Frl. Schwester eines natürlichen Todes gestorben ist, haben zu keinem Ergebnis geführt. Es besteht der Verdacht, dass sie auf derjenigen Abteilung gelegen hat, auf der sich die zur Euthanasie bestimmten Kranken befanden.“
Das Grab von Barbara Thiel befindet sich auf dem wegen der vielen Todesfälle 1944 neu angelegten Irseer Anstaltsfriedhof, Abteilung I, Reihe IV.
Autorin: Magdalene Heuvelmann
Abbildungen
Titelfoto: Barbara Thiel (ca. 1939); Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte, Barbara Thiel, Nr. 14793.
Abb. 1: Krankenaktendeckel Barbara Thiel, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte, Barbara Thiel, Nr. 14793.
Abb. 2: Brief der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren an Josef Thie, 11.02.1947, Bezirksarchiv Schwaben, BKH Krankenakte, Barbara Thiel, Nr. 14793.
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