Biography of Josef Götzel
"Seine Welt war die Thora"
1905 floh Josef Götzel vor den russischen Pogromen nach Deutschland, 1933 nach Palästina. Was auch immer ihm zustieß: In aussichtslos erscheinenden Situationen gab er nicht auf, seine Antwort war „gam su le-towa“ - auch dies ist zum Besten.
Traumatisiert von einer Welle antisemitischer Ausschreitungen in Russland verließ Josef Götzel 1905 mit seiner Familie seine damals russische Heimatstadt Kutno, ein Eisenbahnknotenpunkt zwischen Lodz und Warschau. Er gelangte bis nach Baden-Baden und fristete dort zunächst sein Leben mit dem Verkauf von Milch, später mit einem Trödelladen. Die ganze Familie musste mithelfen, in Russland waren die ersten drei Kinder zur Welt gekommen, in Baden-Baden gebar seine Frau Johanna weitere zehn Kinder.
Erfolge in der neuen Heimat
Obwohl Josef Götzel weder deutsch schreiben noch lesen konnte, gelang es ihm nach dem Ersten Weltkrieg den "Kaiserhof" in der Sophienstraße 22 zu ersteigern. Ein jüdischer Bankier hatte ihm dafür einen großzügigen Kredit gewährt. Er eröffnete ein Möbel- und Teppichgeschäft, das bald auch reiche Kurgäste und Bürger zur Kundschaft zählte. Ohne seine Kinder wäre dieser Aufstieg nicht möglich gewesen. Die älteste Tochter Johanna führte das Geschäft und auch alle anderen Geschwister wurden im Familienbetrieb eingespannt.
"Außer für sein Geschäft lebte mein Vater für die Religion"
So beschrieb David Gilbert 1992 in seinen Lebenserinnerungen die Situation zu Hause. Er selbst empfand die chassidische Lebensweise als beengend, "für Vater jedoch war sie eine willkommene Zuflucht in einer ansonsten 'fremden' Umgebung. Er hatte keine deutschen Freunde, was damit zusammenhing, dass er die Sprache ungenügend beherrschte. Es gab nicht viele Juden in Baden-Baden, schon gar keine chassidische Gemeinde, in der er für seinen traditionellen Lebensstil Unterstützung und Verständnis gefunden hätte."
Den Mangel an Bestätigung durch das soziale Umfeld machte Josef Götzel durch Strenge innerhalb seiner Familie wett: "Um uns herum errichtete er eine unsichtbare Mauer, die uns von der Welt und besonders der deutschen Gesellschaft fernhalten sollte. Das moderne Leben existierte für ihn nicht. Er nahm nichts von dem in Anspruch, was die deutsche Kultur zu bieten hatte: Musik, Bücher, Theater, Filme. Seine Welt war die Thora, der Talmud und die Mischna."
Flucht aus Baden-Baden
Als strenggläubiger Jude bot Josef Götzel mit seinem langen Bart und Schläfenlocken das typische Bild eines orthodoxen Juden. Schon sehr früh wurde er deshalb auch zur Zielscheibe der Nationalsozialisten: mehrfach wurde er auf offener Straße zusammengeschlagen, auch am Boykotttag, dem 1. April 1933. Mit einer schweren Kopfwunde kam er ins Krankenhaus. Als er nach mehrwöchigem Aufenthalt entlassen wurde, flüchtete er Hals über Kopf nach Straßburg und von dort aus weiter nach Palästina - mit im Gepäck die Thora, die ihn auf der Flucht aus Russland begleitet hatte.
Buchtipp:
Kathy Rose & David Gilbert: „Nightmare in Germany - The Inspiring Odyssey of One Man's Triumph Over Nazism: From the Ghetto to Bergen-Belsen", San Francisco 1992. Eine Übersetzung des ersten Kapitels in gekürzter Form erschien in dem Buch „Der verbrannte Traum“ von Angelika Schindler, Baden-Baden 2013, daraus die Zitate in dieser Biografie
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