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Christian und Ernst Lossa

Biografie von Ernst und Christian Lossa

Die Familie Lossa
Seit Mitte der 1930er Jahre verschärfen die Nationalsozialisten die „Maßnahmen zur Bekämpfung der Zigeunerplage“. Vermehrt werden Wandergewerbescheine verweigert und Kinder in Fürsorgeerziehung überwiesen. Der „Grundlegende Erlass über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ vom 14. Dezember 1937 ermöglicht die polizeiliche Vorbeugehaft gegen „Zigeuner“ und gegen „nach Zigeunerart Umherziehende“. Reichsweite Verhaftungsaktionen der Gestapo im April 1938 (gegen „Gewohnheitsverbrecher“) und der Kripo im Juni 1938 (Aktion „Arbeitsscheu Reich“ gegen „Asoziale“) führten zu Deportationen in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme. Davon waren neben Roma und Juden auch die als „deutschblütig“ geltende Randgruppenangehörige wie die Jenischen betroffen, darunter die Augsburger Familien von Christian und Georg Lossa. Sie werden als „Arbeitsscheue“, „asoziale Elemente“, „Berufs- und Gewohnheitsverbrecher“ deportiert und in Fürsorgeheime, Heil- und Pflegeanstalten, Staaterziehungs-anstalten bzw. in KL eingewiesen.

Als Christians Lossas Ehefrau Anna
am 24.9.1933 im Alter von 23 Jahren im Krankenhaus in Augsburg-Pfersee an Lungentuberkulose stirbt, hinterlässt sie ihm vier unmündige Kinder im Alter von 4 (Ernst), 2 ½ (Amalie), einem Jahr und 5 Monaten (Anna) und ein Baby (Christian) von 3 Monaten. Die Kinder werden durch das Fürsorgeamt Augsburg bereits im Juli 1933 ins Kinderheim Hochzoll bzw. ins Säuglingsheim Oberhausen in der Kapellenstraße eingewiesen. Ein solcher Akt, nämlich die Einweisung sämtlicher Kinder in Heime entbehrt auch nach NS-Gesetzgebung jeglicher Grundlage. Aber der Vater ist außerstande, sich um die Kinder zu kümmern oder ihnen den Lebensunterhalt zu sichern.

Christian Lossa
gerät seit seinem 16. Lebensjahr wegen seiner Herkunft und seines Berufs immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und wird wegen Übertretung der Gewerbeordnung und Bettels wiederholt inhaftiert.

Infolge des Arbeitszwangsgesetzes vom 29.12.35 wird er vom 25.1.1936 bis 24.12.1938 im KL Dachau inhaftiert, schon am 5. Mai 1939 wird er wiederum verhaftet. Wegen geringfügiger Vergehen muss er vom 7.9.1939 bis 7.9.1941 im Zuchthaus Ludwigsburg eine Strafe verbüßen, kommt aber im Anschluss nicht frei, sondern wird von der Polizeileitstelle Stuttgart sofort in „Vorbeugehaft“ genommen, von Stuttgart nach Nürnberg verbracht und von dort am 13.10.41 als „rückfälliger Vorbeugehäftling“ ins KL Flossenbürg überstellt, wo er am 30.5.42 im Alter von 35 Jahren verstirbt. Als Todesursache konstatiert der SS-Standortarzt „Herzschwäche an Lungentuberkulose“. Ob er Zwangsarbeit leisten musste, er gefoltert und misshandelt wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Die Kinder Ernst, Amalie, Anna und Christian wachsen wegen dieser Umstände zeit ihres Lebens ohne Geborgenheit und Zuwendung im Säuglingsheim, später im Kinderheim Hochzoll auf. Sohn Christian verstirbt an 2.4.35 an Herztod und Glottsödem. Der älteste Sohn Ernst Lossa wird am 15.4.1940 ins NSV Erziehungsheim in Markt Indersdorf verlegt, zwei Jahre später am 20.4.1942 in die Kinderabteilung der Heil-und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Von dort überweisen ihn die Ärzte am 5. Mai 1943 nach Irsee, wo er am 9.8.1944 mit Morphium-Skopolamin Giftspritzen ermordet wird. Er stirbt im Alter von nicht ganz 15 Jahren.

Ernst Lossa,
wurde am 1.11.1929 in Augsburg geboren. Seine Familie gehörte den Jenischen an, einem Bevölkerungsteil, der wie andere im NSSystem verfolgt wurde. Seitens der Fürsorgebehörde wurde diese Minderheit besonders beobachtet, galten Jenische weithin als „asozial“ oder wurden als „Zigeuner“ beschimpft.
In den wärmeren Monaten verdiente die Familie als Fahrende durch die Restauration von Kirchenfiguren ihr Geld. Die Familie wohnte in der Wertachstr. 1.
1933, nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, verschärfte sich der Umgang mit „Asozialen“. Gegen den Willen seiner kranken Mutter wurden Ernst und seine zwei Schwestern ins Kinderheim Hochzoll gesteckt. Von dort aus besuchte er später die Schule. Die Mutter verstarb 1933 wahrscheinlich an Tuberkulose.
Ernst wurde auffällig durch Diebstähle. Die Hintergründe sind unklar.
Eingestuft als „unerziehbar“, wurde er am 15.2.1940 in das Jugenderziehungsheim Indersdorf eingewiesen. Auch hier wurden ihm Diebstähle vorgeworfen.
Im Gutachten der Psychologin Katharina Hell hieß es dann es handle sich „zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen“. Eine Längengleichheit von Ring- und Zeigefinger an der rechten Hand wurde von ihr als „Degenerationszeichen“ festgehalten. Nachdem sie keine Besserung der „starken Triebhaftigkeit“ attestierte, erfolgte im April 1942 die Einweisung von Ernst in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren.
Spätere Aussagen von Mitarbeitern beschreiben Ernst als liebenswürdig und hilfsbereit. Er wurde geschätzt. Er fiel wiederum durch Diebstähle auf. Z.B. stahl er Brot, um dies an hungernde Insassen zu verteilen. Aufgrund des Vermerks „Gewalttätigkeiten“ wurde er in die Männerabteilung verlegt.
Gemäß späteren Zeugenaussagen hat Ernst das Kaufbeurer System wohl durchschaut und von gezielten Tötungen in der Anstalt gewusst.
Am 5.5.1943 wurde Ernst in die Zweiganstalt Irsee verlegt. Dort erfolgte am 9.8.1944, im Alter von 14 Jahren, die Ermordung von Ernst durch eine tödliche Spritze, von der Krankenpflegerin Pauline Kneissler im Beisein des ärztlichen Leiters Valentin Faltlhauser injiziert. Als Todesursache wurde im Leichenschauschein durch den Oberarzt Lothar Gärtner „Bronchopneumonie“ (Lungenentzündung) vermerkt.
Die nationalsozialistische Rassenlehre brachte u.a. seinen Vater 1936 ins KZ Dachau und später ins KZ Flossenbürg wo dieser am 30.5.1942 umkam.
Die Strafverfolgung durch die Amerikaner nach dem Krieg verurteilte 1949 den leitenden NS-Euthanasie-Arzt Valentin Faltlhauser zu drei Jahren Haft wegen „Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag“. Seine amerikanische Internierungszeit von 16 Monaten wurde voll angerechnet. Die Reststrafe wurde durch die Landesregierung erlassen. Die Krankenschwester Pauline Kneissler wurde 1948 wegen zahlreicher NS-Euthanasie-Tötungsdelikte zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa wurde von Robert Domes unter dem Titel „Nebel im August“ 2008 veröffentlicht und unter demselben Titel von Kai Wessel verfilmt und kam 2016 in die Kinos.

© Text+Foto: VVN-BdA KV Augsburg
http://www.vvn-augsburg.de/4_stadtrundgang/Erinnerung/Gedenkblatt010-2017_Ernst%20Lossa.pdf
http://www.vvn-augsburg.de/4_stadtrundgang/Erinnerung/Gedenkblatt014-2017_Familie%20Lossa.pdf

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