Biografie von Betty Schmal
Auf je drei symbolischen Stolpersteinen vor dem Haus in der Heidehofstraße 9 wird an 72 ehemaligen Bewohner*innen des israelitischen Altersheims erinnert, das dort 1936 eröffnet.
Mit dem „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 wurde bestimmt, dass Juden aufgehoben nicht mehr mit „Ariern“ unter einem Dach wohnen durften und sich "verkleinern" mussten: Sie wurden in „Judenhäuser“ eingewiesen, in denen sie auf kleinem Raum mit mehreren Familien zusammenwohnen mussten. Dies zwang sie, einen Gutteil ihres Mobiliars versteigern zu lassen.
Zwischen 1939 und 1942 wurden in Deutschland 140 Zwangsaltersheime eingerichtet, die das NS-System „Jüdische Altersheime“ nannte, in denen zunächst jüdische Senioren und älterer Angehöriger bereits ausgewanderter jüdischer Familien zwangsweise untergebracht wurden. Die zentrale Deportation von Juden aus Deutschland in Ghettos und Konzentrationslager in Osteuropa und die Ermordung der Heimbewohnern konnte so organisiert werden.
Das Heim in der Heidehofstr. 9 wurde 1939 zu einem solchen Zwangsaltersheim, in dem jüdische Menschen vor ihrer Zwangsumsiedlung 1942 nach Eschenau u.a. Orten und der anschließenden Deportation zusammengepfercht wurden. Insgesamt deportierte 72 Bewohne*innen überlebten nicht.
Bis zum von den Nationalsozialisten erlassenen Verbot der Auswanderung von Juden
(1. Oktober 1941) gelang es nur rund 60 % der deutschen Juden ins Ausland zu fliehen.
Der Stuttgarter Oberbürgermeisters Dr. Strölin erklärte, dass im Januar 1942 von den 721 Wohnungen mit teilweise jüdischen Bewohnern „bisher rd. 600 Wohnungen dem Wohnungsmarkt zur Unterbringung arischer Familien zugeführt“ worden sind und dass die „Freimachung jüdischer Altersheime und deren Umwandlung in städtische Altersheime“ den Wohnungsmarkt noch weiter entlasten werde.
Betty Schmal, geb. Oberdorfer, und ihre Familie
Betty Schmal, geb. Oberdorfer wurde am 24. Juni 1874 in Pflaumloch geboren. Ihre Eltern waren Seckel " Isak" Oberdorfer und Recha, geborene Heinemann. Isak und Recha hatten sieben Kinder. Betty war das Vierte. Recha starb als Betty acht Jahres alt war, ihr Vater verheiratete sich wieder. Seine zweite Frau war Regina Rosenthal. Isak und Regina hatten ein Kind, Betty hatte also eine Halbschwester.
Es ist wenig überliefert von Bettys frühen Jahren, aber am 19. Oktober 1896 heiratete sie Julius Schmal, einen Metzger und Viehhändler aus Laupheim und zog dorthin. Sie hatten vier Kinder. Das erste, Heinrich, starb kurz nach der Geburt, aber die anderen, Simon, Recha und Otto wurden erwachsen. Nachstehend weitere Informationen über sie.
An einem zwischen 1936 und 1938 zogen Betty und Julius nach Stuttgart Bad-Cannstatt. Der Grund für ihren Umzug ist unklar, aber Julius, der 11 Jahre älter war als Betty, war schon in den Siebzigern und zwei ihrer drei Kinder lebten in Stuttgart.
Es scheint, dass Betty und Julius während der gesamten Zeit, die sie in Stuttgart lebten, im Jüdischen Altersheim in der Heidehofstr. 9 wohnten. Julius starb am 11. November 1938, zwei Tage nach der Progromnacht. Betty blieb in der Heidehofstr. 9, das 1939 zu einem Zwangsaltersheim wurde, bis sie nach Schloss Eschenau transportiert wurde, einem anderen Zwangsaltersheim. Am 7. Januar 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 30. September 1943 starb.
Bettys und Julius´ ältestes Kind Simon wurde am 12. Juli 1898 geboren. Er war der Erste in diesem Zweig der Familie Schmal, der eine grundlegende Bildung erhielt. Nach dem Abschluss des Gymnasiums in Ulm schrieb er sich als Medizinstudent in Tübingen ein. Der 1. Weltkrieg unterbrach sein Studium; er diente für fast zwei Jahre in der Deutschen Armee. Nachdem er aus dem Militärdienst entlassen worden war, nahm er sein Studium wieder auf und erwarb seinen medizinischen Doktorgrad 1923 an der Universität Freiburg. Er ließ sich als Kinderarzt in Stuttgart nieder, wo er Grete Schmidt traf, die er 1936 heiratete. Nach der Progromnacht wurde er kurzzeitig in Dachau interniert und bald danach, im Dezember 1938, verließen er und Grete Deutschland.
Nachdem sie eine kurze Zeit in Ney York gelebt hatten, so dass er sich auf die Prüfung des Medical State Boards vorbereiten konnte, die er bestand, entschieden er und Grete, sich in Ithaca, New York niederzulassen. Sie hatten zwei Söhne. Grete strab am 15. Januar 1975. Simon, der als mehr als 50 Jahre in Amerika als Allgemeinarzt in Amerika praktizierte, starb am 20. September 1979.
Recha wurde am 29. September 1900 geboren. Nach ihrem Besuch der Latein- und Realschule in Laupheim ging sie für ihre Krankenschwesterausbildung nach Stuttgart. Einige Zeit nachdem sich ihr Bruder als niedergelassener Arzt in Bad Cannstatt praktiziert, arbeitete sie als seine Sprechstundenhilfe bis Simon 1936 heiratete und sie eine Stelle im Jüdischen Krankenhaus in Frankfurt antrat, wo sie bis spät ins Jahr 1940 arbeitete. Ihre Versuche in die USA oder nach Kuba zu emigrieren, die im Jahr 1941 andauerten, wurden vereitelt. Gegen Ende 1940 zog sie nach Stuttgart, um näher bei ihrer Mutter zu sein und arbeitete im Jüdischen Schwesternheim in der Dillmannstr. 19, in dem seit der Gründung 1905 Häusliche Krankenpflegerinnen ausgebildet wurden, die ihre Privatpatienten in deren Wohnungen in und um Stuttgart versorgten, doch Ende 1940 wurde es wesentlich zum einem weiteren Zwangsaltersheim. Am 13. Februar 1942 wurde Recha nach Schloss Eschenau transportiert und dann am 22. August 1942, zusammen mit ihrer Mutter, im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert.
Recha war unter den 1500 Insassen von Theresienstadt , die in einem einzigen Zug aus dem Lager in die Freiheit in die Schweiz gelangen konnten. Nach ungefähr 1 ½ Jahren in der Schweiz, zunächst in zwei Vertriebenenlagern und dann als Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus in Basel, gelang es ihr in die USA auszuwandern. In den USA lebte sie in Ithaca mit Simon, Grete und ihren beiden Kindern. Sie arbeitete die meiste Zeit ihres Lebens als Krankenschwester in der Klinik in Ithaca. Sie starb am 8. Juli 1977.
Otto, das jüngste von Bettys und Julius´ Kindern, wurde am 10. März 1905 geboren. Als er etwa 20 Jahre alt war zog er nach Wiedenbrück in Westfalen und heiratete am 25. August 1938 Hilda Julia, geb. Rotherburg in Hannover. Wie sein Bruder und anders als seine Schwester war es Otto möglich vor Kriegsausbruch aus Deutschland zu fliehen. Er und Hilde konnten eine Passage nach Südafrika bekommen und von dort aus gingen sie nach Nordrhodesien, wo er als Buchhalter arbeitete.
Sie hatten zwei Söhne in Ndola. Beide Söhne zogen schließlich nach Johannesburg, Südafrika. Der Ältere um seinen Bildungsabschluss zu machen und der Jüngere wegen besserer Arbeitsmöglichkeiten und als Otto in den Ruhestand ging, zogen er und Hilde ebenfalls dorthin. Otto starb am 23. April 1973 und Hilde am 29. August 1985.
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