Biografie von Hermann, Berta und Margot Wesly
Hermann und Berta Wesly, Tochter Margot
Der jüdische Kaufmann und Verleger Hermann Wesly wurde am 31. Oktober 1871 in Aachen geboren. Seine Familie besaß die niederländische Staatsbürgerschaft und wurde 1882 in Deutschland eingebürgert. Im Mai 1907 heiratete er in Halle (Saale) die hier am 5. Februar 1888 geborene Berta Rosenberg. Im Jahr darauf kam in Halle am 25. Januar 1908 ihre Tochter Margot zur Welt.
Aus geschäftlichen Gründen zog die junge Familie 1911 nach Leipzig. Von 1915 bis 1936 wohnte sie in der 3. Etage der Ferdinand-Rhode-Str. 19.
Hermann Wesly wurde Mitinhaber des 1906 gegründeten Max Beck Verlages (Grassistr. 22). Die zunächst kleine Firma vertrieb Zeitschriften und Reklameschriften. In den 1920er Jahren erweiterte der Verlag sein Portfolio um Theaterprogramme und Theaterstücke. Gleichzeitig hielt Hermann Wesly Anteile an anderen Firmen, so an der Firma „Rationell“ Maschinenbau GmbH (Herstellung von Buchdruckmaschinen, gegr. 1924). Nach 1930 gründete er den Thalia Musikverlag mit dem Schwerpunkt Oper, Operette, Ballett und Schauspiel sowie dessen Bühnenvertrieb. Der österreichische Komponist Nico Dostal („Prinzessin Nofretete“) ließ in den 1930er Jahren mehrere seiner Kompositionen bei Hermann Wesly verlegen und erwähnt ihn explizit in seiner Biographie („Bis ans Ende deiner Träume kommst du nie“). Der Verlagssitz des Thalia Musikverlags war Mitte der 1930er Jahre in der Beethovenstraße 25 im Leipziger Musikviertel.
Tochter Margot besuchte unterdessen die „1. Höhere Mädchenschule“ (heute: Evangelisches Schulzentrum) und schloss sie 1927 mit der Reifeprüfung ab. Anschließend studierte sie bis 1932 Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Leipzig und München. Im November 1933 promovierte sie in Leipzig zum „Doktor der Philosophie“.
Vermutlich unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten strebte Hermann Wesly eine Ausreise aus Deutschland an. Die Weslys beschlossen 1934, die niederländische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Dazu legten sie die deutsche ab und stellten Anträge für ihre Fremdenpässe. Doch zum Wechsel der Staatsbürgerschaft kam es nicht.
In einem langen Prozess der sog. „Arisierung“ wurde Hermann Wesly enteignet. Um noch einen Teil seines Verlages zu retten, gründete er 1936 die „Bühnenvertrieb Thalia G.m.b.H.“ mit nichtjüdischen Anteilseignern. Doch Parteigänger der Nazis bemächtigten sich bis 1944 endgültig des Verlages und sicherten sich die Lizenzen über den Krieg hinaus, indem die Firma in Wiesbaden neugründet wurde.
Obwohl Hermann bis 1938 immer wieder Passanträge stellte, um Deutschland verlassen zu können, gelang eine Flucht nicht. Seine Bemühungen kamen vor allem im Sommer 1938 ins Stocken, nachdem er einen Verkehrsunfall mit Knochenbrüchen und schweren Verletzungen erlitt. Zumindest gelang Tochter Margot im März 1939 noch die Flucht nach England, wo sie von 1940-1943 auf der Isle of Man im Rushen Camp Frauenlager interniert war, als „enemy alien civilian internee“. Danach verliert sich ihre Spur.
Nach Ausbruch des Krieges kam es zu mehreren Verhaftungswellen. So wurden die Eheleute im Oktober 1939 für 10 Tage im Rahmen einer „Sonderaktion“ inhaftiert. Kurz darauf, im Zuge des Attentats auf Hitler durch Georg Elser in München, wurde Hermann Wesly am 9.11.1939 wieder verhaftet und kam erst nach über einem Monat wieder frei.
Am 19.09.1942 wurden die Eheleute nach Theresienstadt deportiert. Im Vorfeld wurde ihnen das gesamte verbliebene Vermögen abgenommen. Mittels sog. „Heimeinkaufsverträge“ wurde den Betroffenen vorgetäuscht, mit ihrem eigenen Geld bis an ihr Lebensende in Theresienstadt versorgt zu sein. Der NS-Staat konfiszierte auf diese Weise noch 135.000 Reichsmark von den Weslys. Doch Theresienstadt war nur eine Verschleierung der Absicht zur Vernichtung der Menschen im besetzten Polen. Am 18. Mai 1944 wurden Berta (56 Jahre) und Hermann Wesly (72 Jahre) nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Quelle: Petra Dehmel: Der Thalia Musikverlag. – In: Journal Juden in Sachsen / hrsg. v. Deutsch-Russisches Zentrum Sachsen e.V., 2010
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