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Familie Woskin

Biography of Mojssej, Fanja and Tamara Woskin

Familie Woskin – Gustav-Mahler-Str. 21

Mojsssej (Mojsh) Moses Woskin wurde am 16.12.1884 in der jüdischen Ackerbauer-Kolonie Grosser Nahartav in der Nähe von Cherson (Ukraine), geboren. Woskins Vorfahren kamen Mitte des 19. Jahrhunderts dorthin, nachdem die Behörden des Russischen Reiches den Juden die Möglichkeit gegeben hatten, die unterentwickelten Gebiete im Süden zu besiedeln. Die jüdischen Kolonisten nannten ihre Siedlung Nahartav (נהר טוב - guter Fluss). Später fügte Mojssej die Erwähnung seines Geburtsortes zu seinem Nachnamen hinzu und nannte sich fortan Woskin-Nahartabi.
Von den Bewohnern der Kolonie wurde erwartet, das Land zu bewirtschaften, doch Mojssej zeigte größeres Interesse am Lernen – möglicherweise beeinflusst von seinem Großvater mütterlicherseits, Dow Menkes, einem Rabbiner aus Schitomir. Nach dem Abschluss der Grundschule in seiner Heimatkolonie widmete er sich drei Jahre lang dem Studium der alten jüdischen, vor allem talmudischen Literatur an Lehrstätten (Jeschiwot) in Litauen.

Im Jahr 1904 kam er nach Deutschland und begann in Frankfurt /M. seine Ausbildung für rabbinische Berufe. Mojssej Woskin hatte einen langen und schwierigen Weg zur Hochschulbildung. Im Alter von 27 Jahren erwarb er am Berliner Königlichen Prinz-Heinrich-Gymnasium die Hochschulreife. An der Berliner Universität schrieb sich Woskin für Geschichte und Philosophie ein. Gleichzeitig studierte er an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“ in Berlin.
Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges musste er als russischer Untertan Berlin verlassen und zog nach Halle/Saale, wo er als Lehrer arbeitete. In dieser Zeit wurde er Zionist und beschäftigte sich intensiv mit der hebräischen Sprache als die Grundlage einer Nationenbildung. Als es nach dem Krieg für Mojssej Woskin wieder möglich wurde, studierte er ab 1918 an der Universität Halle-Wittenberg orientalische Philologie. Seine Promotion 1923 beschäftigte sich mit der Entwicklung der hebräischen Sprache. Im Jahr 2025 wurde Woskins Dissertation auf Initiative der Universität Halle veröffentlicht.

Im Herbst 1923 gründete er in der Leipziger Pfaffendorfer Straße 4 die erste private hebräische Schule in Deutschland mit dem Namen „Techija“ (Wiederbelebung). Zur Schule gehörte auch ein Kindergarten. Kurz vorher hatte er ein hebräisches Lesebuch für Kinder „Liladenu“ veröffentlicht, das von Raphael Chamizer illustriert wurde. An der „Techija“ konnten Kinder und Erwachsene sowohl altes und modernes Hebräisch als auch jüdische Geschichte, Literatur und Geografie Palästinas lernen.
Vermutlich in dieser Zeit lernte er Fanja Mittelmann kennen. Fanja wurde am 1.8.1892 in Mohilew (dem heutigen Weißrussland) geboren und war das jüngste Kind einer großen Familie (12 Kinder) des Privatanwalts Aisik Mittelmann. Ihre Jugendjahre verbrachte sie mit ihrer älteren Schwester Lina Asimowa-Mittelmann in Kursk. Nach dem Abschluss des Gymnasiums in Kursk trat sie in das medizinische Institut in Charkow ein und schloss 1922 ab. Nachdem sie kurzzeitig in Moskau gelebt und als Ärztin gearbeitet hatte, kam sie 1924 nach Leipzig, da ihre Verwandten - der ältere Bruder Abram (Adolf) Mittelmann und der Neffe Mitja Briker, beide im Pelzhandel tätig, sowie ihr Cousin der Fotograf Abram Mittelmann (siehe Stolpersteine im Petersteinweg 15) - bereits dort lebten. Zunächst arbeitete sie am Krankenhaus St. Jacob. Fanja und Mojssej heirateten im September 1926 im böhmischen Franzensbad. Im Jahr darauf kam am 3.9.1927 ihre Tochter Tamara in Leipzig zur Welt. Danach betrieb Fanja Woskin-Mittelmann eine physiotherapeutische Praxis. Seit 1930 wohnte die Familie in der damaligen Wiesenstr. 21.

Mojssej Woskin-Nahartabi lehrte in Halle an der Philosophischen und Theologischen Fakultät, war Lektor für Rabbinische Literatur und Hebräische Sprache an der Universität und einer der führenden Sprachwissenschaftler seines Faches vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten. Ebenso engagierte er sich in Leipzig innerhalb der Israelitischen Religionsgemeinde für die jüdische Schulbildung. Noch heute würdigt die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Leistungen und Verdienste Woskins mit der Ausschreibung eines „Mojzis Woskin-Nahartabi-Stipendiums“.
Das Berufsverbot für jüdische Angestellte im öffentlichen Dienst nach 1933 erfasste auch die jüdischen Gelehrten an den Universitäten („Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“). Zwar konnte Mojssej Woskin durch die Intervention einzelner Dekane noch bis Mitte 1935 Lehrveranstaltungen durchführen, doch dann wurde auch er entlassen. Auf Grund seiner hervorragenden Reputation erhielt er ein Angebot vom „Obersten Rat der jüdischen Kultus-Verbände in Böhmen und Mähren“ mit Sitz in Prag, um den jüdischen Religionsunterricht zu reformieren. Im Frühjahr 1936 verließ Woskin Leipzig. Die Wohnung in der Wiesenstraße wurde aufgegeben und Fanja Woskin zog mit ihrer Tochter Tamara zu Abram Mittelmann in den Petersteinweg. Im Juni 1938 folgte sie ihrem Mann nach Prag.

In Prag gründete und leitete Mojssej Woskin ein Rabbinerseminar, das sich auf die Ausbildung von Religionslehrern konzentrierte. Später arbeitete er als Hebräisch-Experte im sogenannten „Talmudkommando“ und katalogisierte die im Jüdischen Zentralmuseum Prag gesammelten jüdischen Bücher und Manuskripte. Seine Tochter Tamara unterstützte ihn dabei als seine Schriftführerin. Tamaras Krankheit war der Grund dafür, dass er die Auswanderungserlaubnis, die ihm mit Hilfe seiner Freunde in Palästina erteilt wurde, nicht in Anspruch nahm.
Im Juli 1943 wurde die Familie von Prag in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Auch dort lehrte Mojssej Woskin hebräische und arabische Sprache und hielt Vorträge. Am 19. Oktober 1944 wurden Mojssej Woskin-Nahartabi (59 Jahre), Fanja Woskin-Mittelmann (52 Jahre) und Tamara Woskin (17 Jahre) nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Quellen:
1) Lebenslauf von Dr. Mojssej Woskin-Nahartabi - Jüdisches Museum in Prag
2) Barbara Kowalzik: Lehrerbuch. Die Lehrer und Lehrerinnen des jüdischen Schulwerks 1912-1942, vorgestellt in Biogrammen. Leipzig, 2006.
3) Michal Bušek “Hope is on the Next Page” – 100 Years of the Library of the Jewish Museum in Prague. Prague, 2007.
Patenschaft: Familie Wennrich

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